Hendrik Lakeberg trifft Menschen, die aus dem Nachtleben nicht mehr wegzudenken sind: Diesesmal CGB, Connaisseur der dringlichen Musik, gefragter Mastering-Engineer und Eckensteher.
Text: Hendrik Lakeberg aus De:Bug 122


Der temporäre Wahnsinn
Christoph Grote-Beverborg steht vor der Neumann VMS70, stemmt die rechte Hand in die Hüfte, während er mit der anderen elegant Kreise in die Luft malt. Dann hält er inne, streicht über die metallene Oberfläche der Maschine, unterbricht sein wortreiches Räsonieren über Frequenzverläufe, Spulenerhitzung und Bassabsenkungen und sagt ehrfürchtig: “Vielleicht hat sich genau hier James Brown angelehnt.” Eben jene Neumann VMS 70 ist gute 40 Jahre alt. Christophs Firma “Dubplates & Mastering” hat sie vor einigen Jahren erworben.

Aber irgendwann in den 70er Jahren befand sie sich im Besitz des Motown-Labels. Wer weiß also, welche Soul-Granden damals in Detroit wie jetzt Christoph in seinem grünen, abgetragenen Carhartt-Hoodie, mit seinen dunklen Augenringen und den kurz geschnittenen Haaren vor dieser eigentlich ziemlich unscheinbaren Maschine gestanden haben, auf der gerade irgendein Dubtechnostück in eine schwarz glänzende Aluminiumscheibe geschnitten wird.

Hauchdünner Span löst sich aus der butterweichen Oberfläche der Scheibe, die man in Fachkreisen Folie nennt. Durch ein Mikroskop prüft Christoph die Rille. Dann erzählt er, wie extrem leicht entzündlich dieser Span ist. Manchmal, an lauen Sommerabenden, demonstriert er das Freunden im Hinterhof des Studios. Nicht mehr als eine Hand voll Span explodiert dann als drei Meter hohe Stichflamme in den Nachthimmel über Berlin-Kreuzberg.

Wir verlassen das Masteringstudio über den Hof, von dem man auch das Hardwax erreicht, und gehen durch Kreuzberg. Das Tempo ist zügig. Christoph redet viel und schnell. Von seiner Leidenschaft für Reggae zum Beispiel. Christoph kann davon erzählen, als hätte es nie etwas Wichtigeres gegeben. “Im Reggae standen Sänger im Studio, die in einem bestimmten Moment gebrannt haben. Sie haben gesungen, als würde ihr Leben davon abhängen. Oft nur ein einziges Mal und dann nie wieder. Reggae klingt an der Oberfläche oft so fröhlich und unbeschwert, aber wenn man genau hinhört, dann spürt man den Hass und die Wut auf Unterdrückung, Ausbeutung und staatliche Gewalt, mit der die Drummer auf die Snare eindreschen. “

Gänsehaut, für einen kurzen Augenblick, und das nicht weil dieser Berliner Aprilabend regennass und kalt ist. Christoph war selber noch nicht in Jamaika, wo Reggae bis heute tief in der lokalen Kultur verwurzelt ist. Hin würde er gerne, aber keinen Touristen-Urlaub, sagt Christoph und man hat kurz das Gefühl, dass der Hass, den er in der Reggae-Snare hört, nun auch in seiner Stimme anklingt. “Wenn nach Jamaica, dann nach Downtown Kingston.” Das aber ist gerade unglaublich gefährlich, denn Bandenkriege, die Armut und Kriminalität machen es für einen Weißen nahezu unmöglich, einen Aufenthalt dort unbeschadet zu überstehen. Zumindest wann man an die Orte will, wo es Christoph hinzieht, wo Musik und Leben am intensivsten miteinander verschränkt sind. “Es kommt vor, dass dort bürgerkriegsähnliche Zustände herrschen. Leichen liegen dort teilweise bis zu zehn Tagen auf der Straße herum. Weder Polizei noch Armee trauten sich in diese Gegenden“, meint er.
Nach Reggae nimmt sich Christoph, der in seinem Leben nicht mehr als zehn CDs besessen hat, James Brown vor.

Er spricht kurz und knapp von The JBs, und mir war erst gar nicht klar, wen er damit meint. Er setzt das konspirative Kürzel als bekannt voraus. Genauso wie er oft die Wörter “Kennste?“ und “Weißte, oder?“ nachschiebt. Das sind dann keine richtigen Fragen. Es meint eher: “Das solltest du wissen!“ Und ja, sollte man alles wissen, und ich stelle fest, ich weiß zu wenig. Während der zehn Minuten vom Masteringstudio bis zur Bar “Mysliwska“, in der wir den Rest des Abends verbringen werden, hat er mir die Bedeutung von Reggae und die Wucht eines James Brown besser erklärt, als es dutzende schlaue Artikel und Fernsehdokumentationen vorher geschafft haben. “Bei guter Musik geht es doch immer um temporären Wahnsinn“, sagt er, kurz bevor wir die Bar betreten.

Christoph vereint zwei Eigenschaften, die in seinem Job als Mastering-Engineer unerlässlich sind. Er kann sich auf das filigrane, technische Handwerk des Plattenmachens einlassen, das die Präzision eines Uhrmachers erfordert, und er hat ein tiefes Verständnis für die Musik, für ihre emotionalen Nuancen und Zwischenklänge.

Anfang der 90er zieht er von Wuppertal nach Berlin. Früh ist er in die Berliner Drum-and-Bass-Szene als DJ und Veranstalter involviert, zum Beispiel im Acud oder im WMF. Dann vermietet er Soundanlagen für Clubveranstaltungen. Im Nachtleben lernt er Robert Henke kennen, der heute für Ableton arbeitet und als Musiker unter dem Namen Monolake bekannt ist. Der hatte damals in den Neunzigern zusammen mit Mark Ernestus, Moritz von Oswald und Andy Mellwig das Masteringstudio “Dubplates & Mastering“ betrieben.

Eigentlich wollte Christoph immer schon das Handwerk des Plattenmachens erlernen. Er fragte nach einem Job bei “D&M“. Aber lange passiert nichts. Irgendwann meldete sich von Oswald und Christoph bekam eine Anstellung. Anfangs hatte Christoph keine Erfahrung mit dem, was er da eigentlich tut. Aber er lernte schnell, hatte ein Gespür für die Musik und wusste, es war genau das, was er immer machen wollte. Nach vier Wochen stand er plötzlich alleine hinter der Schneidemaschine und musste Platten von Matthew Herbert, Blake Baxter und Jeff Mills betreuen. Die Kunden waren zufrieden.

Als „D&M“ bekannter wurde und die Aufträge größer und unüberschaubarer, steigen Robert Henke und Andy Mellwig aus. “Sie ertrugen die Fülle an schlechter Musik nicht mehr“, sagt Christoph. “Ich kann damit umgehen. Ich sehe mich in der Rolle des Dienstleisters. Und oft ist es doch die dummdreiste Musik, die am besten funktioniert. Ein brutaler Amen Break oder die Rave-Signale in einem Techno-Track.“ Der Wahnsinn eben, der ist für die Ewigkeit.

Die dritte Runde Bier steht auf dem Tisch. Bevor sich der lange Faden unseres Gesprächs in verwickeltes und unwegsames Terrain bewegt und ich erfahre, dass der LSD-Papst Timothy Leary für die CIA gearbeitet hat, was ich wieder nicht wusste, und wir über Christophs Lieblingsautor Thomas Pynchon und dessen Buch “Die Enden der Parabel“ reden, schwärmt er noch mal in dieser mitreißenden, ein wenig manischen Art von Musik. Vom Klang und der emotionalen Kraft der gesungenen Gebete der Muezzins in Marokko zum Beispiel. Von traditioneller Musik aus dem Kaukasus. Kurz bevor er vor acht Jahren bei sich zu Hause das Fernsehen abschaffte, schaute er eine Dokumentation über den Tschetschenien-Konflikt.

Ein paar Musiker spielen darin aus Protest vor dem Parlamentsgebäude ihre traditionellen Gesänge. Sie steigern sich in Trance. Das war kurz vor Ausbruch des Krieges und es muss so ergreifend gewesen sein, dass Christoph sofort ahnte, dass die russische Armee es mit den Rebellen schwer haben würde, dass es ein sehr zäher Krieg werden würde. Und genau das ist er bis heute. Wenn Musik von einem ursprünglichen, tief im Leben verankerten Ort kommt, dann kennt Christoph diesen Ort und diese Musik. Das können Kingston, Detroit, Tschetschenien oder die verschwitzten Berliner Clubs sein. “Bei Musik bin ich immer Hardcore. Im Sinne von: Hard to the core“, sagt er. Einen Abend später, in einer anderen Bar, erinnere ich mich an diesen Satz und denke: “Yeah!“

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Elektronische Lebensaspekte.