Sequenziert und präpariert, made in Düsseldorf
Text: Leonhard Lorek aus De:Bug 112


Volker Bertelmann steckte schon im Wohnzimmer der Eltern kleine Dinge in das Klavier, um den Klang des Instruments umzuformen. Als Hauschka hat er diese alte Tradition mittlerweile perfektioniert und auf seinen ganz eigenen Sound hin entwickelt. Sequenziert und präpariert, made in Düsseldorf.

Auf der einen Seite “Mapstation” mit Stefan Schneider sowie “Music a.m.” mit Schneider und Luke Sutherland; auf der anderen “Hauschka”: Volker Bertelmann musiziert in verschiedensten Konstellationen.

De:Bug: Wie wirkt sich der Umgang mit Samplematerial bei den gemeinsamen Projekten auf deine Soloarbeit als Hauschka aus?

Hauschka: Mapstation ist eindeutig Stefan Schneider. Stefan ist ein guter Freund von mir; auf seiner letzten CD spiele ich bei einem Stück mit. Da gibt es jedoch ein anderes Projekt, das heißt “Tonetraeger”. Das ist mein Auffangbecken für alle Stilrichtungen, die ich im Pop und Rock mag. Die elektronischen Projekte haben mich musikalisch von Formen befreit, sie haben mir aber auch in Konzerten gezeigt, wie toll es ist, ohne Computer zu spielen. Da ich eine Möglichkeit brauchte, die Klangästhetik mit dem Gespielten zu synchronisieren, habe ich das Klavier präpariert. Somit bin ich frei und kann mein Tempo spielen und improvisieren.

De:Bug: Womit ist es denn zu erklären, dass sowohl im neueren elektrischen und semielektrischen Sektor wie auch in dem Bereich, der etwas unbeholfen mit “Zeitgenössische Klassik” überschrieben wird, Rock’n’Roll nur eine marginale Rolle spielt? Woher die Distanz zu so gut wie allem, was Popmusik für gewöhnlich ausmacht, also auch zu Soul oder Blues?

Hauschka: Da muss ich dir widersprechen. Es gibt einige moderne klassische Kompositionen, aber auch alte, die viel mit Rock gemeinsam haben: Gemeinsamkeiten in der Extase, aber auch in der Dynamik, die einen treibt, hineinzieht. Ein aktuelles Beispiel: der Streit zwischen den Scissor Sisters und Michael Nyman, wo die Band eine Komposition von ihm komplett verwendet hat. Spielt man Michael Nyman mit E-Gitarren, hat man eine super Indie-Band, das ist mir vollkommen klar. Bei Blues und Soul ist es etwas anders, weil hier Gesang eine größere Rolle spielt. Ich glaube, da ist von vornherein eine natürliche Distanz da, aber sie kann mit kleinen Hinweisen immer auch aufgelöst werden.

De:Bug: Sollte sie das? Da bleiben wir im Dissenz, was an Hörgewohnheiten und Definitionen liegen mag. Kammermusik im weitesten Sinne wird landläufig auch unter “Klassik” verbucht. Nehmen wir die Klassik jedoch einmal als musikgeschichtliche Kategorie: Wer von den Klassikern hat dich inspiriert, wer hinterließ Spuren? Oder anders gefragt: Sind eher Künstler aus anderen Musikepochen für deine Arbeit wichtig?

Hauschka: Mozart hinterließ Spuren. Aber, wenn du so willst, hat mich die Romantik am stärksten beeinflusst: Chopin, Schubert, jeder auf seine Art. Ich glaube, die Melancholie in Chopins Musik ist, gepaart mit seiner Virtuosität, umwerfend und einzigartig. Satie und Ravel haben für mich ebenfalls eine Bedeutung gehabt. Das ist Musik, die in meiner Jugend, in der Klavierlern-Phase, für mich wichtig war und heute die Grundlage für mein musikalisches Empfinden darstellt. Aber spätestens in der Pubertät kam schwarze Musik hinzu, vor allem Motown, Soul, Funk, Grandmaster Flash, Cameo, etc. Ich tanze sehr gerne zu solcher Musik und es war für mich toll, diese mir neuen Rhythmen zu hören. Dazu war ich immer ein Freund von Songs wie den von den Beatles oder später dann von den Red Hot Chilli Peppers.

De:Bug: Jetzt zum neuen Album: Lässt du auf “Room To Expand” vom Blatt spielen?

Hauschka: Ja, das Cello und die Posaunen. Alles andere ist frei. Ich habe hier zum ersten Mal Sätze für die zusätzlichen Instrumente geschrieben. Beim Cello aber gibt es auch einige improvisierte Momente. Insa Schirmer ist eine tolle Musikerin, die mit viel Spaß improvisiert. Kommt nicht oft vor, bei Orchestermusikern.

De:Bug: Wie entstehen bei dir Partituren? Und warum beziehungsweise wofür werden Klaviere von Volker Bertelmann präpariert?

Hauschka: Die Partituren schreibe ich entweder am Klavier oder ich spiele Melodien mit Samples ein und drucke die Noten aus. Das hat den Vorteil, dass ich die Musik schon mal hören kann, bevor ich sie produziere. Die Präparation ist für mich eine Stufe in einem langen Weg der Auseinandersetzung mit meinem Instrument. Von Vorteil ist, dass ich dadurch eine verfremdende Komponente hinzufüge, dass mein Spiel durch die Präparation gezwungen wird, sich zu verändern. Aufgrund der Tatsache, dass Tasten plötzlich stumm sind oder vibrieren, spiele ich letztendlich andere Kompositionen. Ich mag aber auch den reinen Klavierklang, ohne jedes Geraschel. Im Moment bin ich jedoch auf der Soundsuche.

De:Bug: “Soundsuche” gilt unter Musikern als eines der wesentlichen Motive, an Rechnern zu arbeiten. Du sagst das an dieser Stelle jedoch als Pianist, Komponist. Heißt das, dass es für dich ein eindeutig glücklicher Zustand ist, in zwei musikalischen Welten zu Hause zu sein?

Hauschka: Für mich sind es keine verschiedenen Welten. Bereits als Kind habe ich Reißzwecken ins Klavier getan, um den Klang zu verändern. Die Suche nach Sounds ist für mich der Ausgangspunkt für Kompositionen. Die Kleinteiligkeit fasziniert mich, die Perkussivität, Pulssounds. Elektronische Musik ist da durchaus ein Ideengeber. Wenn ich beispielsweise mit dem Plektrum über die Saite gehe, wenn ich solche kleinteiligen Sounds, Sequenzen kompositorisch zusammenfüge, ist es wie beim Multitrackverfahren am Computer. Andererseits gibt es auf “Room To Expand“ auch drei Stücke, die in einem Zug eingespielt sind. Aber im Klang, in der Atmosphäre unterscheiden sie sich nicht von den übrigen. Wäre ich nicht auf Soundsuche, würde ich anders spielen. Und das ist es wohl auch, was mich von anderen unterscheidet.
http://www.myspace.com/hauschka

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Elektronische Lebensaspekte.