Schwermut-Ouvertüre im symphonischen Kopfkino
Text: Björn Bauermeister aus De:Bug 112


Freigestrampelt 2.0: Das neue Album von Brian McBride und Adam Wiltzie löst ihre Band endgültig aus dem Sumpf der Gitarren-Drones und stößt in den minimal orchestrierten Himmel vor. So, als würden Gorecki und Pärt hinter dem Vorhang Ambient machen.

“I suppose most of you find this site frustrating. almost no updates for long periods of time, no gtr. pedal setups etc. well, i am sorry, but these things probably will never change.” Rund zwei Jahre lang konnte man nicht viel mehr als eben Zitiertes auf der Internetseite von Stars Of The Lid erfahren. Das hat weniger mit Understatement als mit einer Linie zu tun, die sich klar und nachvollziehbar durch ihr Œuvre zieht. Dieser Linie folgen der in Brüssel lebende Adam Wiltzie und der in L.A. weilende Brian McBride in ihrem Schaffen kontemplativer Kompositionen. Im Gegensatz zum Internet-Kontent ändern sich diese nämlich stetig – und vor allem peu à peu und en détail.

Schon irgendwie merkwürdig, dass es so lang so still um sie war. Ihr letztes auf Kranky erschienenes Werk “The Tired Sounds Of Stars Of The Lid“ liegt sechs Jahre zurück und das, obwohl sich das Duo eigentlich im regelmäßigen Ein-Jahres-Turnus auf eine neue Entwicklungsebene wagte. Zwölf Jahre ist es her, dass SOTL in Austin den Grundstein ihres Ausfluges in den Raum fern der Zeit legten: “Music For Nitrous Oxide“ hieß dieser auf Vierspur festgehaltene leichte Brocken aus effektvollen Gitarrenfeedbacks und texanischem Radiogefasel. Die Liebe zur Gitarre war auf diesem Album bereits eine ganz besondere, weil andersgeartet. Man war diesem Instrument zugeneigt, weil es auch anders klingen konnte, als man es von Hause aus gewohnt war. Es ging damals schon um großflächig angelegtes Summen. Über noch zwei weitere Effektgitarren- und Samplerwerke hinweg umspannten McBride und Wiltzie mit lang gezogenen Armen den leeren Raum. Aber mehr und mehr spielten sie hörbar auf etwas anderes, etwas Symphonisches an. Ihre erste im wahrsten Sinne des Wortes kunstvolle Symphonie war das 98er-Album “Per Aspera Ad Astra“. Eine Symphonie als Synergie aus Farben und Tönen. Der Maler Jon McCafferty hatte bereits im Rausch des ersten SOTL-Albums einige Bilder gemalt – ohne dass McBride und Wiltzie davon wussten. Als sie aber davon erfuhren, entwickelte sich eine ganz gezielte, gegenseitig inspirierende Kollaboration: Malen nach Tönen und Dronen nach Bildern, wenn man so will.

Parallel zu den einziehenden Farben ist bei SOTL aber auch die Instrumentierung aufgegangen. Nach der nächsten Kompositionsstufe “Avec Laudenum“ kam es 2001 schließlich zur Zwischenlandung. In einem expandierten Raum voll Streichersektionen, Hörnern und dem Piano kamen SOTL sich und einer klassischen, aber autodidaktischen Komposition immer näher. “Niemand von uns ist klassisch ausgebildet und ich kann auch nicht wirklich Noten lesen“, gesteht Wiltzie, “aber ich glaube, dass es auch ohne all dies möglich ist zu komponieren.“ Recht gehabt: “The Tired Sounds Of Stars Of The Lid” brachte vor sechs Jahren den hörbaren Beweis dafür. Denn plötzlich summte förmlich ein ganzes Orchester! Und das hatte natürlich seine Gründe, sprich einflussreiche Wurzeln namens Ennio Morricone, Eric Satie, Richard Wagner und Bernard Herman, wie Wiltzie verrät: “Speziell Herman war einer meiner Helden. Sein Soundtrack zu ‘Psycho’ ist eins der großartigsten musikalischen Stücke, die je aufgenommen wurden. Allein für die Film-Geschichte war es ein essentielles Werk, weil es ausschließlich aus auf Streichern basierenden Sounds komponiert wurde. Alfred Hitchcock hat mal gesagt, dass Hermans Score zu 33% der Grund war, warum ‘Psycho’ sein bester Film ist.” Auch Wiltzie und McBride arrangierten nun mehr und mehr im Hinblick auf Streicher und wollten raus aus dem Keller. Die Liebe zur Gitarre verschwand in ihren Fugen, auch wenn “fast alle Songs auf der Gitarre in einer sehr simplen Notenstruktur oder einem wiederholenden Muster geschrieben wurden. Ausgehend von dieser Basis hebt es dann sozusagen erst ab auf eine lange, sich windende Straße der Veränderungen.“

Auf dieser Straße driften SOTL nun mit ihrem neuen Doppelalbum respektive Dreifachvinyl weiter voran. Ihr Weg führt in das melodiös symphonische Ambiente, in dem man allein ist, schaut und staunt: ein fast klassisch komponiertes Kopfkino der Arvo Pärt’schen Art. Denn es sind musikalische Sphären, die im Innersten ihre Kräfte entwickeln und ihre Stärke in der Einfachheit austragen. Orchestral, nahezu ohne Beats und pulsfrei mäandert sie ätherisch und weltumspannend. Nicht Virtuoses steht im Vordergrund, sondern klare, kräftige Tonalität, die eine immense Intensität aus sich heraus entwickelt und die Bilder malt. SOTL ziehen eine klare Linie, die zwischen Space und Orchestergraben, LA und Brüssel ihr lautmalerisches Spiel mit der inneren Kontemplation und kräftigenden Einfachheit behutsam und geduldig spielt. “Zum Ende der Tired-Of-Produktion war ich mental sehr ermattet“, gesteht Wiltzie. “Was sich für mich aber seitdem grundlegend entwickelt hat, ist eine ganz bestimmte Art von Geduld.”

Eine Geduld, mithilfe derer man sich sechs Jahre Zeit lassen kann, um sein neustes Werk zu veröffentlichen. Aber auch eine Geduld, die notwendig dafür ist, sowohl Bilder zu färben als auch Farben in den Bildern zu entdecken. Diese kontemplativen, kompositorischen Verläufe sind es, die in den übereinander liegenden Farb- und Tonschichten vom Mosaik SOTL subtil verweilen und dann aufbäumen. Seichte Harmoniewechsel in Streicher- und Horn-Arrangements lassen auf sich warten, um ihre Wirkung zu verstärken. Ruhe und Stille werden instrumentalisiert und feilen mit an dem umarmenden Timbre, das sich tentakelähnlich ausfährt und eine Schwermut-Ouvertüre vor dem eigenen Auge aufbaut. Wiltzie und McBride haben ein interkontinentales Zweimann-Orchester geformt, das in seinem Einklang und in seinen cineastischen Feinheiten wahrlich glänzt. Peu à peu und en détail: Stars Of The Lid And Their Refinement Of The Decline – “always under construction”.

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Elektronische Lebensaspekte.