Auf dem diesjährigen Mutek-Festival kollidierten die Introvertierten mit den Extrovertierten, die Abstrakten mit den Offensiven, bis alle das Gefühl hatten, ja, es geht weiter! Sascha Kösch hat sich begeistert umgeschaut und eifrig die Geschehnisse protokolliert.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 84

Wer ist Richie Hawtin?
Das Mutek-Festival

Mutek war ja die letzten Jahre über so etwas wie ein Schlachtruf für Minimal. Das Festival überhaupt, wenn es darum ging zu definieren, was Clicks und Beats, abstrakte Granulate und smoothe Weiterentwicklungen von technologisch coolen Sounds sein können. Mutek war eine Art heile Welt. Ein Mikrokosmos im Gravitationsfeld von Microhouse. Marc Leclair war das Epizentrum. Um Akufen ist es still geworden, er ist die graue Eminenz dieses Festivals und obwohl er nicht auftritt, ist er überall präsent und kommt gerne zu nahezu jedem Abend mit dem Fahrrad geradelt, wenn er einen Babysitter gefunden hat. Aber Microhouse, nein, das will keiner der Kanadier mehr sein. “Wir sind weiter, wir sind auf der Suche, wir lösen uns aus diesem großen Schatten”, ist der Tenor aller kanadischen Acts auf dem Festival, die so sehr auf der Identitätssuche sind, dass ihnen die Samples aus Shuffle, Blues, Bluegrass, Jazz, Country usw. massiv aus den Samplern purzeln. Frivolous zieht sich eine Bäckermütze auf, Mossa wandelt Fusionjazz in einen dichten kickenden Pelz auf Funk um, Crackhaus (Deadbeat und Beaupré) übertreffen sich gegenseitig mit absurden Einfällen, Junior Boys flüchten sich in 80er-Housepop.

Kanada wird wieder breit
Und so, wie die Kanadier auf dem Weg sind in eine neue musikalische Breite, ist es auch Mutek. Pop ist kein Schimpfwort mehr, Albernheiten sind wieder ernst zu nehmen und: Klar kommen da auch die ersten Konfrontationen auf in der bislang heilen Welt, die so lange auf einer Linie funktioniert hat. Die Abstrakten vs. die Offensiven, die mit den offenen Ohren vs. die Stilfaschisten. Aber genau in diesem Clash (Mutek 2004 war 100% frei von Elektroclash, nicht dass wir uns falsch verstehen) lag die Qualität dieses Mutek. Denn fast alle, die hier zusammentrafen, hatten nicht nur die letzten Festivals noch in den Ohren, sondern trafen wirklich zusammen, denn Mutek ist letztendlich klein genug, um nicht zu einer Maschine wie Sonar zu werden, und dennoch groß genug, um wirklich bedeutend zu sein. Morgens auf den Panels und technischen Showcases wollte einfach auch jeder mit jedem reden, und selbst wenn es, wie auf dem Panel über Sampling mit Herbert, John Oswald, Donna Summer und Pole, hoch herging, so dass man denken konnte, gleich springt Donna auf den Tisch und gibt ein Luftgitarrensolo zum Besten, Herbert kontert mit einem 1000-Jahre-Musikertradition und -werte vertretenden Klarinettensolo und John Oswald segelt auf Wolke 7 davon und streut das geclearte Weihwasser aus dem Schweiß seiner Plunderphonics-Sandalen, waren am Ende alle irgendwie einig, dass es weitergehen wird und dass sie alle gebraucht werden, diese verschiedenen Positionen, damit es weitergeht.

Pack schlägt sich, Pack verträgt sich
Basis für diese Situation, das Differenzen offen bleiben konnten und nicht gleich zu neuen Schismen wurden, war mit Sicherheit die perfekte Organisation von Alain Mongeau, der das Festival wie EIN großes perfektes Event mitsamt seiner Höhen und Tiefen inszeniert hatte, als wäre es eine zwanzigteilige Oper und die unermütliche Worker-Attitude von Jon Berry und einigen anderen am Handy. Von der poppigen Prelude mit Schneider TM, den Junior Boys und den deutschen Discomonstern Smith’n’Hack über den wundervoll humorvollen Nachmittag des clickernd abstrakt-ambienten, aber absolut ans Herz gehenden Thinkbox Collective ins Fegefeuer der schweren Improvisations-Soundwand eines Ilpö Väisänen und Pure/Dekam-Präsentation. Vom abstrakten Traum minimalster Sinustonfunkyness des Raster-Noton-Abends zur sanften Landung und zum ersten Tanz am nächsten Nachmittag mit einer Bandbreite an Kanadiern, die nichts ausließ (Frivolous, Mossa, Dumais, Shannon, Hunsberger), über den passenderweise völlig versauten “Coming of Christ”-Climax (Jon B.) von Plastikmans Historienrevision seiner letzten Dekade, die beim Frühstück am nächsten Morgen schon mal dazu führte, dass man auf “Wie war Richie?”-Fragen als patzige Antwort “Wer ist Richie?” bekam. Alles gilt auf Mutek, nur Stars sind eher Sternschnuppen. Dezentriert und drüber passte dann der nächste Nachmittag mit seinem Wirrwarr aus grummelnden Laptoploops von I8U und Magali Babin (die einzigen Frauen auf dem Festival, dafür schicken wir Alain zum Genderbendingnachsitzen, ach, Afroamericans auf dem Festival hätten auch gut getan, oder vielleicht mal ein Eskimo, die wohnen doch um die Ecke), Unterwasserimprorock von Angel, Quadratminimalfunk von einem sichtlich im Grinsen der Soundmanipulation versunkenen Errorsmith und dem rockend tanzenden Percussionkrümelmonster Portable, mit dem albernen Original Hamster am Ende als Auftakt für den Clubabend des Festivals schlechthin, der es tatsächlich geschafft hat, Isolée und Krikor mit Donna Summer und Crackhouse zu vereinen und alle auf dem Dancefloor zur Erlösung zu treiben. Und danach, was könnte besser sein, als ein paar DJs (Mutek ist ja eigentlich per se ein Liveact-Festival, nur Andrew Weatherall, der die tapfere Aufgabe hatte, nach Plastikman ein paar Platten spielen zu dürfen, und Matthew Herbert, der eigentlich laut eigenem Credo nur eigene Platten auflegen darf, waren da ausgenommen) im Park zu lauschen und am Ende dann noch von Geoff White, Burnt Friedman ausgedubbt und von Jamie Lidell weggesmasht zu werden. Mutek ist und bleibt eins der besten Festivals elektronsicher Musik, weil man das Gefühl hat, geleitet zu werden, einer Geschichte zuhören zu dürfen, und nicht nur Snapshots und Partyoverloadgeplauder mitbekommt, sondern eine Szene, die einlädt, um mit anderen aus aller Welt elektronische Musik zu zelebrieren. Das Einzige, was ich jetzt noch brauche, um glücklich zu sein, wären die neuen Akufen-Tracks, die Jon Berry irgendwo zu Hause auf seiner Festplatte hat. Ach, und eine Afterhour bei Marc mit Familie und Wein das nächste Mal.

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Elektronische Lebensaspekte.