1980: Gitarren sind out, Synthies sind in. Aber scheiden tut weh. Also entwickelt die Firma Electro Harmonix das Effektgerät "Micro Synth", mit dem die Gitarre wie ein Synthie klingen kann. Aber nicht nur die. Andrew Pekler gibt Tipps zum kreativen Umgang mit seiner favorite Machine.
Text: andrew pekler & Holger Zapf aus De:Bug 88

My Favorite Machine: Electro Harmonix Micro Synthesizer

In den späten siebziger/frühen achtziger Jahren fing der Gitarren-Rock an, etwas von seinem Status als dominante Spezies der populären Musik zu verlieren. Disco, Punkrock, New Wave und nicht zuletzt HipHop trugen dazu bei, dass die Jugend Gefallen an Repetition, Kollage, programmierten Rythmen und synthetischen Klängen fand. Unter pubertierenden Musiknerds war das virtuose Gitarrenspiel von Jimi, Jimmy oder Eric nicht mehr das Top-Thema, eher MS 20 Patches, die Roland TR-808 und der neue heiße Scheiß überhaupt: MIDI.

Die Firma Electro Harmonix, die seit den späten sechziger Jahren erschwingliche und innovative Gitarrenbodeneffekte produzierte (unter anderem Klassiker wie der Big Muff Verzerrer, Small Stone Phaser und Electric Mistress Flanger), erkannte wohl auch die Zeichen der Zeit: Gitarren sind out, Synthesizer sind in. Um ihrer Gitarre spielenden Kundschaft beim Sprung in das neue Zeitalter zu helfen, hat Electro Harmonix wohl das Naheliegende gedacht: Es muss irgendwas her, das die Gitarre wie einen Synthie klingen lässt. Die Antwort 1980 war der Micro Synthesizer.

Im Gegensatz zu den anderen Gitarrensythesizern dieser Zeit war der Micro Synth die einizige für Amateurmusiker erschwingliche Variante (ca. 300-400 DM). Der niedrige Preis war aus einem einfachen Grund möglich – der Micro Synth war genau genommen kein “echter” Synthesizer, sondern ein geschickt konzipiertes Multi-Effektgerät. Andere Hersteller wie Roland und Arp setzten damals zur Tonerzeugung auf Oszillatoren, die durch teure Pitch-to-Voltage-Konverter angesteuert wurden. Das Problem bei Gitarren ist aber, dass sechs Saiten auch sechs Konverter erfordern, auf unsauberes Spiel reagierten diese zudem kapriziös, was sich in Form von unerwünschten Nebengräuschen äußerte. Electro Harmonix umgingen dieses Problem elegant, indem sie bei dem Micro Synth auf eine interne Tonerzeugung verzichteten. Somit ist das Eingangssignal auch gleichzeitig das Ausgangsmaterial, frei nach einem Grundsatz der Informationstheorie: Garbage In = Garbage Out. Dem Micro Synth ist es schlichtweg egal, womit er angesteuert wird, ob Gitarre, Drum Machine, Blockflöte oder Waldhorn, er ist für jeden Unfug zu haben.

Das Eingangssignal durchläuft zunächst einen Oktaver, der das Signal jeweils eine Oktave auf- und abwärts auf analogem Weg transponiert, das Ergebnis entspricht keineswegs den HiFi Normen, hat aber Charakter. Außerdem leitet das Gerät aus dem Eingangssignal eine einfache Rechteckwelle ab, die für die nötige Verzerrung sorgt. Die mittlerweile auf vier angewachsenen Signale können in einer Mischersektion in ihrer Lautstärke geregelt werden. Auch in der Weiterverarbeitung hat Electro Harmonix einen eher sparsamen Weg beschritten, die Lautstärkenhüllkurve beschränkt sich auf einen einzigen Attack-Regler (Sustain Level konstante 100%).

Danach kommt die Filter-Sektion, für die ich das Gerät sehr schätze. Zur Verfügung stehen Regler für Resonanz, Start und Stop Frequenz und Rate. Resonanz dürfte jedem Debug Leser klar sein, Start und Stop regeln die Tiefe und Charakteristik der Filterbewegung, Rate deren Geschwindigkeit. Mittels dieser Regler lassen sich z. B. Kontrabass-Samples problemlos zu Acid Loops morphen, schlaffe akustische Drums kann man ins Weltall schicken. Oder verwandle doch die 70er-Jahre-Heimorgel deiner Eltern in eine “Ambient Work Station®”. Mein Tip: Wenn man den Micro Synth in einen Effektweg des heimischen Mischpults hängt und ihn mit seinem eigenen Signal füttert, so dass eine Feedback-Schleife entsteht, spart man sich nicht nur den Anschaffungspreis eines Theremins, sondern auch das lästige Erlernen seiner Spielweise.

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Elektronische Lebensaspekte.