Text: Jochen Bonz aus De:Bug 18

Weitere Mythen des Alltags ”‘Wir hatten zwar ursprünglich nicht gewählt, Cyborgs zu sein …” (Donna Haraway) Jochen Bonz jochenbonz@aol.com Cyborg im Anflug Ein Cyborg fliegt, eventuell an einem Fallschirm, möglicherweise hängt er auch an etwas anderem, da lassen sich nur Vermutungen anstellen, denn es geht zwar von den Schultern aus etwas nach oben hin weg an der Stelle, an der bei Menschen die Arme ansetzen, aber das hier sind irgendwie keine Arme: das hier wird irre breit und vielleicht zu einem Fallschirm, man weiß es bloß nicht, weil an der Stelle, wo sich das mal langsam entscheiden müßte, der Platz aufhört, auf dem die beschriebene Abbildung Platz hat. Der Platz ist das Label einer Schallplatte. Der Fallschirm müßte in den Rillen liegen. Er reicht sozusagen in die Musik hinein. Also ist die Musik derselbe Cyborg. Der Cyborg, der außerdem noch drei Draculazähne, eine Art Gürtel um den einen ‘Oberarm’ hängen hat und statt der Füße, nun, so Dinger, mit denen er unter Umständen gut gleiten kann – dieser Cyborg hat auch eine Narbe auf der Stirn, so etwas wie eine Weltkriegs-Pilotenbrille im Gesicht, Haarstoppeln oben auf dem Kopf und er fliegt oder fällt oder gleitet zwischen – man ist versucht zu sagen: Rußspuren hinterlassenden – fetten, nicht gerade in Formation fliegenden, aber offenbar schon in einem Zusammenhang stehenden, sich jedenfalls im Anflug befindlichen Bombern oder Raumschiffen. Wie man sicher merkt, an dem Bild ist mir etliches unklar, einige weniger vage Informationen kann ich ihm und seinem Kontext aber noch entnehmen. So findet es sich auf einer 1994 auf Djax veröffentlichten EP des Rotterdamers Like A Tim. Der hat es auch in das Booklet seines dieses Jahr veröffentlichten Albums “Yeah Right” (Geist Records) übertragen, und aus dem übergroßen Anhänger einer Halskette des Cyborgs geht außerdem hervor, daß es sich dabei um Like A Tim selbst handelt. Like A Tim malt immer solche Sachen auf seine Platten. Er malt sich als Cyborg. Als Monster, Alien. Zuletzt, vor einem halben Jahr, fragmentiert: Wo sich herkömmlicherweise der Kopf befindet, sind bei “Yeah Right” riesige, ovale Facettenaugen, so Insektendinger, dazu noch ein kleines “Mouthpiece” und ein noch kleineres “Earpiece” (zitiert nach Seite 2 des Booklets, dort gibt es eine Legende). Alles unverbunden, frei im Raum beeinander. So schließt sich auch kein Rumpf an, sondern der ist dann da eben einfach. Rot-lila-gestreift, mit kleinem Bäuchlein. Keine Beine. Armansätze auf der Höhe der Taille. Die Reste von Händen: wie die Phantasie eines urzeitlichen Maulwurfschaufel-Skeletts. Yeah. – Wo ist er da nur gelandet? Und kann man eigentlich trotz allem sagen, Like A Tim, der bürgerlich Tim soundso heißt, male ‘sich’? Cyborg sein wollen Die oder der Cyborg ist in den letzten Jahren als Metapher für hybride Identitätszustände von der us-amerikanischen Feministin Donna Haraway lanciert worden (z.B. in: “Die Neuerfindung der Natur”, Campus 1995). Es wurde in “Loving the Alien” Kluges über Aliens als Metapher für afro-diasporische, freilich ebenfalls hybride Identitäten gesagt. Ich möchte an dieser Stelle jedoch mit der amerikanischen und feministischen Philosophin Judith Butler über Cyborgs sprechen. Cyborgs im Sinne von durch kulturelle Veränderungen erzwungene, also sozusagen kulturelle Mutanten. Für Butler ist nicht nur nicht das biologische Geschlecht = dem sozialen Geschlecht, sie verweigert in ihrem Buch “Körper von Gewicht” auch die Gleichung biologisches Geschlecht = Körper. Butler thematisiert, wie Körper kulturell zustande gebracht werden. Denn nach Butler bedeutet einen Körper zu haben, durch Sprache und sexuelle Differenz und überhaupt durch Kultur markiert zu werden, einen Signifizierungsprozess zu durchlaufen, an dessen Ende man ihn dann hat, weiß, wie man ausschaut; dann hat man “im Symbolischen einen Platz” = einen Namen. Butlers Ansatz ist, nicht nur “Subjektpositionen im existierenden Symbolischen, im derzeitigen Bereich der Kulturfähigkeit, zahlenmäßig zu vervielfachen”. Vielmehr gehe es darum, “die Grenzen des Symbolischen selbst” zu erweitern, “eine Verschiebung im Symbolischen und des Symbolischen” zu erzeugen, indem der Begriff des Symbolischen temporalisiert werde. Anders gesagt: Indem, “was also unter dem Zeichen des Symbolischen operiert” nicht anders als eine Anzahl imaginärer Wirkungen zu verstehen sei, die naturalisiert wurden – willkürlich bzw. selbstverständlich aus bestimmten Gründen. Entscheidend für den Zusammenhang hier ist jedoch: ein Symbolisches, das derart von sich reden läßt, hat bereits an der Macht eingebüßt, die ihm abgetrotzt werden soll. Entsprechend ist Butler nicht nur Kämpferin für eine kulturelle Entwicklung, sondern deren Seismograph. Das heißt auch, es gibt ein Körper-, ein Namens-, das Problem nämlich, sozial, kulturell sichtbar werden zu können. In dieser Situation, und es sei dahingestellt, ob es sich bei ihr um eine eher totale oder vereinzelt erfahrbare handelt, sind alle Cyborgs: monströse Körper sind Realität, weil Normalität aufgehört hat zu existieren. Falls man in dieser Situation von Realität sprechen kann. Dann nämlich, wenn das Symbolische eine Verwandlung durchlief und sich nicht in einen Scherbenhaufen aufgelöst hat. Wie das wohl aussieht: Scherben aus weltkonstituierenden Strukturen? – Wissen müßten wir immerhin, wie cyborgianisches Begehren sich anfühlt, wie man in cyborgianischen Lebenswelten lebt. Cyborg sein müssen Nach seiner Landung hat der Cyborg sein Aussehen verändert (s.o.). Er hat seinen Kämpferkörper aufgegeben. Er hat sich cyborgianisch zivilisiert: Auf der aktuellsten Coverabbildung, ich kenne sie bisher nur von einer Anzeige in De:Bug (Titel: I like it when you don’t like it), hat der Körper schildkrötenähnliche Gesichtszüge und bewegt sich auf vier abstehenden Stümpfen in der Form vorne abgeflachter Zahnräder. Geradewegs nach einer Seite hin. Ganz umtriebig. Vor einer Maschinenkulisse? In einem spacigen Park? Was getan werden muß, macht offenbar Spaß. Zwar entbindet, was da nach der Landung gefunden wurde, dort, wo da gelandet wurde, offenbar nicht davon, Cyborg sein zu müssen. Aber es scheint möglich zu sein, dort, in dieser anderen symbolischen Dimension, in Frieden zu leben. Like A Tim ist für mich derart zum Inbegriff geworden für die ständig präsente, überall wie auch immer formulierte, unglaublich aufregende, auch beängstigende Veränderung, die hier als Krise des Symbolischen angetippt wird, daß, wenn ich ihn allein und vor dem Insbettgehen höre, was die Regel ist, denn die weiteren Familienmitglieder verstört er noch mehr … dann ist alles prima, solange die CD läuft, aber das Einschlafen fällt später schwer. ZITAT: Wie das wohl aussieht: Scherben aus weltkonstituierenden Strukturen?

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Elektronische Lebensaspekte.