Von Kampfbomber-Übungen in Hitlers Sache zu "sexualgymnastischen Übungen in Glanzpapierheften" in eigener Sache. Beate Uhse hatte nie ein Problem mit kontroversen Positionen. Jetzt ist die Mutter der pornographischen Aufklärung tot.
Text: markus krajewski | Markus.Krajewski@berlin.de aus De:Bug 51

nachruf

Die Hauptaktionärin
Ein Nachruf auf die Überfliegerin Beate Uhse

Als die deutsche Kriegswirtschaft 1938 auf vollen Touren läuft, stellt sich einem 19jährigen Mädchen aus Ostpreußen die dringende Frage, wie sie ihren Dienst am Vaterland und Führer leisten können wird. Luftfahrt tut Not. Also wird die junge Beate Köstlin, zuvor noch Vorturnerin beim Bund Deutscher Mädel, flugs Einfliegerin bei der später eminent kriegswichtigen Flugzeugproduktion in Berlin – ganz zu Görings Freude. Zunächst nur im zivilen Bereich, nach der Heirat mit ihrem Fluglehrer Hans Jürgen Uhse rasch auch in militärischen Diensten, wagt die verwegene Beate gleich ihrem Held Charles Lindbergh auch gefährliche Überführungen: Als eine der ganz wenigen Frauen fliegt sie die fertiggestellten Maschinen, die legendären Me 109s und die berüchtigen Stukas von den Werkhallen direkt an die Front. Allein während ihrer ersten Schwangerschaft verzichtet sie schweren Herzens auf die geliebten Sturzflüge mit den Kampfbombern. Die Überführungsflüge dienen der jungen, glücklichen Kleinfamilie Uhse ganz nebenbei als verlängerte Flitterwochen, nach Wien, Budapest und Prag. Großdeutschland sei’s gedankt. Erst als dem Reich das Benzin ausgeht und der Weltkrieg enden muss, setzt Beate Uhse zu einem letzten Flug an in der “eisblauen Offiziersuniform” eines Luftwaffenhauptmanns. Am 21. April 1945 beginnt ihre Flucht samt Sohn und Haushälterin mit dem Flugzeug aus dem brennenden Berlin in den Westen, die mit dem sorgsamen Vergraben ihrer Pistole vor dem Entzug durch die Engländer im holsteinischen Leck endet. Dass dieser Flug der letzte aus der untergehenden Hauptstadt gewesen sei, in Baumwipfelhöhe hinweg über die Köpfe der Roten Armee, wie Uhse es gerne glorifizierend darstellte, muss bezweifelt werden. Denn Hanna Reitsch, die weit berühmtere Testpilotin und Flying Heroine des Dritten Reichs, war zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht gestartet zu ihrer dramatischen und nicht weniger verherrlichten Reise in den Führerbunker und wieder hinaus aus Berlin.
Wenngleich Uhses Pistole von holsteinischer Erde bedeckt bleibt, zeigt sich unter den veränderten Vorzeichen einer frühen Nachkriegswirtschaft eine andere lukrative Geschäftsgelegenheit: die männlichen Krieger kehren zurück, zumindest teilweise entwaffnet gemäß der Devise “This is my rifle, this is my gun / rifle’s for killing, gun is for fun”. Auch die Geburtenrate in Leck schnellt hoch. Beate Uhse erinnert sich den Lehren ihrer Mutter, einer Landärztin, über die Eizyklus-Studien des Österreichers Knaus und des Japaners Ogino. Mit fünf Pfund Butter bezahlt sie die Kosten für den Druck ihrer “Schrift X” genannten Aufklärungsbroschüre über diese Verhütungsmethode, die diskret den Weg in die Schlafzimmer nicht nur ihres Dorfes findet. Bereits 1947 liegen 37 000 Bestellungen dieses Heftes vor, das bald schon Ergänzung erhält durch einen Geschäftszweig, der in der Terminologie der Adenauer-Ära noch “sexualgymnastische Übungen in Glanzpapierheften” heißen muss. Die anschwellende Prosperität der Porno-Branche seitdem ist kaum nötig erwähnt zu werden. Wenn man der Presse und ihren Umfragen glauben darf, so liegt der Bekanntheitsgrad von Beate Uhse in Deutschland heute weit höher als ein beliebiger Spitzenpolitikername.
Am 16. Juli 2001 ist die unternehmerische Überfliegerin Beate Köstlin, verwitwete Uhse, geschiedene Rotermund, 81jährig gestorben. Nach ihrem Tod fielen die Aktienkurse der Beate Uhse AG – allerdings nur kurzzeitig – um 3,8%.

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Elektronische Lebensaspekte.