Während sein Super_Collider-Weggefährte Jamie Lidell den Soul entdeckt, driftet Cristian Vogel mit Burroughs und modernem Tanz durch die Nacht der perfekten Techno-Abtraktion.
Text: Johanna Grabsch & Alexandra Dröner aus De:Bug 93

Nach Techno kommt Montag
Cristian Vogel

Cristian Vogel lässt keine Superlative mehr kollidieren, zumindest nicht als Band. Dafür versucht er mit seinem zehnten Album jetzt den größten gemeinsamen Nenner von Techno, elektroakustischer Musik und Funk zu finden, was ihm natürlich brillant gelingt. Dabei vereint er wie eh und je die Ravekids und die Nerds und lässt sie zusammen jauchzen, als wäre der Tresor gerade eben eröffnet worden.
Post Acid und post Techno, gelingt es dem Sohn deutsch-chilenischer Auswanderer Musik zu produzieren, die sämtliche Schubladen hybridisiert und Techno dabei so geschickt als referentielle Klammer benutzt, dass die Kids von heute denken müssen, George Clinton hätte Moog gespielt und Funk würde nicht nur mit Ph geschrieben, sondern wäre eine neue Unterabteilung in der elektronischen Musikabteilung von Saturn.

Tief unten im Studio

Das große T (für Techno) ist in der Musik des in Barcelona lebenden Brightoners omnipräsent, in traditionellen spanischen Flamenco-Instrumenten, in Kevin Blechdoms Stimme, in Max Turners (Meterorites) MCing, selbst in seinen eigenen südamerikanischen Wurzeln. Das Unfassbare, das für ihn Techno definiert, ist eher ein Gefühl als bestimmte Klänge, mehr eine Bewegung als ein Beat. In seiner Biografie liest sich: ”… es ist ‘dieses Ding’, diese alternative Mentalität, das Wissen um den Schalldruck, egal ob er in Rock und Gitarren oder elektroakustischen Blips, HipHop oder Studiomusik ausgedrückt wird … In dieser Musik wohnt so viel revolutionäre Kraft, weil es eine lebende, atmende Menge gibt, die sie jedes Wochenende zelebriert …“
Herr Vogel lebt eben die Aufhebung der Dichotomie von Mensch und Maschine im Techno, Cristian Vogel ist Maschine, er denkt in Techno, er atmet Techno, sucht Techno wie andere Menschen Pilze und findet Techno unter jedem Blatt, das er wendet. All seine diversen Aktivitäten kreuzen sich in diesem Punkt, egal ob er ein Post-Punk-Album mit den Chicks on Speed produziert, Remixe für Bands wie Bush oder Radiohead macht, audiovisuelle Installationen für Gegenwartskunst-Museen vorbereitet, den Soundtrack für ein Theaterstück komponiert oder ein neues Mitglied in seiner ”No future“-Community willkommen heißt. Die Essenz seines Schaffens kann immer wieder auf den einen Begriff reduziert werden. Dabei ist Cristian ein Bilderbuch-Vollblutmusiker, ein Studiogear-Nerd, ein Perfektionist und Workaholic.
Das hört man auch auf seiner neuesten Solo-Kreation. Die Sounds klingen perfekt, jedes einzelne Rascheln hat seine Berechtigung. Cristian lässt die Maschinen sprechen und die Kommunikation ist fruchtbar. Dabei klingt Station 55 so unterschiedlich wie seine diversen Aktivitäten – nach einem flächigen Streicher-Intro und zwei Highspeed-Funk-Techno-Tracks folgt fein säuselnder Knispelsound, mit “Turn on tune in drown out“ eine Referenz an Triphop und Afterhour im Park, bis Max Turner und Burbuja einen Downbeat-Track zu einem Pophop-Stück machen. Cristian zelebriert auch mit seinem zehnten Album seinen Glauben an den unaufhaltsamen Fortschritt durch Technologie und schafft am Ende, dass Techno sogar Folk wird: “Lovelights“.
Trotz der Unterschiedlichkeit in Tempo und Stil verbindet die Tracks auf Station 55 die gleiche Räumlichkeit, die gleiche deepe Darkness und bei aller Spielfreude eine tiefe, schon fast ein bisschen esoterische Ernsthaftigkeit im Umgang mit und in der Herangehensweise an Musik.
Herrn Vogels Studio muss eine Wunderwaffe sein, oder zumindest welche enthalten, selten schaffte es elektronische Musik gleichzeitig so exakt und so emotional zu sein. Klar, dass er sich auch während des Email-Interviews im Studio befindet und meine Fragen kurz aber integer beantwortet.

Denkst du, Musik kann Revolutionen hervorrufen?
Cristian Vogel: Eine Art Revolution des Geistes ist durch jegliche Art von kulturellem Ereignis möglich, Musik gehört natürlich dazu.

Meinst du, dass auch instrumentelle Musik politischen Inhalt transportieren kann?
Cristian Vogel: Ja, Musik existiert immer im sozialen Kontext, egal ob instrumentell oder nicht. In der Leere gibt es keinen Klang.

Haben deine Gastsänger ihre Texte selber geschrieben, oder hast du mit Ihnen daran gearbeitet?

Cristian Vogel: Ich habe für 1968 Holes und Turn On Tune In Drown Out die Texte geschrieben, Somewhere in the waves war eine Co-Produktion und für Monkey inc habe ich Max Turner und Burbuja das Konzept und die Ideen für das Album erklärt, sie haben diese dann in ihre eigenen Worte umgesetzt und so ist der Text entstanden.

Wie hast du deine Gastsänger ausgewählt?

Cristian Vogel: Ich habe eine spezielle Email-Einladung verschickt und mit denen gearbeitet, die geantwortet haben (Kevin Blechdom, Max Turner, Burbuja, Franz Teuchle (Young Gods).
Ein paar Kollaborationen waren vom organisatorischen Aufwand her nicht möglich und das, was mit den anderen passiert ist, ist ein wirklich schönes Ergebnis.

Wie arbeitest du an Musik? Versuchst du Ideen in Klang umzuwandeln oder entstehen die Ideen zu deinen Songs im Studio durch Improvisation?

Cristian Vogel: Ein Album wie dieses muss wie jede seriöse Kreation behandelt werden, ich brauche Zeit und Geld dafür, wenn ich beides aufgetrieben habe, kann ich von dort aus anfangen, es ist ein sehr langer Prozess, der mich in diesem Falle fast ein Jahr gekostet hat.

Was hat dich zur Produktion dieses Albums inspiriert, abgesehen von anderer Musik natürlich? Ich finde es hat etwas Soundtrackartiges, vielleicht von einem 70er-Jahre-Science-Fiction-Film?

Cristian Vogel: Ich mache keine Filmmusik, habe ich noch nie, und ich habe auch keine 70er-Science-Fiction-Filme gesehen, während das Album entstanden ist. Mich inspiriert vor allem Literatur, diesmal William Burroughs und Naked Lunch, aber auch andere Science-Fiction-Autoren wie Theodore Sturgeon und Jonathan Lethem, außerdem hat mein damaliges Zweitprojekt die Musik zu ”Steak House“, einem zeitgenössischen Dance-Stück von Gilles Jobin, sehr viel Einfluss auf den Klang von Station 55 genommen.

Hat Techno noch die Fähigkeit zu überraschen, gibt es noch Neues in der Musik?

Cristian Vogel: Ja sonst würde ich jetzt Mathematik-Jazz machen.

Was kommt nach Techno?
Cristian Vogel: Montag.

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Elektronische Lebensaspekte.