In letzter Sekunde konnte sich Napster davor retten, vom Netz abgeklemmt zu werden. Nun geht es weiter mit dem fröhlichen MP3-Tauschen, und die RIAA steht schlechter da als jemals zuvor.
Text: Janko Roettgers aus De:Bug 39

Das Monster beisst zurück
Der Napster-Prozess lässt Filesharing boomen

Richterin Mary Hall Patel – für kurze Zeit war sie eine Heldin der Musikindustrie. Patel erließ Ende Juli eine einstweilige Verfügung gegen Napster. Ganze zweieinhalb Tage ließ sie dem MP3-Filesharinganbieter noch, danach müsse der Tausch copyrightgeschützter Songs aufhören. Als Napster-Anwalt David Boies dagegen protestierte, dass die Firma damit ihr ganzes Geschäft einstellen müsse, erklärte Patel: “Das ist ihr Problem, sie haben dieses Monster erschaffen.”
Für die großen Plattenfirmen war die Welt damit wieder in Ordnung. Metallica, die ebenfalls eine Klage gegen Napster initiiert haben, priesen das Vorgehen der Richterin als “heldenhaft”. Ihr Anwalt Howard King erklärte gegenüber dem Rolling Stone, er hätte Patels Entscheidung nicht besser formulieren können. Und RIAA-Anwalt Cary Sherman erklärte nach dem Urteil: “Diese Entscheidung ebnet den Weg für die Zukunft der Online-Musik.” Zu diesem Zeitpunkt wusste er noch nicht, wie recht er damit haben würde.

“Wie der Versuch, den Regen zu kontrollieren.”

Kurz nach Bekanntwerden der Entscheidung stürzten sich die User auf den Napster-Service und versuchten, so viel downzuloaden wie möglich. Auch andere Filesharing-Anbieter sahen sich einem riesigen Ansturm ausgesetzt. Eine der Gnutella-Websites brach kurzzeitig unter der Zugriffslast zusammen, und auch Scour.com meldete stundenlang Überlastung.
Gleichzeitig formierte sich im Netz der Widerstand gegen die Gerichtsentscheidung. Hip Hop-Veteran Chuck D protestierte auf seiner Website mit den Worten: “File sharing stoppen zu wollen ist wie der Versuch, den Regen zu kontrollieren.” Aufgebrachte User organisieren eine Boykott-Initiative mit dem Ziel, den ganzen August über keine CDs der RIAA-Plattenfirmen zu kaufen. Um es nicht bei einer hohlen Drohung zu belassen, rechnen sie gleich schon mal den dabei entstehenden Schaden hoch: Anfang August beläuft sich die Summe bereits auf 9 Millionen Dollar bei 110 000 Beteiligten, Tendenz steigend.

12 Millionen Napster-User bereit für die Illegalität

In einer Blitzumfrage des Marktforschungsinstituts PC Data Online erklärten lediglich 16 Prozent aller Internetnutzer, dass sie eine Schließung von Napster befürworten. 57 Prozent gaben dagegen an, jeglichen Versuch der Kontrolle von Filesharing für unrealistisch zu halten. Aber auch wenn Programme wie Napster & Co. für illegal erklärt werden, wollen 25 Prozent der Befragten sie weiter einsetzen. Unter den Napster-Usern wollen sich sogar 60 Prozent von den derzeitigen Prozessen nicht stoppen lassen. 60 Prozent, das sind rund 12 Millionen User.
Napsters CEO Hank Barry und Teenie-Idol Shawn “Napster” Fanning arbeiteten in dieser Zeit fieberhaft daran, ihr Unternehmen zu retten. Einen Tag nach dem Urteil reichten sie einen Einspruch gegen die einstweilige Verfügung ein. Die Verhandlung sei zu kurz gewesen, die Beziehungen zwischen Downloads und Plattenkäufen noch nicht eindeutig geklärt worden, und ausserdem gehe es schließlich um 40 Arbeitsplätze. Wenige Stunden vor der angesetzten Schließung haben sie damit Erfolg. Napster darf weitermachen. Ein paar Wochen erstmal zumindest, dann wird neu verhandelt. Die RIAA ist schwer enttäuscht, die User jubeln, das Downloaden geht weiter.

Von Microsoft lernen

Vorerst zumindest. Ob Napster sich im Endeffekt wirklich gegen die Klage der Plattenfirmen wehren kann, bleibt abzuwarten. Längst sind Anklage und Verteidigung in ihren gegenseitigen Vorwürfen viel zu undurchschaubar geworden, als dass man dazu noch eine auch nur halbwegs wasserdichte Prognose abgeben könnte. So wird beispielsweise davon ausgegangen, dass die RIAA einen eindeutigen von Napster ausgehenden Schaden nachweisen muss. Das dürfte ihr aber schwer fallen, denn erst kürzlich hat das renommierte Marktforschungsinstitut Jupiter Communications einen Zusammenhang zwischen wachsenden CD-Verkaufszahlen und Napster-Nutzung festgestellt.
Gleichzeitig stützt sich Napster-Verteidiger David Boies auf das Argument, die RIAA versuche mit dem Verfahren, einen Mitbewerber auszuschalten und sich damit ein Monopol im Online-Musikmarkt herbeizuklagen. Monopol – das klingt immer gut, das erinnert an Microsoft, damit hat Boies Erfahrung. Er hat nämlich im Verfahren gegen den Softwareriesen das Justizministerium beraten. Aber um Napster als Mitbewerber zu präsentieren, müsste die Firma erst mal erklären, wie eigentlich ihr Business-Plan aussieht. Den gibt es allerdings bis heute nicht.
Was wiederum auch von Vorteil sein könnte: Würde Napster jede Menge Geld mit dem MP3-Tausch verdienen, könnte die RIAA darauf pochen, dass ihr genau dieses Geld verloren geht. Bisher hat die Tauschbörse jedoch keinen einzigen Dollar eingenommen, sondern nur fleissig und ziemlich erfolgreich Venture Kapital verbrannt.

Populärer als Amazon

So weit, so unübersichtlich. Genau genommen ist es aber für die Zukunft des Filesharing auch ziemlich egal, ob Napster geschlossen wird oder nicht. Mit Gnutella und Freenet stehen längst dezentrale Varianten zur Verfügung, die sich nicht einfach so aus dem Netz klagen lassen. Und dank des riesigen Medienechos auf den Napster-Prozess findet das lustige Dateientauschen in diesen Tagen mehr Freunde denn je. Allein hier in Deutschland schaffte es die Napster-Entscheidung auf die Titelseiten der meisten überregionalen Tageszeitungen und gleich zwei Mal in die Tagesschau. Wer bis dahin noch nichts von Napster und MP3 wusste, hatte ein paar Stunden später schon seine ersten Downloads laufen.
Das riesige Echo auf den Prozess zeigt sich auch an den kürzlich veröffentlichten Zugriffszahlen auf die Napster-Website. Diese stiegen innerhalb einer Woche um 54 Prozent auf täglich 920 000 Besucher. Die Site ist damit populärer geworden als die des erfolgreichsten Onlinehändlers Amazon und verzeichnet fast vier mal so viel Zugriffe wie der Musikanbieter CDNow.
Noch in diesem Sommer wollen die großen Plattenfirmen eigene kostenpflichtige Downloadangebote starten. Sie werden sich an dem Erfolg von Napster messen lassen müssen, dabei aber wohl Schwierigkeiten haben, nur annähernd so viele Menschen für sich zu gewinnen. So wird RIAA-Anwalt Sherman wohl doch noch Recht behalten mit seinem Kommentar zum Napster-Urteil. Denn schließlich stellte er nach Patels juristischem Schnellschuss so treffend fest: “Diese Entscheidung ebnet den Weg für die Zukunft der Online-Musik.”

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Elektronische Lebensaspekte.