Text: Verena Dauer, Tobias Vethake, Ingrid Arnold aus De:Bug 68

Ist digital oder kommt digital drin vor: Voilà, eine ungerechte Auswahl unserer Lieblingsdigimusikvideos.

BUSTA RHYMES/ Break Ya Neck
Regie: Hype Williams
Auch wenn der Anteil von Computeranimationen in diesem Video eher gering ist, so ist die Platzierung doch so auf den Punkt, dass man es hier einfach ansehen muss. Nachdem wir dem Busta ca. zwei Minuten bei seinen üblichen Tätigkeiten (Rappen, Frauen anbaggern, Cruisen…) zugeschaut haben, bricht die Musik und das Setting in der Mitte des Songs plötzlich ab. Wir befinden uns nun in freier Wildbahn. Der Busta, mit seitlich geflochtenen Haaren zum Widder stilisiert, sieht sich einem Ebensolchen in natura gegenüber. Nach der kurzen Aufforderung: “Ya wanna mess with me?” (herrlich absichtlich Lippen-unsynchron) stürzen sich beide Protagonisten mit dem Kopf voran aufeinander. Ihre Schädel krachen zusammen, der echte Widder taumelt schließlich zurück und stürzt. Der Busta lacht, die Musik geht weiter. Das Ganze ist täuschend echt, herrlich absurd und flashig. Man könnte sicherlich sagen, dass hier das zuvor im Ghetto-Kontext dargestellte Revierverhalten durch ein archaisches Bild visualisiert wird – man kann es aber auch lassen und nochmal zurückspulen: “Ya wanna mess with me?”
[T.V.]

CHEMICAL BROTHERS/Star Guitar
Regie: Michel Gond
Beim flüchtigen Reinzappen in dieses Video denkt man: “Naja, ganz nett!” Die Musik läuft, dazu eine aus dem fahrenden Zug gefilmte Landschaftsaufnahme farbloser, britischer Industrievororte. Minimalistisch und Low Budget das Ganze, was soll’s? Beim zweiten Hinsehen fällt einem auf, dass die vorbeiziehenden Industrie- und Bahnbauten sich irgendwie seltsam wiederholen, und beim dritten Hinsehen merkt man schließlich, dass jeder Pfahl und jedes Gebäude exakt auf die Beats und Sounds des Songs abgestimmt sind. Die Szenerie wurde präzise am Computer auf die Ereignisse in der Musik getimet, aber so unmerklich, dass man es erst spät entdeckt. Am auffälligsten wird dieses Prinzip bei der Verlangsamung des Zuges in der Mitte des Songs, wenn sich mit dem Schließen eines Synthesizer-Filters das Licht verändert; es wird Abend und wir gleiten, passend zur Musik, langsam an einem Bahnhof vorüber. Künstlicher Naturalismus in der Verschmelzung von Musik und Bild: Groß!
[T.V.]

Busta Rhymes feat. Janet Jackson: What’s it gonna be?
Regie: Hype Williams
Lecker Flüssigmetall-Morphing von Hype Williams, von dem auch die schönen Clips für Missy Elliott in Insekten- bzw. Kampfroboter-Rüstungen sind: Busta Rhymes wird aus einem Glas Wasser als Glibbermann geboren, wie es der Terminator II bei James Cameron schön reibungslos vorgemacht hat. Busta tropft, schmilzt, wabert durch eine silbern schimmernde Umgebung und generiert eine Geschmeidigkeit, in die man sich reinkuscheln möchte. Und materialisiert sich, wie immer in seinen Clips gut angezogen, in silberner Rüstung samt glänzenden Sneakers. Sein zweites Outfit ist eine silberne Blechuniform, im Schlepptau hat er eine gesichtslose Blaskapelle als Verweis auf den “Zauberer von Oz”. Er wird zum durchsichtigen SciFi-Kopfmonster, das rumgleitet und die Zähne beim Rappen bleckt. Seine Umgebung besteht aus fest geometrischen Formen, aus einem Raum, bei dem sich Kacheln als kantige Blöcke aus der Wand rausschieben. Gegen die Kuben singt Janet Jackson in einer Sphäre aus weichem Metallsamt an. Sie ganz walle-rausch im ösenbesetzten lila Domina-Lackkleid, umwogt und umspült von silber-violetter Flüssigkeit. Alles wellenkräuselt sich. Die einzige Konstante ist ihr im Decolleté prall zusammen gequetschter Busen, auf dem kleine Busta Rhymes-Wassertropfen zerspringen. Flüssigkeit und Sex, ok ist offensichtlich. Und was folgt, ist ein wunderschön dynamisch tröpfelndes Ineinanderglitschen der beiden in Flüssigmetall. [VERENA]

Röyksopp – Eple
Regie: Thomas Hilland
Röyksopps easy listening-Gefrickeltrack “Eple” macht sich exzellent im eng anliegenden, quietschgelben 70er-Thermo-Outfit zum Après Ski an der Berghütte. Und deshalb besteht hier die Welt aus Postkarten und Urlaubsbildern mit Menschen als eingefrorenen Setzkastenmännchen in der Landschaft. Bilder werden zu gezoomten Photoshop-Schnipseln, die sich aneinander reihen, ineinander übergleiten und durch ihre rangezoomten Details von einem Bild ins nächste überleiten. Schnipselrealitäten, die mit dem angegilbten Charme Geschichten auf den Fotos aus den 70ern und 80ern ausplaudern. Seien es Fotos vom relaxten Wanderurlaub vor dem Alpenpanorama mit aufdringlich schwimmbadblauem Himmel, tolle Apartments vor südlichen Betonwüsten oder Campingfamilien in Schlaghosen und fesche Segler; oder Kinderfotos. Darum auch Kuriositäten wie Mädchen mit weißem Hund vor Kirche oder feucht-fröhliche Dauerwellen-Damen in Kittelschürzen bei ausgelassenem Gelage auf der eichenrustikalen Eckbank. Es sind Postkarten vom Flohmarkt, voll verfranzt mit künstlich dick aufgetragenen Farben. Die geben dem Andenkenfoto eins auf die Verfremdungsmütze. Als könnten sie mit den Farben auch dramatische Gefühlslagen in fetten Schichten nachträglich auftragen und das Erlebnis in der Erinnerung gewichtig machen, wie das damals die grell nachkolorierten Filme der 50er-Jahre mit pathetischer Farbgebung versuchten. Mittlerweile werden die Motive der Postkarten auf Mousepads verhackstückt. Auch schön farbig. [VERENA]

Die Goldenen Zitronen – Flimmern
Regie: Deborah Schamoni, Ted Gaier (Smoczek Policzek)
Deborah Schamonis Clip zu “Flimmern” von den Goldenen Zitronen ist beeindruckend blaustichig inszeniertes Cinéma-Vérité mit ein paar roten Flecken: Die Mitglieder einer Selbsthilfegruppe gegen was-weiß-ich-was verhalten sich sehr befreit und werfen allerlei Elektronikgerät an die Wände ihres kahlen Gruppenraums: Monitore, gerne iMacs, handliche Digitalkameras und natürlich eine Gitarre. Das ist im amateurigen Homevideo-Stil gefilmt, ein bisschen wie bei Fatboy Slims “Praise you” (Spike Jonze, 1997) – bloß dass hier weniger getanzt wird. Stattdessen tritt die eine und der andere kontrolliert-aggressiv aus dem Kollektiv und agiert, teils untertitelt, nur entfernt assoziativ zum Songtext: “Was soll’n die Nazis raus aus Deutschland … hier gehör’n sie hin.” Ein wenig in den Schnitt gefallen ist die letzte Wendung des Clips, in der sich die Selbsthilfegruppe als Galeriepublikum entpuppt. Mit der verfilmten Performance gewann ‘Flimmern’ den Publikumspreis der Kurzfilmtage Oberhausen. Nun ist der Clip noch mal europaweit auf Kino-Tour zu sehen: http://www.kurzfilmtage.de [Ingrid Arnold]

Björk – It’s In Our Hands
Regie: Spike Jonze
Björks Videos laufen außer Konkurrenz. Von Spike Jonze (u. a. Beastie Boys’ “Sabotage” 1994, Björks “It’s Oh So Quiet” und das rückwärts gedrehte “Drop” von Pharcyde – beide 1996, “Elektrobank” von den Chemical Brothers 1997, und – natürlich – “Being John Malkovich” 1999 und Fatboy Slims “Weapon of Choice” 2001, sowie der neue Spielfilm “Adaptation” – Kinostart am 6. März) mit Army-Nachtsichtgerät und fluoreszierenden Kontaktlinsen in einem grünstichigen Quasi-Schwarz-Weiß gedreht, ist “It’s In Our Hands” eine dieser unvergesslichen atmosphärischen Bilderfolgen: Björk duckt sich als kleines, hochschwangeres Elfenwesen zwischen Riesenpflanzen hindurch, begegnet im dunklen Wunderland einem großen Frosch oder schwimmt mit Rochen und Quallen: “Look no further!” Man könnte in vier Minuten auch einen Kurzfilm erzählen. Björk bleibt dabei: eine visuelle Idee, einzigartige Performance, große Videokunst. Seit Chris Cunninghams Video zu “All Is Full Of Love” 1998 lief irgendwie kein Björk-Video mehr in der Heavy Rotation, keine der Single-Veröffentlichungen aus “Vespertine”. Ein Glück, dass sie mittlerweile alle Singles als DVD rausbringt – und es ihre Videos auf bjork.com als Quicktime gibt. [Ingrid Arnold]

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Elektronische Lebensaspekte.