Text: Janko Roettgers aus De:Bug 42

Nexter bitte!

Bertelsmann übernimmt Napster, Filesharing geht weiter

Neulich in einem Gütersloher Badezimmer: “Lang lebe Napster!” Naja, ein bisschen zögerlich klang das schon noch. “Zerstört die Musikindustrie!” Ha! Das ging runter wie Öl. Thomas Middelhoff grinste in den Spiegel, band seine Krawatte, nahm sie dann – New Economy, New Kleiderordnung – wieder ab und zog los. Napster retten. Musikindustrie zerstören.
Wenige Stunden später ging die Nachricht um die Welt, dass Bertelsmann mit Napster kooperieren werde. Die lästige Klage lasse man unter den Tisch fallen, ein neuer Businessplan sei eh schon unter dem Projektnamen Thunderball entwickelt. Dazu posierte Middelhoff neben Shawn Fanning im Napster T-Shirt und freute sich wie ein Kind. Bertelsmann hatte auf einen Schlag 32 Millionen potentielle eCommerce-User, die Presse eine Bombenstory, und Middelhoff war plötzlich ein Held. Schließlich hatte er gerade Napster gerettet. Aber was nun mit der lästigen Musikindustrie anfangen?
Glücklicherweise entdeckten gleich einige Journalisten, dass zur großen Napster-Pressekonferenz niemand von der BMG eingeladen war. Sollte da etwa ein Konflikt im Busche sein? Erste Berichte über hausinterne Auseinandersetzungen dementierte Bertelsmann noch brav. Dann war es aber Zeit für ein Machtwort. Middelhoff kündigte eine Unternehmensumstrukturierung an und entließ dazu gleich mal eben den BMG-CEO Michael Dornemann und seinen potentiellen Nachfolger Strauss Zelnick.
Außerdem erklärte er, Bertelsmann komplett Napster-fit machen zu wollen. Das gesamte Unternehmen wird in die drei Sparten Content, Mediendienste und Kundenbetreuung aufgeteilt. Der BMG geht es dabei schlimmer als Microsoft in Bill Gates übelsten Albträumen: Den Musikvertrieb (Napster, CDNow, BMG Direct) organisiert demnächst Andreas Schmidt mit seiner eCommerce-Group, die Verwaltung des BMG-Katalogs schnappt sich die neue Content-Abteilung. Dem Label selbst bleibt dann noch das klassische A&R, also Künstler hegen und pflegen. Napster retten, Musikindustrie zerstören – Middelhoff hat es geschafft. Doch was wird jetzt aus unserem Lieblingshobby Filesharing?

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Napster als Multimedia-Buchclub

Fest steht, dass Bertelsmanns Napster nicht mehr allzu viel mit dem heutigen Filesharing-Modell gemein haben wird. In den ersten Tagen der neuen Allianz übten sich zwar alle Beteiligten noch in Zielgruppenberuhigung. Alles bleibt wie bisher, verkündete Napster-CEO Hank Barry. Alles wird anders, hieß es dagegen von Bertelsmann. Vor allen Dingen sicherer, zuverlässiger und legaler selbstverständlich auch. Und irgendwie ein bisschen wie der gute, alte Buchclub. Nur viel hipper natürlich.
Mittlerweile gibt es ein paar eindeutigere Informationen: Angeblich wird der neue Napster-Service drei Stufen besitzen. Ganz umsonst gibt es in der ersten Stufe einige Promo-Tracks sowie Biographien und weiteren Werbeschnickschnack. Stufe zwei soll 4,95 Dollar pro Monat kosten und eingeschränkte Downloadrechte ermöglichen – wahrscheinlich geht es dabei um den BMG-Backkatalog. Wem das nicht reicht, der entert eben Stufe drei und kauft bestimmte Tracks via Pay per Download. Als Format wird Windows Media gewählt, weil Napster eh schon damit umgehen kann. Haupsache kein MP3, denn dann machen die anderen Labels nicht mit.
Deren Unterstützung braucht Bertelsmann aber dringend. Niemand kauft nur Bertelsmann-Musik, daran ändert selbst ein kleiner Merger mit der EMI nichts. Also müssen Allianzen und Lizenzen her. Außerdem hat man sich mit Napster zwar die hippste Filesharing-Firma gesichert, aber die Konkurrenz wird jetzt auch nicht lange fackeln.
Eher unbemerkt von der Öffentlichkeit hat kurz nach dem Napster-Deal das Musik-Portal Listen.com dem Filesharing-Anbieter Scour ein Kaufangebot gemacht. Daraus könnte Bertelsmann eine ernsthafte Konkurrenz erwachsen: Scour ist grad pleite und deshalb ein echtes Schnäppchen. Listen.com wiederum wird über Minderheitsbeteiligungen von den fünf Majors finanziert, hat also einen direkten Draht zu allen Labelkatalogen.

Jedem sein Napster

Die Entwicklung der letzten paar Wochen ist schon seltsam. Aber sie offenbart auch viel taktisches Geschick: Die letzten Monate bestimmten die Hardliner das Bild der Plattenindustrie in der Öffentlichkeit: Sie predigten wie der Universal-Chef Edgar Bronfman den heiligen Krieg gegen Filesharing-Techniken und verklagten alles, was nicht niet- und nagelfest war. Hinter den Kulissen wurde jedoch heftig verhandelt, nicht nur zwischen Bertelsmann und Napster. Auch Scour befand sich schon früh in Gesprächen mit der BMG und Time Warner, die aber nach der Millionenklage erst einmal auf Eis lagen.
Jetzt zeigt sich, dass die Plattenlabels mit ihrer Strategie gar nicht so falsch lagen: Die Prozesse haben den Filesharing-Börsen massive Publicity verschafft und dabei gleichzeitig ihre Kassen ausgetrocknet. Dafür, dass Napster Ende des Jahres rund 50 Millionen User haben wird, sind die angepeilten Bertelsmann-Investitionen von 28 Millionen Dollar ein Klacks. Wenn andere Content-Industrien demnächst also auf den Gedanken kommen sollten, sich ebenfalls Peer-to-Peer-Technik zuzuwenden, werden sie sich an der Entwicklung von Napster, Scour & Co. ein Beispiel nehmen: Erst klagen, dann kaufen ist einfach billiger.
Die Majors werden sich also ihre Napster-Plattformen sichern, und unsereins bleiben immer noch die unzähligen Clones und Neuentwicklungen. Die sind meist eh besser als das Original. Zum Beispiel CuteMX, das nach einer Prozessangst-bedingten Pause jetzt den Betrieb wieder aufgenommen hat. Oder all die Projekte wie Ohaha & Co., die auf Open Source-Basis Gnutella beerben wollen. Oder der gnadenlos gute Audiogalaxy Satellite Search Engine. Gegen den sehen Napster und Scour sowieso verdammt alt aus.

Middelhoffs neuer Lieblingslink:

napster

Filesharing zum Ramschpreis:

scour

Wieder Online:

cutemx

Neu und spannend:

ohaha

Beep Beep kleiner Satellit:

audiogalaxy

Mehr P2P-Links:

zeropaid

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Elektronische Lebensaspekte.