Text: heike blümer aus De:Bug 02

NASA/TREK
Popular Science und Sex in Amerika

Heike Blümner

Earth Attacks on Independence Day: Letztes Jahr griffen die Außerirdischen im Kino an, dieses Jahr sind wir am 4. Juli auf dem Mars, und der lebt wie nie zuvor. Die amerikanischen Oberforscher klopfen sich bei Mega-Feuerwerken gegenseitig zufrieden auf die Schulter und verkünden im Fernsehen: “Das ist das wichtigste Ereignis der Menschheitsgeschichte. Krieg oder Frieden, das interessiert in tausend Jahren niemand mehr, aber die Landung auf dem Mars wird für immer und ewig im menschlichen Gedächtnis bleiben.” Tschingderassabum!
Die NASA feiert derzeit ein gigantisches Comeback, sie hat mit dem putzigen Pathfinder wieder Pop-Appeal, und so ist die Mars-Landung wie ein gigantischer Stadionrock at it’s best. Von null auf eins, in den Charts des öffentlichen amerikanischen Bewußtseins, das schaffen sonst weder Riots noch Wahlkämpfe. Höchste Zeit also mal zuzuschauen, was hinter dem Glamour der NASA steckt. Denn wo technisches Overachievertum und teamorientierte Machbarkeit kollektiv als glamourös rezipiert werden, wird eigentlich über alles Mögliche berichtet, nur nicht über Sexualität und Geschlechterrollen. Her damit, denn schließlich sind Sex und Gender wesentliche Bestandteile populärer Phänomene!

Und so hüpft das Herz freudig, wenn man zum ersten Mal Constance Penleys Buch “NASA/TREK” in den Händen hält, denn der Untertitel verspricht, über “Popular Science and Sex in America” zu informieren. Penley ist Professorin für Film- und Frauenforschung an der Universität von Santa Barbara in Kalifornien und hat es sich zur Aufgabe gemacht, “die Geschichte der NASA umzuschreiben”. Einerseits erfreulich, andererseits auch sehr affirmativ-amerikanisch wird doch direkt hinterher geschoben, daß nicht etwa die Institution NASA oder die Weltraumforschung an sich in Frage gestellt werden soll: “Meine Idee ist es, das Objekt (der Kritik, Anm.d. A.) zu ändern und es aber gleichzeitig zu erhalten, wie eine anstrengende Tiefenmassage, die wehtut, dafür fühlt sich hinterher alles um so besser an”.
“NASA/ TREK” behandelt, wie der Name schon sagt, zwei Phänomene amerikanischer Popkultur: Das reale Weltraumforschungszentrum NASA und die fiktive Fernsehserie Star Trek. Penley geht davon aus, daß es im Bewußtsein der meisten Amerikaner eine “symbolische Einheit” zwischen der NASA und Star Trek gibt. Die Serie wurde zuerst zwischen 1966 und 1969 ausgestrahlt, also auf dem Höhepunkt staatlicher Weltraum-Euphorie. In den siebziger Jahren wurde der erste Space-Shuttle auf Grund einer Briefkampagne von Star Trek-Fans an Präsident Gerald Ford von “Constitution” in “Enterprise” umbenannt. Mae Jemison, die erste afro-amerikanische Ärztin, die 1992 an Bord der “Challenger” war, nannte als ihr Vorbild Lieutenant Uhura aus Star Trek und begann jede ihrer Arbeitsschichten im All mit Uhuras Zeilen: “Hailing Frequencies Open”, um nur einige wenige Beispiele dieser Verbindung zu nennen.
Zum Glück erliegt Penley nicht der Versuchung, den Vergleich zwischen NASA und Star Trek zum Prinzip des Buches zu erheben. Vielmehr sprengselt sie die immer wieder auftauchenden Parallelen zwischen Forschung und Fiktion geschickt an den jeweils passenden Stellen ein. Schlau ist ihr Buch in zwei Kapitel aufgeteilt “NASA/” und “/TREK”, wobei der erste Teil der interessantere ist.
In “NASA/” wird die jüngere amerikanische Weltraumforschungsgeschichte unter feministischer Betrachtung neu analysiert. Speziell der Challenger-Absturz von 1986, der laut Penley bis heute für Amerikaner eine Art Trauma ist, wird hervorgezerrt und als eine Art misogyne Ode an die späten Achtziger wiedererzählt: “Teachers In Space” hieß das Programm, was die Herren aus Poitik und Wissenschaft sich ausgedacht hatten. Die Lehrerin Christa McAuliffe, die aus Tausenden von Bewerbern ausgewählt wurde, mit den Astronauten ins All aufzusteigen, war: “Das amerikanische Mädchen von nebenan; hübsch, aber nicht zu hübsch, kompetent, aber nicht intellektuell, eine traditionelle Mutter und Lehrerin, deren Mann Anwalt war und mit dem sie seit der High-School zusammen war.” Penley begibt sich auf die Spuren McAuliffes und beschreibt die Ereignisse vor und nach dem Challenger Absturz, bei dem sie ums Leben kam, und den “Reagan-Bush-NASA-Medienzirkus” drumherum. “Alles, was ich über Weltraumforschung weiß, ist das, was ich bei Star Trek gesehen habe”, sagte die Lehrerin, nachdem sie erfahren hatte, daß sie die Auserwählte war. Trash, möchte man ausrufen, denn schließlich saß im Auswahlkommitee auch noch eine Schauspielerin aus der Serie “Mork vom Ork”. Lustig ist das trotzdem nicht. McAuliffe sollte “die private Bürgerin im All” sein und bezahlte dafür mit ihrem Leben.
Im Gegensatz dazu waren McAuliffes Vor- und Nachfolgerinnen, die professionellen Wissenschaftlerinnen im All, im Verhältnis zu ihren männlichen Kollegen alle überqualifiziert. Penley erzählt auch ihre Geschichten, jedoch keine stringenten Biographien nach dem Motto “Frauen können auch ganz tolle Astronautinnen sein”. Vielmehr vergleicht sie anekdotenhaft, quellenreich und sehr unterhaltsam Qualifikationen, Lebensweisen und die Umstände, unter denen Frauen überhaupt ins All dürfen und mit welchen öffentlichen Erwartungen sie zugeschüttet werden.
Im wesentlich kürzeren Kapitel “Trek” passiert dann leider das, was man die ganze Zeit nicht hören wollte. Frei nach Juso-Manier behauptet Penley, daß Trekkies zwar nicht die besseren Menschen seien, aber diejenigen, die “sich einer Politik der Gleichheit und Toleranz verschreiben”. Obwohl es in “Trek” eigentlich um die Fans geht, die Star-Trek-Geschichte neu erfinden, indem sie Liebes- und Pornostories über Captain Kirk und Spock schreiben, erfährt man wenig Konkretes (was ja in diesem Fall besonders nett wäre) und dafür viel Gefasel über “grassroots-movement”, “populäre Utopien” und “Subversion”.
“NASA/ TREK” ist wie ein guter, aber zu langer Song, der nach hinten ausfranst.

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Elektronische Lebensaspekte.