Text: kerstin Burdich aus De:Bug 23

Die holländische Architekturgruppe MVRDV entwickelt durch ihr innovatives Architekturkonzept der DATASCAPES Architektur aus Information. Gegründet wurde MVRDV, Office for architecture und urbanism, von Winy Maas, Jacog van Rijs und Natalie de Vries im Jahre 1991. Alle drei haben nach ihrem Abschluß an der Technical University Delft Erfahrungen in verschiedenen Büros gesammelt, unter anderen auch bei OMA, Mecanoo und Ben van Berkel, drei der innovativsten Büros der Niederlande, bevor sie sich selbstständig machten. Ihre Entwürfe zeigen exemplarisch ein Modell für ein neues Architekturzeitalter: die Energie der Stadt, die Energie der Gegensätze wird zum wichtigen Entwurfsziel. Lightness – ein Schlagwort, das die Entwürfe des Büros bestimmen – heißt immer auch “die wandlungsfähige Stadt”. Heißt auch: Warum nicht radikaler an die ganze Sache rangehen, künstliche Naturen schaffen (“in Holland ist die Natur künstlich”) und einen Park in ein 12. Geschoß legen. Alles ist möglich! Also: Sammeltaxen anstatt U-Bahnen, keine Gasrohre, sondern Elektroleitungen, Handys anstatt Telefonleitungen und Ökofilter anstatt Abwasserkanälen. Und das sind keine Utopien, es wird gebaut. Datascapes MVRDV entwickelte durch den immer stärkeren Einfluß dieser und anderer äußerer Faktoren ein eigenes Entwurfskonzept: “datascapes”. Alle Information, die zu berücksichtigen ist, alle Kraftfelder, die auf das Bauwerk wirken, werden zu visuellen Bildern zusammengefaßt. Durch die Überlagerung der verschiedenen “datascapes” entsteht ein enger Rahmen, in dem geplant wird, und so ergeben sich letztendlich neue Perspektiven und Möglichkeiten. Die gesammelte Information wird zu Architektur umgesetzt. Nur mit Hilfe von solchen “datascapes” kann sich ein Enwurf wie der niederländische Pavillion für die Expo 2000 in Hannover entwickeln. Geradezu waghalsig werden hier auf einem halben Quadratkilometer sandwichartig Landschaften übereinander geschichtet. Der Pavillon ist als Stapelung von Natur konzipiert, keine Fassade,sondern ein geschichteter und verdichteter Außenraum. MVRDV läßt dort im 4.Obergeschoss einen Wald entstehen, der seine Wurzeln in überdimensionalen Bluementöpfen im 3.Obergeschoss gründet, und ersetzt das Dach im 5. durch eine durchläßige Membran, die wiederum Windräder trägt, die Luft ins Bauwerk fächern. Verrückt. Und trotzdem: Die Überlegungen, die zu so einem Entwurf führen, sind leicht zurückzuverfolgen: die Niederlande sind ein dicht besiedeltes Land, von Wasser umgeben, warum also nicht Raum durch vertikale Ausdehnung gewinnen und Technologie mit Natur in Einklang bringen, ein künstliches Ökosystem mit geschlossenem Wasser- und Energiekreislauf bilden. Ein Miniökosystem, das alles bietet, was der Mensch zum Leben braucht. Den Fortschritt benutzen: Technologie hat das Feindbild verloren. Die Zukunft bauen Bereits realisierte Projekte der Gruppe zeigen eine neue Vielfältigkeit in dem Umgang mit bestehenden Entwurfsprinzipien. Ein Altenwohnheim (Wohnsorgekomplex) in Amsterdam , genannt WOZOCO. Während des Enwurfsprozesses stellten MVRDV fest, daß statt geforderter 100 nur 87 Wohnungen in dem Haus Platz fanden, also wurden die restlichen einfach in Vierergruppen an die Fassade gehängt. So entstanden vier herausragende Holzkisten, die über dem Boden zu schweben scheinen. Die Rückseite ist genauso spektakulär: Hier werden Balkone und Fenster geradezu arbiträr über die Fassade verstreut, die Verschiedenfarbigkeit der Gläser verstärkt den Eindruck der Willkür. Der Drang der Gruppe nach Individualität spiegelt sich auch in ihren Wettbewerbsentwurf für ein Baugelände am Spreeufer Berlins, der ehemaligen Ost-Westgrenze wieder. Sie nennen es Berlin Voids: In einem Block integriert sind dafür hunderte unterschiedlicher Wohnungstypen entstanden, die sich gegenseitig überlagern: das Snake-House, Chapel-House, Grotto-House, Halfsnake- House, Zino the Dino House, usw. Jede Wohnung bekommt ihre eigene Identität und Qualität. Schichtung, Überlagerung von Wohnungen. Fühl deinen Nachbarn! Und keine Anonymität. Das Konzept soll die sozialen Kontakte und die Identifizierung der Bewohner mit dem Gebäude fördern. Ein Ziel, das sich in allen Entwürfen MVRDV zeigt. Soziale Kontakte ermöglichen, den immer knapper verfügbaren Boden durch Erhöhung der Bebauungsdichte fördern, die Landschaft im Gebäude fortsetzen, individuelle Grundrisse schaffen, Funktionsmischung und Konfrontation: die Entwurfsprinzipien von MVRDV. Beispielhafte Architektur: Sie selbst sagen, daß sie die Grenzen ihres Berufes erreichen. MVRDV, ein Büro, daß sich mit den Veränderungen und letztendlich Neuerungen in der Gesellschaft beschäftigt, sie in ihre Entwürfen aufnimmt, keine Probleme wegdenkt und Ökonomie und Ökologie verbindet. Werke und Projekte: Berlin Voids, Concurso Europan, Primer Premio,1991 Church in Barendrecht, Holanda, 1993 Sloterpark Swimming- Pool,1994 Villa in Hasselt, Holanda, 1994/ 95 Two Houses in Borneo- Sporenburg, Holanda, 1996 Housing Silo in Amsterdam, Holanda, 1995 Balcony Dwellings in Zoetermeer, Holanda, 1997 Country Estates in Waddinxveen, Holanda, 1997 Dutch Pavilion for the Expo 2000, Hannover, Deutschland, 1997 Leidschenveen Town Centre, Leidschendam, Holanda, 1997 BUGA 2001+ Plant City, Potsdam, Berlin, Deutschland, 1997 Realisiert: Villa VPRO; Hiversum, Holanda, 1993- 97 WOZOCO’s Apartments for Elderly people; Amsterdam- Osdorp, Holanda, 1994-97 RVU Building, Hilversum, Holanda, 1994-97 Double House Utrecht, Holanda, 1995-97 Porters’Lodges in the Hoge Veluwe National Park; Holanda, 1994- 96 Unbedingt lesen: FARMAX- Excursion on density; MVRDV; Verlag: 010 publishers el croquis, MVRDV ARCH + Unbedingt anschauen: http://www.archinet.nl/mvrdv http://www.expo 2000.de

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Elektronische Lebensaspekte.