Im ersten Teil unserer Serie von Ausblicken in die Musikwelt der Audioblogs erklärt uns Moniruvwe Orife von naijajams.com, warum man von der Musik Nigerias - bis hin zur CDR-Kultur heute - wenig verstehen kann, wenn man ihre vielschichtige Geschichte nicht kennt.
Text: Moniruvwe Orife aus De:Bug 97

Musik in Nigeria
Der Audioblog naijajams.com klärt auf

1978 war der nigerianische Musiker, Band-Leader und Aktivist Fela Anikulapo Kuti eingeladen, um als Headliner bei den Berliner Jazztagen aufzutreten. Bevor er seine Show mit dem Track V.I.P. (Vagabonds in Power) begann, sprach er zur Crowd:

“Wisst ihr, als ein Fremder muss ich froh sein, in Berlin zu sein. Denn wenn ich in Berlin bin, bin ich hier, um etwas Neues zu lernen. Ich bin nicht hier, um zu swingen, Freunde, Brüder und Schwestern. Ich will mich als Afrikaner präsentieren. Ich will, dass ihr mich als etwas Neues seht. Etwas, über das ihr noch nichts wisst. Denn 99% der Informationen, die ihr über Afrika habt, sind falsch.”

Um dieses Statement zu verstehen, muss man sich das soziale Klima Nigerias in den 1970ern ansehen. Nigeria war gerade eine unabhängige Nation geworden und erholte sich von der Zerstörung des Bürgerkriegs. Unter den vielen Herausforderungen wie Militärherrschaft, Bevölkerungsexplosion, Armut und ethnischen Rivalitäten machte Fela vor allem die wahllose Übernahme westlicher Kultur Sorge.

Wenige Länder sind so divers wie Nigeria, das allein über 100 verschiedene Sprachen hat und hunderte verschiedene Ethnien. Ebenso reich und vielseitig ist die traditionelle nigerianische Musik, denn jede der Kulturen besitzt ihren eigenen Stil. Die Folkmusik Nigerias kann man entlang der drei herrschenden Volksgruppen aufteilen. Hausa (how-sah), Igbo (ee-boh) und Yoruba (yo-ru-bah), die Stile des Nordens, Ostens und Südwestens. Während alle drei die gleichen Charakteristika teilen: Rhythmisch basiert und mit Vocals, unterscheiden sie sich in der Art der Instrumente und natürlich der Sprache, in der sie gesungen werden. Hausa-Instrumente sind die Dundun (“Talking Drum”), Flöten, die in etwa so aussehen wie Aufnahmegeräte, und diverse selbst gebastelte Percussion- und einseitige Streichinsturmente. Flöte und die Sprache reflektieren die arabisch-muslimischen Einflüsse in Hausa und trennen den Stil klar von anderen in Nigeria. Traditionelle Igbo-Musik besteht zum größten Teil aus Percussioninstrumenten aus einer ländlichen Herkunft. Kalebassen, Eisenglocken, leere Bierflaschen, auf denen man mit Löffeln trommelt. Die Vocals übernehmen den melodischen Part. Yoruba besteht vor allem aus der DunDun, die die Tonalität der Yoruba-Sprache nachahmt. Nahezu jede traditionelle nigerianische Musik hatte eine Funktion und war integraler Bestandteil des sozialen und politischen Lebens, aber auch dafür zuständig, Geschichten und Neuigkeiten zu vermitteln.

Die Übernahme westlicher Einflüsse transformierte nigerianische Musik in eine Unzahl von neuen Pop-Genres. Highlife Dance Music ist eine der ersten Fusionen afrikanischer Musik mit westlichen Sounds und karibischen Einflüssen in Form von Merengue, Charange, Cha-Cha, Rumba und Calypso. Interessanterweise finden diese Einflüsse ihre Wurzeln wiederum in der rhyhtmischen Musik Nigerias, die von westafrikanischen Sklaven in die Karibik kam. Obwohl Highlife schon 1920 begann, wurde es erst Mitte der 1940er-Jahre richtig populär. Leichtherzig und upliftend reflektierte die Musik den Optimismus einer Zukunft frei von der Kolonialherrschaft. Die bekanntesten Musiker: E.T. Mensah aus Ghana und die Nigerianer Rex Lawson und Oriental Brothers International Band.

Aus traditioneller Yoruba Musik wurde JùJú, eine Synthese elektrischer Gitarren, Bass und westlicher Drumkits. Später kamen auch noch Hawai-Slidegitarre, Keyboards und Dubeffekte hinzu. Die DunDuns blieben aber zentral und manchmal wurde die Melodie von bis zu vier verschieden großen DunDuns gespielt. Jùjú-Pioniere aus den 60ern wie I.K. Dairo, King Sunny Ade und Ebenezer Obey sind immer noch unglaublich populär.

Aus dem Norden Yorubas kam eine Mischung aus traditioneller Hausa-Musik mit Jùjú, die sich Fuji nennt. In den 70ern und 80ern immer populärer geworden, war Fuji mit Stars wie Killington Ayinla und Sikuru Ayinde Barrister stellenweise sogar die populärste Musik Nigerias.

Aber die bekannteste Musik aus Nigeria kam aus dem Süden Yorubas, der unermüdlichen Stadt Lagos. Afrobeat. Ihr Efinder: Fela Anikulapo Kuti. Fela ist vermutlich einer der bekanntesten Afrikaner, definitiv aber der bekannteste nigerianische Musiker. Sein einmaliges soziales Bewusstsein und seine authentische Sorge um den Mann von der Straße in seiner Musik brachte ihm Fans weltweit. Zunächst ein Highlife-Musiker, spielte Fela in England mit seiner Band Koola Lobitos. 1969 kam er nach Nigeria zurück und änderte seinen Sound. Und seine Message. Die Tracks waren immer pointierter in ihren Aussagen gegen die Ungereimtheiten der Militärregierung und der nigerianischen Gesellschaft im Allgemeinen. Stücke wie “Authority Stealin”, “VIP”, “Gentleman” und “Zombie” machten Fela berühmt, aber brachten ihm auch den Zorn der Regierung ein, die ihn fortan bedrängte, zwei Mal ins Gefängnis warf und sein Haus niederbrannte, wobei seine Mutter starb.

Trotz aller Anstrengungen der Musiker hemmte das politische und ökonomische Klima zwischen 1985 und 1999 die Entwicklung nigerianischer Musik. Unterdrückerregimes und Militärdiktatoren schufen Inflation und Firmen aus dem Ausland flohen reihenweise, Nigerianer suchten bessere Möglichkeiten im Ausland. Eine ganze Generation von Mentoren und neuen Musikern verließ das Land und Plattenfirmen gaben reihenweise auf. In diesen Jahren kollabierten auch die Vertriebs-Kanäle nigerianischer Musik ins Ausland, weshalb neue Musik kaum bekannt ist. Man könnte fast glauben, es gäbe sie nicht, aber das Gegenteil ist wahr.

In den letzten Jahren mit der Rückkehr zu einer “frei” gewählten demokratischen Regierung unter Präsident Olusegun Obasanja (ironischerweise der ehemalige Militärdiktator, der Fela Kutis Haus vernichtete) gab es eine Wiederauferstehung nigerianischer Musik. Computer und CDs haben Nigeria in eine Do-It-Yourself-Kultur verwandelt, der das Vakuum, das die verschwundenen etablierten Plattenfirmen hinterlassen hatten, nur noch mehr half. Dieses Phänomen hat sehr verschiedene Resultate. Während einerseits nahezu jeder nigerianische Musiker die Möglichkeit hat ein Album zu machen, leidet die Qualität durch einen Mangel an professioneller Unterstützung. Dennoch hat diese Kultur einiges an neuen Stars hervorgebracht. 2Face, Trybesmen, Ruggedman, Maintain, Paul Play (Dairo) und Styl-Plus z.B., die leider außerhalb von Nigeria absolut unbekannt sind. Eine der Herausforderungen, die sie mit vielen Independent-Musikern überall gemein haben, ist die oft kapital-intensive Aufgabe eines Vertriebes und von Marketing.

Der Hauptgrund für uns, Naijajams.com (Naija ist ein Slangwort für Nigeria), unseren Audioblog, zu machen, war der Frust darüber, außerhalb Nigerias nicht an neue nigerianische Musik heranzukommen. Nijajams.com soll eine Plattform für nigerianische Musik sein, die ansonsten ungehört bliebe. Das ortsunabhängige Medium, das immer da ist, ermöglicht uns, diese Musik und unsere Kommentare zu featuren und einen sehr seltenen Einblick in die nigerianische Musikszene zu geben. Denn wir lieben nun mal die nigerianische Musik.

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Elektronische Lebensaspekte.