Und wieder wird die Faust gereckt in Philosophieseminaren. Die Theorie entdeckt das Politische neu, druckt Marx- und Hannah Arendt-Bibeln nach und behält trotzdem das Deleuze /Guattari-T-Shirt an.
Text: MERCEDES BUNZ aus De:Bug 57

Theorie Update: Dornröschen ist aufgewacht
Die Politische Theorie

Die politische Theorie ist aus ihrem Dornröschenschlaf erwacht. Wenn man derzeit auf Symposien, unter Hipstern, in den Diskursen zwischen Kunst- und Feuilleton bis hin zu den verschiedensten akademischen Feldern wieder etwas teilt, dann ist es eine Neugier für sie: die politische Theorie. Natürlich ist es nicht so, als ob es die letzten Jahre über keine politische Theorie gegeben hätte, aber sie hat es nie sehr oft über die Ränder der Fachbereiche oder explizit linker Diskurszirkel geschafft. Erst seit einiger Zeit kann man langsam und immer intensiver bemerken: Es wird wieder diskursiv von allen Seiten an sie angeschlossen. Doch warum ausgerechnet politische Theorie? Das kommt irgendwie überraschend und ist dennoch eine logische Konsequenz.

Noch bis Ende der 70er war die Politisierung der Diskurse mit einer meist verkrusteten und verbogenen marxistische Tradition überzogen. Wieder besseres Lesen adaptierte man Marx Schriften von einem analytischen Tool zu einer moralisch überlegenen Position, mit der man sich in allen Diskursen eine rechtmäßige Position erobern und anderen entgegenkeifen konnte. Dankend wandte man sich in den 80ern ab, um schleunigst mit Pierre Bourdieus’ [† 23.01.2002 Rest in Peace!] kulturellem Kapital unterm Arm glücklich den Ausgang zur Kultur zu suchen und nicht mehr zurückzublicken und seinen Teil zu dem beizutragen, was Diedrich Diedrichsen immer wieder als Bruch zwischen der Ästhetik und der Politik sondiert hat. In den Neunzigern dann sind poststrukturalistische Ansätze auch in der politischen Theorie mehr und mehr einbezogen worden und haben schließlich die diskursive Oberhand gewonnen.

DEBUG greift im Folgenden drei exemplarische Bücher für diese jüngste Perspektivenverschiebung heraus. Drei Ansätze, die alle das Politische nach poststrukturalistischen Regeln aufnehmen, wenn auch an verschiedenen Enden:

1. GIORGIO AGAMBEN: HOMO SACER

Eine Theorie mit Gewicht: Die Arbeit Giorgio Agambens “Homo Sacer – Die souveräne Macht und das nackte Leben” ist eine der vielschichtigeren, zeitgenössischen politischen Theorien. Anspruchsvoll. Man kann erwarten, mit schwerwiegenderen Begriffen (“Souveränität”) und Momenten (“Konzentrationslager”) der Politik konfrontiert zu werden. Agamben versieht Carl Schmitts Souveränitätstheorie mit einem Update, indem er den Ausnahmezustand nicht auf den Krieg hin definiert, sondern auf das “nackte Leben”. Parallel dazu fundiert er das politische Moment nicht in der Differenz zwischen Freund und Feind, sondern zwischen dem Leben als rechtlich anerkanntem Teil einer Gemeinschaft (bios) und dem natürlichen Leben (zoe). Da, wo das politische Leben all seiner rechtlichen Ansprüche beraubt wird und auf ein quasi-natürliches Leben reduziert wird, wird es zu “nacktem Leben”, dem Gegenüber der souveränen Macht. Dieses “nackte Leben” symbolisiert Agamben durch die historische Figur des “Homo sacer”. “Homo sacer”, ein Mensch im vogelfreien Status, der aus der Gemeinschaft ausgestoßen ist und deshalb getötet werden kann, aber nicht geopfert werden darf.

Während bislang in der politischen Theorie vor allem die Differenz zwischen natürlichem Körper und politischem Körper des Souveräns im Vordergrund stand, dreht Agamben die von Kantorowicz aufgezeigte Differenz um und projiziert sie in die andere Richtung, auf die regierten Menschen. Er stellt dabei unter Bezug auf Hannah Arendt die Kontinuität zwischen totalitärem Staat und den parlamentarischen Demokratien in den Vordergrund und verzichtet auf den üblichen Bruch, mit dem wir uns alle so gerne in sicherem Abstand von unserer nationalsozialistischen Vergangenheit wiegen. Im Gegenteil, Agamben erklärt das Lager zum verborgenen Paradigma der Moderne, das immer noch, wenn auch weit weniger offensiv, Gültigkeit besitzt, beispielsweise in den Abschieberäumen des Frankfurter Flughafens.
Auch wenn man Agamben nicht in jedes einzelne Fragment seines Denkens folgen möchte, ist sein Schreiben anspruchsvoll und kompetent. Auf weitere Bände seines auf vier Bücher angelegten Projektes darf man gespannt sein und hoffen, dass der Suhrkamp Verlag, der die Rechte des 1995 erschienenen Buchs “Homo Sacer” erworben hat, nicht wieder jahrelang die Veröffentlichung verschläft. Oder war es geschäftliches Kalkül? Der zweite Band “Remnants of Ausschwitz” ist bereits auf Italienisch, Französisch und Englisch erschienen – auf Deutsch natürlich nicht. Agamben ist übrigens gerade mit dem Nietzsche Preis ausgezeichnet worden. Wir gratulieren.

Giorgio Agamben: Homo Sacer. Suhrkamp. EUR 10,-

2. BRUNO LATOUR: DAS PARLAMENT DER DINGE

Auf den ersten Blick könnte man meinen, zwei Theoretiker wie der französische Wissenschaftssoziologe Bruno Latour und der italienische Benjaminübersetzer Giorgio Agamben könnten nicht weiter voneinander entfernt sein. In der Tat lassen sich jedoch Passagen finden, in denen die Ansätze sich ineinander überblenden lassen. Auch wenn Agamben auf historische Konzeptionen zurückgreift, Latour sich dagegen auf aktuelle konzentriert, teilen beide eine Grundannahme: Dass die “fundamentalen Ereignisse in der politischen Geschichte der Moderne … “, wie Agamben schreibt, “und andere, die eine unverständliche Einmischung biologisch-wissenschaftlicher Prinzipien in die wissenschaftliche Ordnung darzustellen scheinen…, ihre wahre Bedeutung nur dann entfalten, wenn sie wieder in den gemeinsamen biopolitischen Zusammenhang gestellt werden, dem sie entstammen.”
Latours leicht lesbares Buch “Das Parlament der Dinge” widmet sich genau diesem Punkt. In Deutschland ist Latour vor allem als Mitbegründer der Actor-Network-Theory bekannt, doch schon in seinem wissenschaftssoziologischen Buch “Wir sind nie modern gewesen”, macht er einen ersten Schritt in Richtung politische Theorie und hebt die gegenseitigen Abhängigkeit politischer und wissenschaftlicher Systeme besonders hervor. Folgerichtig konzentriert er sich nun auf ein Gebiet, in dem beide, Wissenschaft und Politik, sich überschneiden: die Ökologie. Grüne, jauchzt auf, wenn auch nur kurz, denn: Politische Ökologie, so Latour, hat noch gar nicht angefangen zu existieren. Man hat einfach nur den Bereich der Natur mit dem der Politik verbunden, die eigentlich Dimension jedoch nicht begriffen. Denn die Ökologie, so Latour, ist keine Krise der Natur, sondern eine Krise der Objektivität, die zeigt, dass das Kollektiv der Gesellschaft nicht nur aus Menschen besteht, sondern das nicht-menschliche Wesen (Natur, Dinge, Objekte etc.) darin eine zentrale Rolle spielen. Latour setzt an die Stelle des Gegenübers von Subjekt und Objekt das Begriffspaar von menschlichen und nicht-menschlichen Wesen, die man nicht gegeneinander abgrenzen kann, sondern aufeinander addieren muss – das eine ist nichts ohne das andere und nur mit dem anderen. Auf dieser Grundannahme arbeitet er ein neues Verhältnis von Wissenschaft, Politik, Ökonomie und Moral aus. Ihm geht es nicht darum, an die Stelle des klassischen Gegensatzes von Mensch und Natur ihre Einheit zu setzen, sondern darum, ihre Vielheit zu denken, und weist für die Teilnahmen an dieser Vielheit gleich noch konkret Zuständigkeiten zu, die von seltsamen Schaubildern voller Pfeile begleitet werden, die er vergnügt, wie er selber gerne betont, am Macintosh auf dem uralten Programm Powerpoint 1.0 herstellt.

Stilistisch ist das Buch an “Mille Plateaux” orientiert, macht aber ab und zu einen zu schnell argumentierenden Eindruck. Trotzdem muss man zweierlei betonen: Erstens Latour beschenkt einen mit einer Fülle an produktiven Begriffen. Und zweitens ist darüber hinaus absehbar, dass sein Ansatz die Wissenschaftsforschung im Fokus erweitert, etwa wie Cultural Studies die historisch ausgelegten Kulturwissenschaften. Denn Latours Methode macht Phänomene an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft, Politik und Alltag jenseits der Labore und “Weißkittel” – wie Latour gerne ironisch bemerkt – adressierbar, von der Zwischenlagerung von Kernbrennstoffen zur Wasserpolitik bis hin zu – Haustieren. Man kann sicher sein: Das Auftauchen seines Namens quer durch die Disziplinen wird zunehmen.

Bruno Latour: Das Parlament der Dinge. Suhrkamp. EUR 20,-

3. ANTONIO NEGRI & MICHAEL HARDT: EMPIRE

Im Gegensatz zu Latour, der zwar in Negris französischer Hauszeitung “multitude” veröffentlicht, beschreiben Negri und Hardt die Gegenwart deutlich auf das Utopische gerichtet: “Empire” versucht im Grunde nichts weniger, als ein Äquivalent zur marxschen Studie “Das Kapital” zu sein. Es ist eine Beschreibung der Macht unter den flexiblen Bedingungen der Globalisierung. In Differenz zu klassischen linken Positionen lesen die Autoren “Empire” dabei jedoch als zwar ambivalente, grundlegend jedoch positive Form der Macht: “We claim that Empire is better in the same way that Marx insists that capitalism is better than the forms of society and modes of production that came before it.”

Für Negri und Hardt basiert “Empire” mindestens auf zwei guten Gründen: Entstanden ist “Empire” erstens durch die Kämpfe gegen Nationalitäten, Kolonialisierung und andere imperialistische Identitätszwänge zu Gunsten eines offenen Konzeptes, das Negri als “multitude” bezeichnet, und zweitens durch die Potential enthaltende Verschiebung von materieller auf immaterielle Arbeit. Intention der Autoren ist es also, mit einer dezidiert post-marxistischen Kritik nicht hinter postrukturalistische Vorgaben zurückzufallen, gleichzeitig jedoch Empire als System zu beschreiben. Denn die Dialektik der Moderne ist verschwunden, so Negri und Hardt, aber nicht die Dialektik der Ausbeutung. Empire ist deshalb die Analyse einer Akkumulation neuer Werte, die das Zentrum der Ausbeutung bilden und deren Beschreibung zum Zentrum der Revolte führen soll. Organisiert, nein, zentriert wird die Analyse um den Begriff der “Arbeit”.

Der Ansatz des Buches ist trickreich, interessant und größenwahnsinnig und bricht vorhersehbar deshalb auch an unzähligen Stellen ein, was nicht unbedingt schlimm ist, sondern produktiv sein könnte. Der schreiberische Gestus geht einem allerdings etwas auf die Nerven, da Negri und Hardt glauben, als einzige Autoren den Blick auf die Realität gepachtet zu haben – und das ausgerechnet durch die auch aus politischen Gründen schon seit einiger Zeit mehr als zweifelhafte Reduktion des Menschen auf sein Arbeitspotential. Das entspricht nicht gerade dem eigenen “multitude”-Ansatz. Daneben ist es ganz offensichtlich, dass Negri und Hardt von den Realitäten der immateriellen Arbeiter keinen blassen Schimmer haben und ihre Begrifflichkeiten zu oft frei im Raum schweben. Bemerkenswert, was für eine Projektion Theorie in Gang setzen kann – und trotzdem an vielen Stellen interessante Theorie bleibt.

Antonio Negri/Michael Hardt: Empire. Harvard Univesity Press 2000. 480 Seiten, 35$. Der Buchversand Missing Link in Bremen bietet das Buch zum Sonderpreis von 73 DM (inkl. Porto). Missing Link, Westerstr. 114-116, 28199 Bremen, Tel.: 0421/50 43 48, http://www.missing-link.de
Die Deutsche Version gibt ab diesen Monat im Campus Verlag.

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Elektronische Lebensaspekte.