Detroit Sounds in England sind ohne den Astrophysik-Amateur nicht denkbar. Nach fast 10 Jahren der Techno-Abstinenz knüpft er wieder nahtlos an diese schon fast legendären Zeiten an.
Text: Felix Denk aus De:Bug 94

Nächster Halt: Unendlichkeit – Kirk Degiorgio

Techno kann sehr lehrreich sein. “Während der Aufnahmen zu Elegant Systems habe ich sehr viel über Astrophysik gelesen”, erzählt Kirk Degiorgio. “Es gibt Theorien, dass es mehr als drei Dimensionen gibt, oder die Superstring-Theorie, die eine Erklärung für die Struktur des Universums liefert. Diese Sachen haben mich auch beim Produzieren inspiriert. Ich habe versucht, möglichst futuristische Sounds aus meinem System zu bekommen. Das Album soll wie eine Reise durch den Weltraum klingen.” Tut es auch. Und aussteigen möchte man aus dem Raumschiff auch nicht mehr. Zu einschmeichelnd ist die Mischung aus Oldschool-Techno, zarten Electronica-Tupfern und synthetischen Soulfragmenten, die Kirk Degiorgio auf seinem Album für das französische Edelhouse-Label Versatile entwirft.

Die unendlichen Weiten wirken dabei gar nicht so fremd. Manchmal scheinen sie sogar ein wenig vertraut. Auch die Techno-Zukunft hat eine Geschichte, und an der hat Kirk Degiorgio fleißig mitgebastelt. Er gehörte zu den englischen Produzenten, die sich früh an Detroit-Techno orientierten und den Sound weiterentwickelten. Nun nimmt er den Faden wieder auf: “Jetzt ist eine gute Zeit, um Techno zu produzieren”, findet er nach gut zehn Jahren Techno-Abstinenz. “Eine Zeit lang war der Markt völlig überschwemmt. Es gab so viele Leute, die etwas gemacht haben. Jetzt ist alles etwas ruhiger und man kann sich wieder mit einem speziellen Sound positionieren.”

Kirk Degiorgio knüpft an seine Frühphase an. Seine erste Platte erschien 1991 auf B12 unter dem Pseudonym Future/Past. Es folgten Maxis auf R&S und Planet E und er gründete sein eigenes Label ART. Das steht für Applied Rhythmic Technology und genießt absoluten Klassiker-Status. Hier veröffentlichten Derrick May, Carl Craig, Aphex Twin, Stasis und The Black Dog in den frühen 90er Jahren. Degiorgio produzierte unter verschiedenen Pseudonymen, wobei As One sich zum Haupt-Alias entwickelte. Intelligent Techno wurde das damals genannt und sicher hat diese wunderbare Musik keinen so unglücklichen Genrenamen verdient. Während sich Techno in dieser Phase Richtung Minimalismus und Härte entwickelte, betonte der “Intelligent”-Seitenstrang den futuristischen, abstrakten und künstlichen Charakter der noch jungen Musik. Der Dancefloor war eher nicht so wichtig, Loops galten als langweilig. Stattdessen war Neugier cool und Nachdenken. Compilations trugen gespreizte Namen wie “Artificial Intelligence” (Warp) oder “The Philosophy of Sound and Machine”, wie ein ART-Sampler hieß. Das Cover zeigt eine bunte Computergrafik, die so aussieht: Ein Synthesizer fliegt umgeben von einigen geometrischen Körpern in die Tiefe eines 3D-animierten Raums mit Wabbelwänden im Schachbrettmuster. Ziemlich Zukunft also.

Produzent als Sonnensystem

Mancher Produzent ist ein Planet für sich. Kirk Degiorgio muss man wohl eher als ganzes Sonnensystem beschreiben. Nach seiner ART-Phase wanderte er in benachbarte Welten. Auf seinen 1990er-Jahre-Alben für New Electronica, Clear und MoWax integrierte er Soul, Jazz und Funk-Elemente in einen abstakten Elektronica-Entwurf. Auf seinen letzten beiden LPs auf Ubiquity bewegte er sich stärker in Richtung Broken Beats, HipHop und Nu-Jazz. Seit drei Jahren betreibt er außerdem ein Singer/Songwriter-Projekt namens “The Beauty Room”, das auf Peacefrog erscheinen wird. “Sachen, die auch im Radio laufen können. Beinahe Softrock”, erklärt er kompetent. Dann spielt er noch in der Rare-Groove-angelehnten Nu-House-Band “Off World Ensemble” und komponiert hin und wieder Werbejingles. Noch Fragen?

Zurück in die Gegenwart. Elegant Systems teilt mit Intelligent Techno die forschend-experimentelle Haltung. Für Techno-Verhältnisse ist der Ansatz ziemlich musikalisch – und organisch: Kirk Degiorgio arbeitet viel mit Akkorden, Harmonien und Strings. Kopflastig klingt es aber an keiner Stelle. Im Gegenteil, darauf legt er wert: “Die Stimmung eines Tracks ist immer das Erste, woran ich arbeite. Ich habe einen spezifischen Sound, den ich gerne mag. Das ist kein moderner Sound, eher einer aus den frühen 70er Jahren. Damals klangen die Sachen nicht so klar wie heute. Ich runde die oberen Frequenzbereiche ab, damit es sich nicht so digital anhört, sondern eher analog und warm. Manche würden das vielleicht als langweiligen Sound bezeichnen (lacht).” Langweilig? Quatsch! Gelassen. Elegant Systems verkörpert mit jedem Byte einen Schwebezustand, eine eigene, unaufgeregte Welt. Für DJs fällt dagegen eher wenig ab. Bis auf “Luca’s Smile”, das freundlich hüpfende Space-Disko-Stück, das die Platte beendet. Es ist seinem neugeborenen Sohn gewidmet.

Natürlich, das weiche, elektronische Wegdriften führt über kurz oder lang nach Detroit. In Kirk Degiorgios Fall ging es da sogar los. Anfang der 1990er Jahre arbeitete er bei Reckless-Records in London und durfte auf Dienstreise nach Detroit. Zurück kam er mit einigen hundert neuen Maxis, zahlreichen Bekanntschaften und der Erlaubnis, Derrick May’s DX 100 Synthesizer zu verwenden. May hatte den Yamaha-Synthesizer nach seiner Tour mit Inner City in England gelassen. Darin waren noch die Einstellungen für die Basslines seiner Transmat-Platten gespeichert. “Derrick hat mich immer sehr gefördert”, erzählt Kirk Degiorgio. Er steht immer noch mit ihm in Kontakt. Wie viele Detroit-Produzenten sieht Degiorgio Techno vor allem als Fortführung von Disco und Funk, also stark in einer Black Music Tradition. Das ist ihm ernst: 1993 wollte Warp ihn für die Artificial-Intelligence-Compilation gewinnen. Doch das platzte, weil Kirk Degiorgio den musikalischen Background von Warp nicht teilte. Warp sieht Techno in einer Synth-Pop-Linie. Ein Affront für Degiorgio, der eifrig Blue-Note-Platten sammelt und ausgewiesener Sun-Ra-Experte ist. Sein Pseudonym As One stammt übrigens aus dem Song von Earth, Wind & Fire, “Fantasy”.

Der Austausch mit Detroit steht auch bei Kirk Degiorgios nächstem Projekt im Vordergrund. Er möchte ART wieder zum Leben erwecken. Die erste Veröffentlichung ist eine Compilation mit Carl Craig, Shake, Ian O’Brian, Domu, Newworldaquarium, Chateau Flight und natürlich ihm selbst. Sie wird im Herbst in Zusammenarbeit mit New Religion erscheinen und “The Electric Institut” heißen. Schon wieder so ein Akademikername. Wie wohl das Cover aussehen wird?

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Elektronische Lebensaspekte.