Viele Fenster, ein Haufen Einstellmöglichkeiten, große Systemanforderungen und viel Festplattenplatz - das sind die Nachteile der großen Audio- und Midi-Hosts wie Logic, Cubase, Nuendo und Digital Performer. Tracktion tritt an, mit mehr Übersichtlichkeit den Workflow zu verbessern und die Lernkurve zu verkürzen.
Text: Benjamin Weiss aus De:Bug 82

Tracktion
Schlankes DAW ohne Ballast

Minimalistische Schlankheit ist das Credo von Tracktion, und so kommt es mit gerademal drei Fenstern aus: Project, Settings und Edit, die jeweils den kompletten Bildschirm einnehmen. Zur Integration von anderen Programmen wie Live und Reason kommt Tracktion mit ReWire 2.0 Unterstützung.

Projects
Das Projectfenster bietet die browserähnliche Übersicht über sämtliche Projekte, die bereits mit Tracktion erzeugt wurden, und zwar nicht nur über die Song (Edit)-Files, sondern auch alle Audiofiles, die direkt vorgehört werden können. Außerdem gibt es für jedes Audiofile eine History, die alle Bearbeitungen durch Tracktion enthält, sowie die Möglichkeit, direkt im Projectfenster Bearbeitungen wie Normalisieren, Samplerate-Konvertierung usw. vorzunehmen. Eine Suchfunktion ist ebenfalls integriert, allerdings noch nicht wirklich funktionsfähig: Sie findet in der aktuellen Version nur Files, nach deren Namen mit der exakt richtigen Schreibweise gesucht wurde. Ansonsten lassen sich Projekte aber auch komfortabel exportieren, wahlweise als ein Tracktion File oder auch als einzelne Files. Die Audiofiles können unkomprimiert oder im Ogg Vorbis Format mit bis zu sechzehnfacher Komprimierung exportiert werden, was natürlich zum Austauschen per Netz sehr praktisch ist. Schließlich kann man im Projectfenster noch ein wenig aufräumen, um beispielsweise nicht benötigte Soundfiles zu löschen, oder ein Projekt nur mit den tatsächlich benutzten Audiofileausschnitten zu speichern.

Settings
Tracktion arbeitet nur mit den Formaten .AIFF und .WAV, die dafür aber in allen Samplerates gebutzt werden können. Die interne Auflösung ist wie bei der Konkurrenz 32 Bit Floating Point. An PlugIns wird ausschließlich VST unterstützt, Audio Units sind leider nicht dabei. Mitgeliefert werden die Effekte Reverb, 4-Band EQ, Delay, Chorus, Phaser, Compressor und LowPass, die allesamt nichts Besonderes sind, aber ordentlich klingen. Das Settings-Fenster kommt eher unspektakulär daher: Neben der PlugIn-Verwaltung, der Zuordnung von Tastaturkürzeln und den Einstellungen für Audiokarte und MIDI-Interface lassen sich Undo Level und Scratch Disk festlegen. Die Anzahl von Audiotracks und Effekten ist übrigens nur vom Hostcomputer abhängig, Tracktion selbst setzt diesbezüglich keine Grenzen.

Edit
Das Hauptfenster von Tracktion ist das Edit (Arrange)-Fenster. In der Mitte befinden sich die Tracks, links daneben die Audio- und Midi-Eingänge, die sich anfassen lassen und dadurch den jeweiligen Tracks zugeordnet werden können. Rechts neben den Tracks gibt es zunächst für jeden Track ein Volume/Pan- Modul, daneben das Lautstärkemodul und am rechten Bildschirmrand schließlich Mute und Solo. Wenn man nun ein neues PlugIn in einen Kanal bringen will, zieht man einfach ein “New Filter”-Icon an die entsprechende Stelle, wählt das PlugIn aus und fertig. So weit so gut und nichts wirklich Besonderes, aber es besteht auch die Möglichkeit, auf ein und demselben Track verschiedenen Clips verschiedene Effekte zuzuweisen, indem man diese nicht in den Kanalzug, sondern direkt auf den Clip zieht. Editierbar werden die PlugIns, wenn man sie anklickt. Eine weitere Besonderheit ist die Möglichkeit, auf einem Track sowohl MIDI als auch Audioinformationen zu haben. Tracks können auch beliebig geroutet werden: wahlweise auf einen anderen Track oder auf die jeweiligen Hardwareausgänge.
Aber auch Live-Effekte sind mit den sogenannten Racks möglich: Hier kann man Effekte reinziehen, deren Ein- und Ausgänge dann mit den Anschlüssen der Soundkarte und des Midi-Interfaces verschaltet werden können. Selbst äußerst komplexe Effekte mit vielen PlugIns lassen sich so realisieren und, natürlich immer abhängig von der Latenz der Soundkarte, live benutzen. Da ein und derselbe Ausgang auch mehrmals verschaltet werden kann, ergeben sich wirklich sehr interessante Möglichkeiten. Die so erstellten Effektracks kann man auch einzeln abspeichern und bei Bedarf wieder aufrufen, was auch für PlugIn-Ketten für die Tracks gilt. Das untere Viertel des Bildschirms nehmen die Transportleiste und die Parameter für den gerade selektierten Track ein. Für Audiotracks/Clips gibt es die üblichen Parametersätze zur Quantisierung, Selektierung, Timestretching usw. Praktisch sind Features wie das Neureferenzieren von Audiofiles und die verschiedenen Crossfades, sowie der integrierte Audio-CD Ripper. Das Schneiden ist leider nur an der Cursorposition oder den Markern möglich, hierfür gibt es kein Werkzeug. Der Midi-Editor ist in Form eines Pianorolls realisiert und bietet neben der Eingabe von Noten (schönes Detail: Hier kann eine Note auch von ihrem Ende bis zum Anfang gezogen werden) auch die Erzeugung von beliebigen Controllerdaten im gleichen Fenster. Ein bisschen unpraktisch ist dabei der Ausschnitt, der sich vertikal zwar gut verschieben lässt, aber aufgrund des Ein-Fenster Prinzips nicht so ganz den gewohnten Überblick erlaubt. Ansonsten gibt es midi-technisch eigentlich alles, was man so braucht. Auch an die Automation wurde natürlich gedacht: Alle Parameter der PlugIns sind automatisierbar, wobei die Automationskurve aufgenommen oder gezeichnet werden kann, was direkt auf dem jeweiligen Track geschieht.

Das Konzept von Tracktion, immer alles Wichtige im Blick zu behalten,
geht voll auf, ohne dass man auf wichtige Parameter und Funktionen verzichten müsste. Die übersichtliche Oberfläche ohne pseudorealistischen Schnick ist größtenteils selbsterklärend, die zuschaltbare Popup-Hilfe ist sehr praktisch und erinnert ein wenig an Abletons Live, was auch für die Oberfläche gilt. Natürlich gibt es eine Menge Funktionen, die weiterhin nur auf den “großen” DAWs möglich sind, sehr groß ist der Abstand aber nicht, zumal Tracktion mit 80 USD auch nur einen Bruchteil von dem kostet, was man für diese ausgeben müsste. Aber auch Tracktion hat der Konkurrenz ein paar Features voraus: Die Archivierung und automatische Komprimierung erleichtern die Zusammenarbeit über das Internet und der schlanke Installer und die geringen Systemanforderungen sind weitere Argumente. Die einzigen Kritikpunkte sind für mich die fehlende Schere und der gelegentlich ein wenig unübersichtliche Midi-Editor.
Alles in allem aber sehr empfehlenswert!

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Elektronische Lebensaspekte.