Auf Berliner Tanzflächen bahnt sich ein Minimal-Bürgerkrieg an. Coole Düsternis gegen neue Euphorie. Noch brodelt es knapp unter der Oberfläche, MyMy bringen ihre Legionen mit Liedern für die Lieben schon mal in Stellung.
Text: Anton Waldt aus De:Bug 106

Minimal

Gelungene Missionarsleistung
MyMy ist mit den Freundlichen

Ob es demnächst zum offenen Schlagabtausch in Berliner Clubs, zu hässlichen Szenen hinter den Decks und zu Diss-Orgien wie im lokalen HipHop kommt, ist noch keine ausgemachte Sache. Aber es brodelt unverkennbar, die Konturen der Kontrahenten werden erkennbar: “Das Album heißt ‘Songs for the Gentle’, weil wir kein Teil dieses lustfeindlichen Sounds sein wollen”, erklärt das Minimal-Kollektiv MyMy den Titel ihres ersten Longplayers, der gerade auf Playhouse erschienen ist: “Der gerade, sehr darke, unfunky Minimal-Sound mit runtergepitchten Vocals, dem es nur noch um den Afterhour-Appeal geht, ist krank. Keine Emotionen, keine Herzöffnung.” Womit der Gegner ausgemacht, wenn auch noch nicht benannt ist. Aber Letzteres würde auch zu grob gegen die Szene-Gepflogenheiten verstoßen, die eigentlich keinen Beef kennen und ein Rundum-Schulterklopfen und Mit-allen-unten-Sein vorschreiben. Daher ist es auch nicht als feiges Zurückrudern zu werten, wenn MyMy der Feindbeschreibung eine Relativierung hinterherschickt: “Darker Minimal hat seinen Wert und seinen Platz, als eine Klangfarbe, die man als DJ zur Verfügung hat, wir stehen auch auf das psychedelische Element, die Möglichkeit, die Leute schicken zu können. Aber das zum zentralen Stil-Element zu machen, ist nicht mehr nachvollziehbar. Es funktioniert auch ganz oft nicht, aber es wird komischerweise trotzdem abgefeiert und gehypt. Schleierhaft, wo das herkommt, auch weil man den Leuten, die dazu abfeiern, nicht unterstellen kann, dass sie kein Herz haben. Aber die halten das trotzdem 18 Stunden aus.”

Minimal-Feldtheorie
Das Muster ist typisch für MyMy: mittendrin sein und gleichzeitig neue Richtungen ausloten, die etablierten Clubs rocken und die Szene trotzdem nicht glorifizieren, repräsentieren und reformieren. In der Politik heißt das “Gang durch die Institutionen” und unter diesem Blickwinkel ist die leicht größenwahnsinnige Beschreibung aus dem Promotext von “Songs for the Gentle” als “einheitliche Feldtheorie des Berliner Minimal House” auch gar nicht mehr so vermessen. MyMy balancieren zielstrebig an der Grenze des geltenden Kanons, Mitmachen und Dabeisein ermöglichen eben auch die Gestaltung der gemeinsamen Zukunft. Gegen die verschuffelten Gruft-Arabesken der orthopädisch bedenklichen Gradlinigkeit setzt MyMy Wärme und Albernheit, eigentlich unsäglich bekloppte Samples und Sounds werden zu funktionierenden Loops verarbeitet, die Angst, sich lächerlich zu machen, wird schrittweise abgebaut: “Vor cheesy Sachen haben wir keine Angst, es könnten ruhig ein paar mehr DJs auch mal Käse auf ihre Plattenteller legen. Es funktioniert ja, wenn man sich mal traut, dann freut sich der ganze Club, sogar die sonst ganz Stumpfen.” Die ganz großen Rave-Gesten, Cut-Raum-Fanfare, findet man bei MyMy trotzdem nicht, hier ist das Kollektiv wieder im Szene-Konsens, jedenfalls noch: “Da sind wir vielleicht nicht couragiert genug. Aber wir lehnen auch so etwas wie Fanfaren nicht prinzipiell ab. Vielleicht weil wir noch Angst vor dem großen Vorschlaghammer haben. Wir haben kein Problem mit Käse, aber vor so offensichtlichen Maßnahmen, erst mal Respekt.” Eben Minimal erweitern und verändern, statt gleich das ganze Konzept über den Haufen zu werfen: “Mit Harmonien, Atmosphären und Gefühlen kann man die Crowd auch immer noch ohne Fanfaren rocken. Das Drum-and-Bass-Prinzip vom Break, in den der nächste Loop kracht und alle flippen aus, wird durch den Zwang zum nächsten Break auch schnell langweilig.”

Kein Berlin-KLF
MyMy sind aus einem Jungs-Ding aus Trinken und über Musik diskutieren hervorgegangen, Initialzündung scheint dabei die Missionierung von Lee Jones gewesen zu sein, der gerade von London kommend in Berlin aufgeschlagen war und mit geraden Kickdrums nie etwas am Hut, aber dafür als “Hefner” in Post-Jungle-Gefilden ein respektables Produzenten-Standing hatte. Die anderen MyMys Nick Höppner und Carsten Kleemann betrachten ihre Missionsarbeit am Downtempo-Freund inzwischen als rundum gelungen, Jones Produktionen sind für die MyMy-Dynamik ein elementarer Faktor. Zur ursprünglichen Runde gehörte übrigens auch ein stadtbekannter Journalist und Rave-Tunichtgut, trotzdem ist MyMy kein Berliner KLF mit Theorieabteilung, sondern eher ein Kollektiv, das sich organisch aus einem Freundeskreis entwickelt hat: lieber das eigene Ego zurückschrauben und dafür als Gang die Untiefen der Clublandschaft meistern, wobei die Rollenverteilung zwischen DJing, Produzieren, Live-Spielen und Repräsentieren nicht betoniert sind, nach den üblichen Reibereien leistet offensichtlich erst einmal jeder nach seinen Fähigkeiten und Vorlieben das seine zum Gelingen des gemeinsamen Projekts. Und das heißt: vom Berliner Minimal als Ausgangsbasis das große neue Ding anpeilen. “Es fühlt sich nach dem richtigen Gebiet an, um weiterzugehen. Es ist aufregend und eine gute Plattform, um hoffentlich etwas völlig Neues zu entdecken. Minimal-Techno, this shit is getting boring, what do we do next?”

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Elektronische Lebensaspekte.