Während in den Neunzigern eine nackte Mutter auf Modezeitungen noch als "fffortschrittlich" galt, ist mit so einem restlosen Aufgehen in der Mutterrolle jetzt Schluss. In 2002 konnte man hochschwanger sein und sich über seine Aufgeblasenheit beschweren (wie Charlotte Roche) oder einfach überhaupt nicht darauf eingehen (wie Natasha Hamilton von Atomic Kitten). Ab sofort jedenfalls schluckt der Zustand nicht mehr die ganze Person. Puh.
Text: Mercedes Bunz aus De:Bug 67

2002 oder die Normalität des Mutterseins
Endlich ein ernstzunehmendes Hobby unter vielen

Da die Bedeutungen von Ereignissen immer erst im Nachhinein ihre geschichtliche Dimension und Patina bekommen, alles also erst mit seiner Wiederholung anfängt, genau wie Jacques Derrida es uns immer verklickert hat, steuern wir die Wiederholung mal in unsere Richtung: Jungs, Mädels, haltet Euch fest! Atomic Kitten haben neben Charlotte Roche und einigen anderen 2002 dafür gesorgt, dass die Rolle des Mutterseins maßgeblich mythologisch erleichtert wurde. Zwar haben es noch wenige bemerkt, mit Betonung auf noch, aber soviel ist klar: 2002, das wird einmal das Jahr sein, indem Muttersein zur Normalität wurde. Zur Normalität, das heißt, Muttersein wird ab sofort zu einem Aspekt unter vielen und okkupiert nicht mehr die gesamte Restperson, als wäre da nichts anderes mehr außer einem Aufgehen in einem dicken Bauch.

Während sich in den Neunzigern Supermodells und Schauspielerinnen schwanger für Modezeitungen entblätterten und gerührt die Hand auf ihren aufgeblasenen Bauch legten, ist mit so einem restlosen Aufgehen in der Mutterrolle jetzt Schluss. Ab sofort kann man hochschwanger sein, und sich entweder darüber zu recht beschweren wie Charlotte Roche oder nicht darauf eingehen wie Natasha Hamilton von Atomic Kitten. Tatsächlich hatten ausgerechnet die was Kulturrevolutionäres. Während Kerry Katona Anfang 2001 die Band noch verließ, um sich einer spannenden Zukunft als hauptberufliches Hausmütterchen zu widmen, nimmt Natasha Hamilton nicht nur einfach zwei Monate Babypause, und macht dann weiter. Nein. Sie krähte munter im letzten Video “The tight is high” mit, den Bauch hochschwanger, aber kein Stück exponiert. Es gab ihn, aber er war in ungefähr so wichtig wie ein Unterschenkel. Weder hat der Mainstream sie also in die Mutterrolle gedrückt, noch versteckt. Im Gegenteil, stattdessen bekam sie ihren Part wie jedes andere Kitten, ohne konzentriert schwanger irgendwelche Hände auf ihren Bauch legen zu müssen. Anstelle dessen folgte sie der hupfdohlenmäßige Choreographie wie die anderen, den Busen für den weiten Ausschnitt per Push-up-BH hochgeschnürt und sang “Every girl wants you to be your man, but I wait here till it’s my turn, I am not the kind of girl that gives up just like this.” Den Paarzustand braucht der Mainstream für Kinder jetzt also auch nicht mehr.

Zumutung

Dass der Mainstream also am Schwangersein vorbeikommt, ohne darauf zeigen zu müssen und sich diskursiv einzuschalten, das wäre das eine. Der andere Ruck im Mutterbild ist die Befreiung davon, sich dem fußballrunden Zustand nicht als göttliche Fügung zu beugen, sondern als vorübergehende Zumutung. Deshalb haben wir immer gerne Fräulein Charlotte Roche (wir senden Grüße!) zugehört, wenn sie sich genervt ob der eigenen Aufgeblasenheit beklagte, nicht mehr die eigenen Schuhe zubinden zu können oder nicht mehr durch die Studiotür zu passen. So ist das Leben.

Und weil wir wissen, dass das kommt, weil sich neulich schon mal jemand tödlich darüber aufregte, als ich Muttersein eben als “ein ernst zunehmendes Hobby unter vielen” betitelte: Auch wenn man darauf besteht, dass Muttersein nur eine Tätigkeit neben anderen ist – man sollte das auf keinen Fall damit verwechseln, dass man das Kleine nicht liebt, da macht man es sich dann doch zu einfach. Hingabe und ein Hauch von Professionalität sollten immer gefordert sein, bei allen Dingen die man tut.
Abschließend deshalb noch zwei Dinge. An alle Chiccas, die ein Kind wollen, nur weil sie sonst noch nichts weltbewegendes auf Reihe gebracht haben: Verschont das arme Ding. Und an alle Mamas, die glauben, nur weil sie einen Kinderwagen vor sich herschieben, müssten sie auf der Straße prinzipiell den Vortritt bekommen und nicht mehr nach rechts und links sehen – wir wissen gut, dass das ein kinderfeindliches Land mit zu wenigen Krippenplätzen ist. Aber Euch betrachten wir eiskalt als Backlash.

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Elektronische Lebensaspekte.