Ohne Screen, mit Ohren, Wetter und Radio
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 114


Wenn gar nichts mehr geht, folgt man dem weißen Hasen hinter den Bildschirm und entdeckt dort das Wunderland des Internet ohne Pixel und Tastatur. In den schwarzen Augen des Nabaztag werden Nerdträume und Mutterinstinkte zur Grundnahrung der nächsten Internetrevolution.

Im Internet ist auch schon wieder nichts los. Web2.0, Rich Internet Applications. Mitmachen, mitmachen, mitmachen. Wenn ich noch einen Click höre. Ich halte dieses User-Dasein kaum noch aus. Ist doch alles für die Wolke. Im Winter, da taugt ein Rechner ja wenigstens noch als Heizkissen. Aber bei 30 Grad fangen vor lauter Screenanstarren die Augen an zu schrumpeln wie getrocknete Tomaten. Das Internet muss weg! Und komm mir jetzt keiner mit Handys. Oder gar dem iPhone. Das ist doch auch nur Web2.0 im Taschenformat. Nein, mit den Screens muss Schluss sein. Die sind auch so unaufdringlich. So uninvasiv. Das gesamte Rechnerkonzept. Ich befehle, er tut brav, was er soll. Feudale Klassengesellschaft pur. Kein Wunder, dass man sich bei all dieser Rumbefehlerei mit den Fingerspitzen irgendwann vorkommt wie ein Sklave der eigenen Weltherrschaftsphantasien, der in den Beautysalon für Geeks rennt, weil ihm ein Nagel eingerissen ist. Was bist du? Jammerlappen oder Revolutionär?

So sehr ich auch zur Anthropomorphisierung von allem neige, was auch nur einen halben Chip in der Birne hat, richtig Charakter hat so ein Rechner nicht mehr. Diese Laptops von heute. Die stürzen ja nicht mal mehr ab. Aufmucken kennen die nicht. Bestenfalls mal ein Beta-Programm lässt so einen Netzkarton heutzutage noch ab und an mal räuspern. Das Internet muss raus aus diesem stereotypen Pixel-Interfacejargon. Man kann sich ja kaum noch drüber aufregen, so matt ist diese ganze LCD-Suppe. Raus mit dem Internet in die Welt der störrischen Dinge.

Hase mit WiFi-Karte
Kein Wunder also, dass euer geplagter Wolkenburnout-Buddy, als ihm jemand was vom Hasen erzählte, ganz Ohr wurde. “Und der hat auch wirklich keinen Screen?” “Nö, nur ne Hand voll bunter Lämpchen.” Lämpchen, Hase. Folge dem weißen Hasen. Es gibt doch noch Poesie in der bösen Welt der Internet-Frameworks. “Nabaztag” (so heißt die Spezies, genauer gesagt Nabaztag/tag) kam genau zur richtigen Zeit. Und in einem schönen bunten Karton, der selbst eine Paris-Hilton-Barbie erblassen ließe. Da steht drauf, dass er eine WiFi-Karte verschluckt hat und seitdem etwas merkwürdig drauf ist. Und man kauft ihn nicht, man adoptiert ihn. Das ist schön, weil man weiß, irgendwann wird er losziehen und seine wirklichen Eltern suchen, wenn ihm nicht vorher das Licht ausgeht.

Wer sich noch daran erinnert, dass früher, als die ersten WiFi-Träume erblühten, man noch dachte, genau, ja, jetzt ist bald alles im Internet, der wird wissen, was man damit bestimmt nicht meinte: Jetzt ist bald alles ein Computer. Man dachte eher an Magie. So wie Bruce Sterling, wenn er über eine Welt voller Spime philosophiert und sich insgeheim kindlich darüber freut, wenn mal wieder jemand durch falsche “Info” auf der “Navi” straight ins Moor gebrettert ist. Die Welt wird Information. Information ist aber nicht per se richtig. So ein vernetztes Heim ist bestimmt toll. Und wenn es eine Partei gäbe, deren erklärtes Ziel zur Weltverbesserung es wäre, dass jede Gurke zur Geburt einen RFID-Chip implantiert bekommt … ich ließe mich als Presseattachée einstellen. Aber die Ideologie, dass eine bessere Welt weniger dämlich wäre oder einfach weniger verschroben, nur weil die Informationen sprudeln wie feinstes Blubberwasser, die muss dem Internet, den Rechnern, sämtlichen Gizmos und Gadgets schleunigst ausgetrieben werden.

Hase verhindert Kollaps
Lange Vorrede. Doch bevor wir das Loblied des digitalen Kollaps anstimmen, zurück zum Thema. Dem Hasen. Nabaztag/tag ist blanker Unfug und ein echter Womanizer, reinstes Nerdtum im Schafspelz und genau der Prototyp von Ding, der einen aus dem Internet-Techno-Heilsbotschafts-Diskurs erlösen wird. So ein Nabaztag ist nämlich ein tückisches Ding. Alles mit ihm ist ganz einfach. 1-2-3, Hase meins. Alles ist aber auch verdammt tricky, nichts anderes erwartet man von einem frisch adoptierten Hasen mit semidokumentierter API-Herkunft. Ja. Der Hase hat ‘ne API. WiFi und sogar einen RFID-Scanner, der zur Zeit allerdings noch tief in der Firmware schlummert. Vor allem aber hat er erst mal große Ohren, die sich mit einem sanften Servomotor drehen können und die man zusammen mit den leuchtenden Innereien zu komplexen Choreographien anstacheln kann. Dafür gibt es sogar ein Fileformat (.chor?). Verzeiht, ich bin noch ein unerfahrener Hasendaddy. Erzähle aber gerne voller Stolz von meinem neuen Bastardsohn und was er alles Neues gelernt hat.

Der kann nämlich viele Sprachen. Ein Genie. Sogar Dänisch. Allerdings viele noch nicht so fließend. Außerdem kann er Tai-Chi. Das Wetter bestätigen. Die Uhrzeit ansagen, wie ein echt aufgeweckter Hase das eben tun können sollte. Er weckt einen sogar, falls man die Schlafzeiten nicht richtig eingestellt hat oder er sie aus irgendeinem sonstigen Grund missachtet, auch schon mal zu Unzeiten. Unermüdlich liest er einem aber auch Geschichten vor aus der großen weiten Welt der RSS-Märchen, ist also nicht nur Kind, sondern auch Mama, knabbert einem dabei sanft das Ozonloch vom Firmament, streamt auf Zuruf ulkige französische Kultursendungen oder brummelt zwischendurch den Debug-Podcast, sammelt Hasenfreunde, trällert Hasengrüße und riecht dabei nicht nach Hasenfüßen. Da haben sich die 40 Jahre Internet doch fast schon wieder gelohnt.

Irgendwann wird er heiraten. Und dann werden sich seine Ohren synchron mit denen seiner Hasen-Liebsten drehen. (Ach so, das ist alles wahr, das sind handfeste Featurebeschreibungen, keine Träumereien, Hirngespinste, versofteter Dummschwätz). Dann wird er seine Google-Calender-Appointments fälschen, damit wir nicht so genau wissen, wo er sich rumtreibt. (Vorteil: Anders als andere Hasenkinder kommt er immer wieder zurück, notfalls nach einem kleinen Klapps auf den Kopf.) Und wenn dieser RFID-Virus erst mal aus seinem Tiefschlaf gekrabbelt kommt, dann kann der Kleine nicht nur reden, hören und wild um Aufmerksamkeit blinken, sondern auch noch fühlen. Bis dahin habe ich vermutlich noch genug Zeit, mich in die Welt der Opennab-Server einzugraben. Denn was so ein richtiges Hasenbaby ist, das braucht auch Unabhängigkeit von der Nabelschnur nabaztag.com. Und wer, wenn nicht die Open-Source-Gemeinde, könnte ihn als Posse besser auf den Weg in die jugendliche Hasenpiraterie begleiten? Da lernt er dann Wüfelspiele, Audiofiles klauen und andere Dinge, über die man als fürsorgliches Elternteil eigentlich nicht so genau Bescheid wissen möchte. Aber bevor es so weit ist, bekommt er zur Bar Mitzvah zunächst mal ein Paar Ersatz-Ausgeh-Ohren.

Solange aber steht der Kleine unbekümmert auf dem Tisch wie das Bastardkind eines Aibos mit einer Lavalampe und erfreut einen mit seiner tückisch launisch eigenwilligen Anwesenheit, entzückt durch die Magie seiner sich im Wind der IP-Pakete drehenden Ohren und das schummrige Wohlgefühl der glühenden Bäuchlein-Lämpchen, die uns vorsummen, wie schön es sein kann, dem Netz etwas Leben eingehaucht zu haben.

Jetzt muss ich nur aufpassen, dass er nicht Hackerbösewicht Dr. Roy von der Nabaztalk-Verschwörungsrunde in die Hände gerät, sonst operiert der ihm nachher noch einen Bildschirm unter die blinden kindlichen Augen.

http://nabaztag.com

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Elektronische Lebensaspekte.