Die Frankfurter Houseproduzenten "Needs" stellen sich mit nur vier eigenen EPs ganz vorne in einen Zug, der langsam ins Rollen kommt: deutscher Deephouse. Man muss eben fest genug an die eigene Berufung glauben: Needs, not Wants.
Text: jan joswig aus De:Bug 45

house

Chicago Hope
Die Suche nach dem Deephouse-Gen: Needs

Marek und Lars Bartkuhn sowie Jan Yannick Elverfeld sind Chicagoer im Frankfurter Exil. Aber wenn sie weiterhin mit solcher Vehemenz das Salz der Erde in Klang verzaubern, wird Frankfurt eh zum chicagoigeren Chicago. Worum es geht? Deephouse, ihr Ignoranten! Und zwar in seiner klassischsten Form. Yannick und Gebrüder Bartkuhn setzen als Needs den Schlussstein in den Giebel des Deephouse-Pantheon. Mit vier eigenen EPs und diversen Remixen für Playin’ 4 the City, Taxi oder Ian Pooley drapieren sie einem alten Genre so würdevoll die frisch gestärkte Toga um, dass einem die gesamte vorherrschende Minimalsuppe plötzlich schal werden könnte.

Diese Zitrone hat noch Kraft

Deephouse ist erwachsene Musik, saturiert ist sie deshalb noch lange nicht. Die Pubertät liegt weit zurück, die Versuchungen sind aber geblieben. Da liegt der Unterschied begraben zwischen Deephouse und George Benson. Wie die Jazzoberlehrer betrieben Needs nur abgesichertes Handwerk, ruhten sich auf ollen Formeln aus? He, bringt das Ohr mal näher zum Herzen. Sie sind nicht Gralshüter – konservatives Stagnieren – sondern Gralserbauer. Der kategorische Imperativ in Deephouse heißt: Zerstöre nicht das Alte, um etwas Neues zu erfinden, sondern erfinde das Alte immer wieder neu. Jeden Tag ein Gedicht in alter Metrik schreiben zu müssen, ist viel delikater, als freie Clicks & Cuts-Forschung zu verfolgen. Die Needs wissen genau, dass dieser Gedichtsform gleich nach der Glanzzeit des Prescription-Labels, als Chez Damier noch mit am Ruder stand, der Sündenfall droht. Danach bildete Deephouse so Adjektiv-Tand wie latin, jazz, afro aus, mit dem sich bestens bemänteln lässt, wenn die Essenz fehlt. Aber die Essenz in all ihrer flächigen Synthiegröße, genau die fordern die Needs ein, und das macht sie zu Hoffnungsträgern aller virtuellen Chicago-Bewohner. Surrender to the Atmosphere.

De:Bug: Würdet ihr euch darauf festnageln lassen: Needs machen Deephouse?

Lars: House ist ein Medium, um möglichst viele Stilelemente, die uns alle geprägt haben, einzubringen, ohne wahllos zu werden. Es ist unsere Lieblingsgrundmusik, aber ich würde mich sträuben, das streng Deephouse zu nennen.

De:Bug: Aber ihr arbeitet so traditionell deep in House, dass ihr klar außerhalb der in Deutschland hegemonialen Minimalschule steht.

Marek: Die Minimalhouseschiene hat in unserem Kosmos niemals eine Rolle gespielt. Es ist nicht so, dass wir eine gute Platte von Robert Hood oder Daniel Bell nicht hätten schätzen können, aber die gesamte Entwicklung, die im europäischen Rahmen stattgefunden hat, ist an uns so ein bisschen vorbeigegangen und hat niemals den richtig großen Aspekt für uns gehabt. Nicht, dass wir keine Wertschätzung dafür gehabt hätten, was zum Beispiel auf Perlon passiert.

Lars: Wertschätzung und Respekt ist da. Auf unsere Leidenschaft, wie wir Musik machen, hat das keinen Einfluss genommen.

Yannick: Wenn wir in der elektronischen Musik Sachen wahrgenommen haben, dann waren das solche, die eine gewisse Wärme hatten. Selbst bei Techno waren das dann eher UR, nicht deren harte Sachen, sondern Galaxy to Galaxy. Obwohl, das sagt ja jeder heute. Ein Label wie Ron Trents und Chez Damiers Prescription aus Chicago war immer superwichtig, Rasoul, der aktuell oft genannt wird, dagegen eigentlich gar nicht. Wir machen da riesige Unterschiede, vom Gefühl und der richtigen Tiefe liegen Welten dazwischen für uns. Anthony Nicholson ist ein ganz Großer.

Lars: Der Minimalhousebereich ist für mich nie in Kontakt gewesen mit dem, was Ron Trent macht, Kerri Chandler macht, und was wir auch irgendwo versuchen zu erreichen. Für mich ist das eher eine Entwicklung in Techno. Viele Leute waren irgendwann enttäuscht von Techno, haben sich abgewandt, sind langsamer geworden, haben Herbert für sich entdeckt, darüber ist die Clicks & Cuts-Richtung entstanden.

Yannick: Viele Technoleute waren dann ja auch schnell bei der Hand mit dem Entschluss: Lass uns mal ein Houselabel gründen. Das kommt prompt zu Missverständnissen. Die haben House dann leicht mal darauf reduziert, dass sie 20 Bpm langsamer geworden sind.

De:Bug: Glaubt ihr, mit Deephouse von einer sich abzeichnenden Ermüdung gegenüber dem Minmalsound profitieren zu können?

Lars: Stimmungsumschwung in Sachen deeper House? Da haben wir nicht viel mitbekommen. In den Medien steht vielleicht mal was zum New Yorker ‘Body and Soul’ Club, aber in der Praxis hat sich nicht viel geändert, die Leute sind nicht offener geworden. Wir sitzen hier so ein bisschen auf dem Trockenen, was den Konsum angeht, sprich tanzen zu gehen.

De:Bug: Es sieht so aus, als ob die Hörer gegenüber der deutschen Variante einer als uramerikanisch empfundenen Musik wie Deephouse weiterhin größeres Misstrauen haben als bei internationalisiertem Techno?

Lars: Die Leute werden aber auch misstrauisch gemacht. Wie wir es teilweise ja auch sind, wenn man über eine Randgruppenexistenz über Jahrzehnte…

Yannick: …ein Jahrzehnt.

Lars: Zehn Jahre sind es mittlerweile, immer das Problem hat, wer ist man denn eigentlich, wem kann man sich anvertrauen, die meisten sind ja eh ganz anders. Die ganzen Momente von: ich dachte, der hätte es jetzt verstanden und hat es doch nicht verstanden. Man eckt halt viel an. Deutscher Deephouse hat keine verlässliche Identität.

Marek: Es gibt im deutschen Technobereich treibende Kräfte, die international auch absolut das Sagen haben. Aber sag mir mal einen deutschen Produzenten, der eine Deephouse- oder Garagehymne gemacht hat, außer diesen Leuten da oben in Hamburg, aber das ist eine ganz andere…

De:Bug: Und Mousse T?

Lars: Das hat nichts damit zu tun, wie wir Hymne als spirituell deep verstehen.
Marek: Es ist gar nicht so ungerechtfertigt, wenn aus Unwissenheit die Nase gerümpft wird. Es gibt wenig Anhaltspunkte in Deutschland, sich für wirklich deepe, soulfulle Housemusik zu inspirieren. Wir sind froh, wenn es gute deutsche Platten gibt. Es ist aber nun mal so, dass unsre Sammlung auf andere Quellen zurückgreift.

De:Bug: Ist es für euch nicht nur in der Rezeption, sondern auch in der Produktion problematisch, dass ihr eine Musiksprache aus anderem kulturellen Hintergrund 1:1 importiert? Würdet ihr mit deutscher Sprache arbeiten wollen?

Marek: House is a feeling.

Lars: Ich würde mich ein bisschen sträuben vor dem Gebrauch der deutschen Sprache. Aber von Yannick kenne ich andere Stellungnahmen zu dem Thema. Die Versuche, im 4/4 Bassdrumbereich die deutsche Sprache einzubauen, halte ich für schwierig. Gerade im Bereich des Minimalhouse, wo dann ein poppiger Appeal unterstellt wird, kann ich den Wert Pop nicht so richtig sehen… Du sagtest vorhin Deephouse, für uns ist es manchmal fast eher Garage. Und da gibt es dann wirklich Probleme bei der Überschneidung, was die deutsche Sprache auszudrücken in der Lage ist, mit dem, was amerikanische oder englischsprachige Stimmen leisten können.

Lars: Und die Sprache hat nicht so die Bedeutung. Wenn wir englische Tracktitel finden, ist es meistens eine Stimmung, die wir wiedergeben. Wir wollen nicht in einem Wort die ultimative Botschaft vermitteln. Es geht eher darum, Stimmungen auszudrücken, Worte zu verwenden – unterbewusst – die man aus seiner Soul- und Jazzsammlung aufgeschnappt hat und mit denen man eine gewisse Kultur verbindet. Tracktitel und Vocals sollen allgemein umschreiben, statt präzise auszudrücken. Da man die ganze Zeit Musik aus Amerika hört, geht es einem auch in Fleisch und Blut über. Es ist kein Zwang, sich etwas Englisches auszudenken, das ist einfach die Macht der Gewohnheit. Wenn uns mal was gutes Deutsches einfiele, würden wir das auch nehmen. Wir haben es öfter schon erwogen.

De:Bug: Wem fühlt ihr euch in Deutschland verwandt, den Leipzigern zum Beispiel?

Yannick: Nach Leipzig, zu USM, Frankman, Moonharbour, gibt es keine direkte Verbindung. Es ist auch ein anderer Ansatz. Zwar immer noch Deephouse, aber mehr verwurzelt im europäischen Soundbild, im Minimalhouseansatz. Von der Gefühlswelt ist das etwas Anderes.

Marek: Wir suchen aber nicht die Außenseiterrolle.

Lars: Es ist relativ schwer, irgendwo hinzugehen und von dem DJ einen Flash zu bekommen.

Marek: Wir gehen zu DJ Deep und Mateo & Matos nächste Woche.

Yannick: Wir treffen uns eher mit Enthusiasten im privaten Bereich.

De:Bug: Und ereifert euch dann stundenlang über Flohmarktschnäppchen und stellt Raritätenlisten auf?

Lars: Musikfreaks, die für Raritäten leben, das klingt ja mehr nach Kindergarten. In unserem heimischen Plattenladen gehen wir alle Fächer durch.

Yannick: Was du uns für House unterstellst, kommt sehr stark im Nujazz-Rahmen zum Tragen, dieses Quartettspielertum. Ich weiß nicht, von wie vielen Leuten man wöchentlich Emails bekommt, die ein sensationelles Mitteilungsbedürfnis haben, über ihre neuesten Promos zu berichten. Das ist nicht so unser Ding, das ist bei der Gilles Peterson-Gefolgschaft wahrscheinlich ausgeprägter.

De:Bug: Wenn’s hart auf hart käme zwischen Nujazz und Trance, würde ich euch immer unterstellen, ihr würdet zu Trance tendieren?

Marek: Trance ist ein schweres Wort. Es gibt trancige Elemente, die aus absolut untranciger Musik kommen. Das wir viele Synthiesounds/ Flächen verwenden, kommt nicht aus einer Liebe zu Trance, sondern zu oldschooliger Detroitmusik wie UR. Das hat nichts damit zu tun, dass wir nicht viele Life-Instrumente verwenden wollen. Wir benutzen die Stilmittel, die uns zur Verfügung stehen. Wenn wir mal die Möglichkeit haben, mit echten Musikern zu arbeiten, werden wir das genauso machen, und es wird sich vom Gefühl nicht sehr unterscheiden. Wir versuchen, eine organische Musik zu machen. Ob das nun elektronische Sounds sind oder nicht, da unterscheiden wir überhaupt nicht.

Lars: Es ist schwer zu unterschreiben mit dem trancig. Atmosphärisch, hat Yannick gesagt. Wir verwenden synthetische Sounds sehr atmosphärisch.

Marek: Noch sind wir an das gebunden, was zur Verfügung steht. Wir bauen allmählich unser Studio auf. Bis jetzt fehlen aber die Kapazitäten, um das wirklich auszuleben. Es wird aber keine Revolution passieren, studiotechnisch oder aussagemäßig. Es wird wahrscheinlich für die Leute, die jetzt auf unsere Musik stehen, das gleiche Gefühl greifbar bleiben.

Yannick: Nur weil wir mal einen funkigen Bassisten gebrauchen, werden wir noch keinen Acid Jazz machen.

De:Bug: Lars und Marek veröffentlichen auch noch als Boobjazz auf dem Stir15 Label. Warum trennt ihr Boobjazz und Needs?

Lars: Zwischen Boobjazz und Needs gibt es keine richtige Trennung. Die Idee ist: Yannick legt irgendwo außerhalb auf, dann sitzen Marek und ich alleine im Studio und machen die Stücke. Es ist nicht wirklich so, dass man mit einer anderen Einstellung an die Sache rangeht. Außerdem besteht als drittes Projekt noch das ‘Passion Dance Orchestra’, das sich nur auf mich beschränkt.

De:Bug: Obwohl ihr schon lange House-Liebhaber seid, habt ihr erst spät mit dem eigenen Produzieren begonnen?

Marek: Der Gedanke, selbst zu produzieren, lag uns nie so wirklich nahe. Das war wirklich Lars, der die Musik das erste Mal mit richtigem Interesse gehört hatte und meinte, das kann man theoretisch auch selbst machen. Ich bin eher der zögerliche Typ. Und da ich immer gerne viel Garage gehört habe und relativ abgetörnt war von den wenigen deutschen Gehversuchen, war ich immer etwas abgeschreckt, was für ein Produktionsaufwand dahintersteckt. Ich dachte, das wäre eine ziemlich unmögliche Sache…

Lars: Da ich vom Jazz komme, ging ich zuerst eher unbedarft an House heran. Ich hatte nicht diese Ehrfurcht, ich hatte nur diesen riesigen Flash. Die Ehrfurcht ist erst jetzt gekommen. Am Anfang habe ich gesagt, komm, das kriegen wir schon hin, lass uns mal einen Sampler kaufen.

Marek: Und jetzt schreibe ich mein Diplom zum Thema: Die Suche nach dem Deephouse-Gen.

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Elektronische Lebensaspekte.