Playhouse streckt seine A&R-Fühler nach Berlin aus. Mit MyMy und Prosumer holen sie sich zwei ausgebuffte Rhetoriker der Tanzfläche ins Boot.
Text: Alexis Waitz aus De:Bug 92

Naive Tanzromantik
MyMy/Prosumer

Egal ob man ihre Stücke als Band-Musik oder elektronische Tracks hört, als House oder P-Funk: MyMy ist das Projekt von Leuten, die sich auf ziemlich unterschiedliche Weise, aber auf einem gleichermaßen hohen Intensitätslevel mit Musik beschäftigen. Alle vier sind DJs, Nick Höppner, der früher Review-Redakteur der Groove war, und Carsten Kleemann verdienen damit professionell ihr Geld. Der mittlerweile weniger beteiligte Cornelius Tittel ist Welt-Am-Sonntag-Redakteur. Lee Jones hat als Hefner zwei Alben veröffentlicht, produzierte zahllose Remixe. Ihm war Dance Music nie offen und experimentell genug, deshalb orientierte er sich in Richtung Song-orientierter Musik: “Mir ist es nie gelungen eine gute Clubnummer zu produzieren, bis ich Carsten und Nick getroffen habe.“
Zunächst kam man Dienstagsabends zusammen, um “etwas Musik zu machen und viel zu reden“. Die gemeinsame Arbeit wurde intensiver, als alle in den gleichen Kiez um den Berliner Rosenthaler Platz zogen. Mittlerweile hat sich eine ganz bestimmte Arbeitsweise herausgebildet: Carsten und Nick machen gemeinsam Musik, dann treffen sich Nick und Lee und tauschen Material aus. Der Zirkel schließt sich, wenn Carsten Lee interessante, herausfordernde Musik vorspielt. Cornelius war der Vibemaster, der in der zweiten Reihe saß und kommentierte und kritisierte. Das DJing von Carsten und Nick erzeugt eine besondere Dynamik, Neues wird schnell ausprobiert. Playhouse wählte von einer Demo-CD mit zwölf Stücken drei Tracks aus, die die drei weiterbearbeiteten, bis sie “interessant genug“ für die Veröffentlichung schienen. Mittlerweile entwickeln sie einen Live-Act. Lee: “Was wir versuchen ist dauerhaft spannende Musik zu machen, ohne so etwas wie einen Stil entwickeln zu müssen.“

Prosumer
Der “Prosumer“ ist zugleich Producer und Consumer. Die Wortschöpfung taucht zum ersten Mal in Alvin Tofflers Buch “Third Wave“ auf, das für die erste Detroit-Generation ein entscheidender Bezugspunkt war. Hier ist der Prosumer der Konsument, der aus der Unzufriedenheit über die Qualität der Produkte heraus selbst zum Produzenten wird. Die Wendung wurde in der neueren Marketing-Sprache aufgenommen, bedeutet hier eine Qualitätsklasse für Geräte, die zwischen Konsument und Profi liegt. Für unseren Prosumer bezeichnet der Name ein Musikmachen aus dem Fan-Sein heraus, das keinen dezidierten Originalitätsanspruch hat. Achim Brandenburg musiziert für sich – die Wahrnehmung von außen ist eher ein erfreulicher Nebeneffekt. Seine erste EP trägt denselben Titel wie die Platte des Helden Boo Williams auf Djax-Up Beats, “Newborn“, die er “heiß und innig geliebt“ hat. Von den alten Tracks unterscheiden sich Achims Stücke durch eine bestimmte Räumlichkeit, sie haben nicht die spezielle Linearität der alten Nummern.
Achim arbeitet ausschließlich mit Hardware, “ich muss da anfassen, drehen und schieben können“, sagt er. Die Ursprungsstücke für seine beiden EPs auf Swayzaks Label 240 Volt und auf Playhouse wurden in Halbstundenlänge auf einer Telefunken-Bandmaschine aufgenommen – das Tonband hat einen schöneren, wärmeren Klang, der leicht komprimiert ist. Am liebsten würde er die Tracks mit der Schere montieren. Für das Vocal zu “The Craze“ war die Wunschbesetzung die “Big Fun“-Sängerin Paris Grey, dann kam das selbst eingesungene Vocal so gut an, dass er es beibehielt. Der Bezug zum Gospelmäßigen fällt da explizit raus: “Die naive Tanz-Romantik liegt mir sehr.“

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Elektronische Lebensaspekte.