Körnige Tagträume
Text: René Margraff aus De:Bug 112


Im Spannungsfeld zwischen Ambient und Klassik entstehen gerade die interessanteren Elektronika-Alben. Neben Greg Haines, Marsen Jules oder Johan Johannsson ist es das Debüt-Album von Rafael Anton Irisarri, das Kontemplation zum Schlagwort 2007 machen wird.

Man kann sich leicht im Namedropping-Wald verlieren, wenn man die Entstehungsgeschichte von “Daydreaming“, dem Debüt von Rafael Anton Irisarri aus Seattle, nüchtern betrachtet. Auf jeden Fall wohnen mehrere Seelen in seiner Brust. Während er sich als Betreiber von Kupei Musika dem Dancefloor zuwendet, finden sich auf “Daydreaming“ Stücke, die zurückgenommen, aber leichtfüßig wie ein Update von Brian Enos und Harald Budds besten Alben wirken. Pianomelodien werden mit perlenden Gitarren kombiniert, Fieldrecordings und dezente Synthietupfer dienen als weitere Klangfarben. Das Besondere daran ist, dass ihm das auch kitschfrei gelingt.

“Daydreaming“ erscheint auf dem norwegischen Label Miasmah, das uns auch schon Greg Haines’ “Slumber Tides“ beschert hat. Freunde von Freunden haben das organisiert. Als Fan war Rafael mehr als glücklich über diese Anfrage: “Ich mag, wie Erik das Label betreibt. Er hat wirklich ein gutes Gespür und ist auch sehr ehrlich. Ich sage das nun nicht, um zu schleimen, weil er mein Album veröffentlicht hat. Ich meine es so. Ich glaube wirklich, dass das Label das Potential hat, das zu werden, was Editions EG in den 70ern und frühen 80ern waren.“
Neben frühen Ambientplatten ist ein weiterer Bezugspunkt für Irisarri auf jeden Fall auch Klassik. “Dabei bin ich aber sehr wählerisch, da ich eine bestimmte Ästhetik suche, Chopin langweilt mich beispielsweise ungemein, für mich funktionieren schon eher die Werke von Gustav Mahler, Achille-Claude Debussy, Maurice Ravel und auf der anderen Seite aber auch Richard Wagner.“

Von den Artists, die sich einem ähnlichen musikalischen Feld widmen wie er, etwa Jóhann Jóhannsson, hat er bisher noch nicht so viel mitbekommen. Greg Haines schätzt er sehr, kennt ihn durch das gemeinsame Label, ebenso Hauschka: “Sein ‘Room To Expand’-Album finde ich wirklich sehr schön, ein toller Zufall, dass unsere Platten fast gleichzeitig erschienen sind.”

Ein Aspekt, der bei “Daydreaming“ positiv auffällt, sind die Ecken und Kanten der Stücke: knacksende Loops, verrauschte Samples – Rafael vermeidet übermäßiges Polieren, was gerade bei dieser ruhigen, pianobetonten Art von Musik den Unterschied ausmacht. Der Albumtitel “Daydreaming” klingt ein wenig irreführend, assoziiert man doch leicht akustische Wattebäusche, dekorativen Wohnton. Rafael erklärt: “Ich wählte den Titel schon, um so etwas wie die Sehnsucht nach besseren Dingen im Leben zu umschreiben. Das kann jemand, etwas oder ein anderer Ort sein. Der Gedankenprozess, dieses Durchspielen der Möglichkeit, dass etwas passiert, passiert sein könnte, dann aber doch nicht passierte, aber vielleicht eines Tages doch … eine Art Selbstgeißelung der Gedanken. Dass ich die Stücke nicht wirklich zu Tode produziert habe, gefällt bisher wirklich den meisten. Ich musste mich zwingen, mein Wissen als Toningenieur ein wenig auszublenden, Fehler stehen zu lassen. Ich ging mit ihnen anders um, versuchte sie kreativ zu nutzen. Wäre das Piano anders aufgenommen, würde es bestimmt viel von seiner Fragilität und Brüchigkeit verlieren. Jetzt hat es aber diese Qualität von alten Filmen. Eine gewisse Körnigkeit, die den Hörer zwingt, mehr zu fokussieren, um verschiedene Details zu finden, die beim ersten Hören nicht wahrnehmbar sind“.

Die Stücke, die Rafael Anton Irisarri solo geschaffen hat, haben weniger Aktualitätsbezüge als seine elektronischeren Produktionen im Umfeld von Kupei Musika, für ihn selbst ein großes Plus: “Ein Vorteil dieser Art von Musik ist, dass sie sehr offen ist, auch nicht unbedingt auf ein gewisses Jahr bezogen werden kann (‘zeitlos’ wäre vielleicht etwas hoch gegriffen). Einige der Ideen auf ‘Daydreaming’ habe ich einige Jahre lang entwickelt und ‘erforscht’. Ich bin mein größter Kritiker. Obwohl ich fast jeden Tag Musik mache und dies auch genieße, lehne ich die meisten meiner Ideen im Nachhinein ab. Vor kurzem habe ich verstanden, dass die Zeit auf meiner Seite ist. Wenn etwas von mir auch nach ein paar Jahren noch gut klingt, dann ist es gut, es zu veröffentlichen. Ein Klischee, das sich behauptet: Diese Stücke bestehen den Test der Zeit.“
http://www.myspace.com/rafaelantonirisarri

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Elektronische Lebensaspekte.