Was ist übrig geblieben von der Netaudio-Euphorie der vergangenen Monate? Wohin steuern wir in den Zeiten nach Napster? Und welche Möglichkeiten gibt es für Musiker, online Geld zu verdienen? De:Bug lud einige Experten zum gemeinsamen Brainstorming ein. Wie es sich für so ein Thema gehört, fand unser Roundtable nicht in einem fiesen Loft statt, sondern im Netz.
Text: janko roettgers | roettgers@devcon.net aus De:Bug 49

Kein Grund, enttäuscht zu sein
Netaudio-Roundtable

Chattend miteinander verbunden waren Simon V in Tübingen, Prymer von Tokyodawn.org irgendwo in Ostdeutschland, h0l vom Netzlabel Mono:tonik in San Jose, California, Sutekh und Move D in Rawells Berliner Studio sowie Rawell selbst in seiner Küche. Guten Appetit und willkommen in netaudio.

De:Bug: Vor ein paar Jahren wurde das Netz als revolutionäres neues Medium für Musiker propagiert. Nun sieht es aus, als sei die Revolution vorbei, und alle sind ziemlich verkatert. Haben wir das Netz einfach überschätzt?
Move D: Nein. Es ist besser als Fernsehen.
Prymer: Ich glaube nicht, dass das Wort revolutionär in diesen Kontext passt. Neuen Medien nähert man sich anfangs immer naiv und spielerisch, und das ist ja auch wichtig für ihre Entwicklung.
Move D: Ich finde das Internet nicht enttäuschend, weil es mir das bietet, was ich von ihm erwarte: Ich kann sehr einfach neue Leute treffen und mit ihnen kommunizieren. Und Beispiele für eine funktionierende Netznutzung sind sehr leicht zu finden, wie etwa Mego. Mit MP3.com und ähnlichen Websites ist es dagegen wie im richtigen Leben: Money gets involved – everything gets fucked up.
Prymer: Klar, aber wie jeder andere sollten auch Netartists und Musiker die Chance haben, etwas zu verdienen. Ein Musiker muss sein Essen, sein Studio und seine Miete bezahlen wie jeder andere.
h0l: Dafür gibt es definitiv Möglichkeiten – Micropayments, Abonnements. Aber Napster und andere kostenlose Download-Systeme haben alle anderen legitimen Möglichkeiten des Online-Musikbusiness erdrückt.
Move D: Wir hören grad genapsterte Musik!
h0l: Napster ist wirklich ein schwieriges Kapitel. Ich mag die Art, wie es aufgebaut war. Die ganze Peer to Peer-Sache und die Chat-Umgebung waren sehr gut gemacht. Aber der Versuch, Napster zu kommerzialisieren – ich finde das scheußlich. Ich weiß, dass es den Leuten die Möglichkeit gibt, neue Musiker zu entdecken und dass manche Musiker das okay finden. Aber mal ehrlich, Napster ist wie ein Flohmarkthändler, der dir eine Raubkopie des letzten Star Wars-Films verkauft.

De:Bug: Hat Napster nicht auch Hörgewohnheiten verändert? Etwa, indem statt Platten nur noch GigaBytes zählen?
Sutekh: Ich glaube nicht, dass es da draußen Kids gibt, die sich MP3s runterladen und keine Musik mehr auf CDs kaufen. Alle, die ich kenne, nutzen MP3s, um neue Musik zu entdecken. Und was sie wirklich mögen, kaufen sie auch. Es ist das gleiche wie mit Tapes: Als sie eingeführt wurden, flippte die Musikindustrie aus, aber letztendlich haben sie den Musikverkäufen nicht geschadet.
h0l: Ich glaube, es gibt schon einige Leute, die keine CDs mehr kaufen. Und ich weiß nicht, ob ich mir noch so viele CDs kaufe wie früher. Es ist schwer, eine Motivation für den Kauf einer neuen CD zu finden, wenn ich die meiste Musik am PC höre und nahezu perfekte Versionen der Tunes so einfach zu bekommen sind.
Sutekh: CDs werden vielleicht irgendwann durch eine andere Technologie ersetzt, aber die Leute werden immer Musik in einer Verpackung kaufen wollen, so wie sie immer echte Bücher kaufen werden. Bezahlte Downloads werden irgendwann einmal als Teil des Musikbusiness akzeptiert sein, aber sie werden nie echte Objekte ersetzen.
Prymer: Viele wollen immer noch ein fertiges Produkt in ihren Händen halten, mit Artwork und Linernotes. Der Verkauf von MP3s macht momentan keinen Sinn, es sei denn in einem Abo wie Emusic vielleicht.
h0l: Das Problem mit bezahlten Downloads ist, dass die Majorlabels alle anderen Anbieter aus dem Rennen geworfen haben. Das bedeutet, dass sie die Systeme nach ihren Wünschen gestalten werden, und die Leute werden diese Systeme nicht abonnieren wollen. Entweder Streaming-Only oder verschlüsselte MP3s, auf die man nur eine begrenzte Zeit zugreifen darf. Die Leute wollen so etwas nicht.

De:Bug: Welche Rolle werden kleine Labels in diesem Spiel spielen? Wie wollt ihr selbst damit umgehen?
Sutekh: Ich werde mich aus dem Digital Distrubution-Markt raushalten, bis es mehr zu einem Standard wird. Letztes Jahr ist CDuctive an mich herangetreten. Aber für mich ist es zu früh, um mit irgend jemandem einen lang geltenden Vertrag abzuschließen. Bisher ziehe ich es vor, MP3s direkt auf meiner Site zu verschenken. Alle Veröffentlichungen meines Labels gibt es umsonst auf der Site. So weit ich das bisher beurteilen kann, hat es meinen Plattenverkäufen nicht geschadet.
h0l: Ein paar Leute haben davon profitiert, dass sie ihre Verträge mit Online-Labeln sehr früh abgeschlossen haben, als diese noch viel Geld hatten. Ich hab Atom Heart in einem Interview sagen hören, Emusic habe noch nicht einmal fünf Prozent des Geldes wieder reingeholt, dass sie ihm für die Lizensierung der Online-Rechte von Rather Interesting gegeben haben.
Sutekh: Vielleicht ist er jetzt mit dem Geld glücklich, aber wie lange wird Emusic die Online-Rechte an seiner Musik behalten?
h0l: Soweit ich weiß, war es nur ein Vertrag über vier Jahre, und er hat bereits mehr als die Hälfte hinter sich. Aber ich geb dir recht, wenn du dich für immer und ewig verpflichtest, fängt es an, ärgerlich zu werden.

De:Bug: Wie steht es um die Zukunftspläne der anderen? Will irgend jemand ein Dot.com gründen?
Sutekh: Dafür ist es zu spät.
Prymer: Tokyodawn wird es bald auch als Offline-Label geben. Was nicht heißt, dass wir irgendwelche großen Veränderungen an unserer Online-Präsenz unternehmen werden. Wir versuchen weiter, Musik auch als Open Source zu veröffentlichen, aber das ist nicht mehr so einfach wie in den Tracker-Tagen. Wir stellen das auf andere Formen um wie Tutorials, Sample Packs etc.

De:Bug: Wie ist das bei dir, Kai? Du hast ziemlich viele Stücke auf MP3.com – gibt’s da viel Feedback?
Sutekh: Kai ist in der Küche …
De:Bug: Ach so.
Move D: … aber er bekommt eine Menge Feedback. Er hat ein Vinyl-Release auf einem australischen Label dadurch bekommen.
h0l: Das Netz bietet neuen Musikern einfach großartige Möglichkeiten zum Durchbruch. Beispielsweise wurde Lackluster auf DeFocus wegen seiner Musik im Netz gesigned, Sense auf dem Metamatics-Label Neo Ouija.

De:Bug: Was denkt ihr über auf Spendenbasis basierende Modelle? Etwa den vielbemühten Ich-mag-den-Song-also-gebe-ich-dem-Musiker-einen-Dollar-Button?
Prymer: Ich hab gehört, dass es bald einen P2P-Client mit dieser Funktion geben soll. Außerdem gibt es Entwicklungen wie Fairtunes.com. Aber Micropayment-Systeme sind sicher erst am Anfang.
Simon V: Das funktioniert nicht – guck dir Stephenking.com an. Außerdem steht es einem Musiker nicht gerade, um Geld zu betteln. Dann schon lieber das übliche MP3-Verschenken zusammen mit einem funktionierenden Bestell-System für Vinyl und Merchandising – wenn die Musik umsonst ist, sollte der Rest des Services, den ein Musiker bieten kann, es nicht sein.
Prymer: The Revolution will be merchandised? Ich hoffe nicht.

De:Bug: Für welches Online-Musikangebot würdet ihr als Konsumenten zahlen?
Sutekh: Atom Heart Live Streams für fünf Dollar die Stunde! Ernsthaft!
h0l: So etwas wie Emusic, aber mit besser kodierten MP3s, Cover- und Booklet-Scans, richtigen Community-Features.
Prymer: Genau, ganz deiner Meinung. Oder customized CDs von Musikern, die ich mag, mit Booklet und qualitativ hochwertigem Sound. MP3.coms DAM CDs mit 128kb kodierten MP3s zu kaufen und dabei nicht dem Musiker, sondern MP3.com den Großteil des Geldes zu geben, ist sicher nicht die beste aller Möglichkeiten.

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Elektronische Lebensaspekte.