Das ... im Kopf
Text: Markus Hablitzel aus De:Bug 112


Jason Swinescoe hat zum dritten Mal sein Cinematic Orchestra zusammengetrommelt, gecuttet und gemischt und sich dabei, vom Folk-Revival beeinflusst, auf die Kernideen seiner elegischen Soundschichten konzentriert.

Wer kann und will sie wirklich noch hören, die gar nicht mehr so gute, alte Rede vom Kino im Kopf, von der Soundtrackhaftigkeit elegischer Musiken?! Ein Kreuz, wenn man dergleichen Jahr um Jahr, Album um Album im eigenen Namen mit sich herumschleppt und nicht aus der Bandhaut kann. Und hätte ich Jason Swinscoe aka The Cinematic Orchestra nicht schon vor gut fünf Jahren anlässlich des letzten Longplayers “Every Day” getroffen und mich von seiner grundsympathischen Anlage überzeugt, so hätte ich für unser jüngstes Zusammentreffen in Paris eine Extraportion Mitleid eingepackt oder hätte ihn vielleicht sogar für einen recht tumben Kopfkino-Einfaltspinsel gehalten und wäre erst gar nicht hingefahren.

Trotz des hinreißend schönen Album-Vorboten “To Build A Home”, intoniert von Jeff Buckley, Antony von den Johnsons und Chris Martin, die, wenn sie schon tot wären, was ich keinem von ihnen wünsche (Ehrenwort!), allesamt und in Personalunion im Körper des ebenso kanadischen wie leidenschaftlichen Deklamierers Patrick Watsons wiedergeboren worden wären. Doch zeichnet sich Orchestererfinder, gewissermaßen Dirigent und Komponist Swinscoe durch einen gesunden Pragmatismus aus, wenn er von der Namensgebung und Bandwerdung von The Cinematic Orchestra berichtet. Ganz früher Punk, erst ohne, dann mit Post davor, später DJ, viel House und irgendwie Trip mit was dahinter, aber berichten müsse man davon eher weniger. Und als dann klar war, dass aus dem Einzelkämpfer-Dasein ein mehrere Personen umfassendes, loses Bandprojekt werden sollte, kam ihm der Name gerade recht geschliffen. Offen genug, auf mehrer Personen verweisend und halt so für das Kino im …

Doch Dancefloor?
Swinscoe konnte und wollte auf keiner TCO-Veröffentlichung seine Herkunft verleugnen. “Motion”, “Every Day” und “Man With The Movie Camera” sprechen – egal wie marginal – die rhythmische Sprache des Tanzbodens. Die Idee hatte, was nicht zuletzt in der Herkunft des ein oder andern Beteiligten lag, diffus mit Jazz zu tun. Thema und Improvisation, der alles überblickende Bandleader, der mit Sampler und Sequenzer das Kontroll-As im Ärmel hat und für die zeitgemäße Ästhetik sorgt. Dazu DJ und Elektronik, mal Sänger mal MC, von Album zu Album graduelle Verschiebungen in Sound und Zusammensetzung: “Metaphorisch gesprochen war The Cinematic Orchestra anfangs nur ein Sound und mit der Zeit habe ich immer mehr hinzugefügt. Es wurden immer mehr Leute und es wurde größer und größer. Ich hatte den Eindruck, diese Bewegung umkehren zu müssen, also Stück um Stück wegnehmen, das Ganze reduzieren. Ich habe mir diese Gedanken zu einer Zeit gemacht, zu der das ‘Folk-Revival’ gerade passierte. Das war ein glücklicher Zufall, weil es da um Songs ging, z.B. um eine Gitarre und eine Stimme. Ich wollte also den Sound von diesen ganzen detaillierten Schichten befreien und mich auf die Überreste, auf die Kernideen konzentrieren.“

Wenn das Wörtchen Jazz nicht wäre, wäre im Falle der Rezeption von TCO nicht wirklich etwas verloren. Scheiß auf die Attribute, Szene-Zuweisungen und Soundetiketten. Nicht, weil Swinscoe so ein unglaublich radikaler Typ wäre, der sich in schlecht belüfteten Schubladen nicht ganz wohl fühlt, sondern weil er nie behauptet hat, von aktuellen musikalischen Umtrieben unbeeindruckt und unbeeinflusst zu sein. Was Gott sei Dank nie so weit ging, dass es zu “der” Trip-, Hip-, Jazz- oder sonst irgendeiner Hop-Platte gekommen ist. Auf seltsam subtile und ausgewogene Weise waren die Einflüsse und Parallelen immer hörbar, wurden aber immer auf recht eigene, zurückgelehnte Arten und Weisen verwurstet. Ähnlich passiert dies nun auf “Ma Fleur”, das sich im weitesten Sinne von globalen Folkerneuerungsversuchen berührt zeigt. Dabei ist Swinscoe und seinem Orchestra eine Platte gelungen, die sich selbst nach mehrmaligem Hören – Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel – nicht sofort und dauerhaft in dem Raum zwischen den Ohren einnistet.

Seltsam flüchtig sind die elf Songs, transluzid das Ganze. Ein getragener musikalischer Verlauf – mehr Soundscape als die Perlenkette aus Songs/Tracks/Stücken -, aus dem man sich immer wieder aus- und beizeiten einblendet. Der seine Höhepunkte hat – meist mit den Vokaleinsätzen der großen, leider schwerkranken Fontella Bass, Lou Rhodes von Lamb und des oben besungenen Patrick Watson – und dessen Ende immer viel zu früh kommt. Konfrontiert man den Meister mit diesen Gedanken, zaubert dies ein erfreutes Grinsen auf sein Gesicht: “Ich hatte Material für zwei Platten geschrieben, war aber nicht zufrieden und habe dann einen Großteil wieder verworfen. Ich habe zu der Zeit in Paris gelebt und einen alten Freund gebeten, ein Skript für das übrig gebliebene Material zu schreiben, basierend auf dem Titeltrack ‘Ma Fleur’. Durch die Stadt war ich wahrscheinlich mehr von Film als von Musik beeinflusst, Paris ist einfach eine großartige Filmstadt. Der Freund hat also ein Skript für elf Stücke geschrieben bzw. elf Szenen. Es gab ein Narrativ, es gab Charaktere. Eigentlich ist es eine ganz einfach Geschichte über die Liebe, das Leben und Verlust. Das war für mich eine große Hilfe, weil ich die Musik in etwas Größeres einpassen konnte, anstatt sie immer wieder auch mich zurückzuführen und Gefahr zu laufen, zu introspektiv zu werden.“

Der Kern der Blume
“Ma Fleur” besteht natürlich aus einzelnen Songs, mal mit, oft ohne Vocals, auch wenn diese ineinander zu verschwimmen scheinen. Aber wichtiger als die Einzelszene ist das Ganze (um hier das Wörtchen “Film“ aus gutem Grund zu vermeiden). Mehrere Jahre, einen Umzug von London nach Paris und von Paris nach New York hat die Platte gedauert und ist schließlich durch die Skript-Idee, nun ja, geworden. Und auch wenn dies schon Anlass genug wäre, “Ma Fleur” anhand von Filmanalogien aufzuschlüsseln, so überlasse ich diese Unternehmung den Filmwissenden unter der Musikkritikerzunft. Festzuhalten bleibt allerdings, dass das augenscheinlich aus der Not geborene Skript eine aus elf Stücken bestehende Platte hat entstehen lassen, der man gerne das Präfix “Konzept” voranstellen würde, was falscher aber nicht sein könnte. Zum einen entzieht sich dem Unwissenden, wie ich selbst in Vor-Interview-Zeiten einer war, die Skriptmethode komplett, zum anderen ist sie inhaltlich bewusst offen gehalten, es geht nicht um “Mond”, “Prekarisierung” oder “Quarkgebäck”. Obwohl Patrick Watson, untermalt vom Orchestra, auch davon singen könnte und mich völlig in seiner Gewalt hätte. Ob das für The Cinematic Orchestra oder gegen mich spricht, darf jeder selbst entscheiden.
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Elektronische Lebensaspekte.