Komposition in Echtzeit
Text: Multipara aus De:Bug 112


Mit John Tejada spielt sich Takeshi Nishimoto als “I’m not a gun” in swingende Postrock-Improvisationen. Mit der Sologitarre in der Kirche ist eher Bach sein Buddy im Geiste.

Die Erfahrung aus zwanzig Jahren elektronischer Genres zurückzubinden in die klassische, instrumentale Tradition ist nicht frei von künstlerischen Fallen – das Modell Charlie Parker (wir buchen uns klassische Musiker dazu, dann wird endlich Kultur daraus) findet man in den vergangenen fünfzig Jahren wieder und wieder. Man kann aber auch zu den Wurzeln zurückgehen, nur mit einem klassischen, akustischen Instrument arbeiten, und einen Ansatz wählen, der die Leiter von Elektronik-Jams und digitalem Post-Processing erklommen hat, um sie dann wegzuwerfen. Der Gitarrist Takeshi Nishimoto ist im Jazz, der abendländischen wie indischen Klassik wie auch in der elektronischen Tanzmusik ebenso zu Hause wie in Los Angeles, Tokyo und seiner Wahlheimat Berlin. Ein zugängliches, aber radikales Album eines außergewöhnlich offenen Musikers. Im elektronischen Musikkontext kennt man ihn als Partner von John Tejada im Projekt “I’m not a gun”, mit dem er auf City Centre Offices drei Alben veröffentlicht hast. Das Soloalbum auf Büro, der kleinen Schwester von CCO, hat auf den ersten Blick so gar nichts mit elektronischer Musik zu tun, die ja von komplexer Rhythmik und vor allem der Exploration von Sound und Sounds lebt. Oder doch?

De:Bug: Du spielst teils rhythmische, teils freie, sehr konzentrierte Kompositionen, die auf komplexen harmonischen Fortschreitungen basieren, und entwickelst daraus Melodien – ein Ansatz aus dem klassischen Jazz, der in der Elektronik allenfalls rudimentär stattfindet. Auch das nüchterne Cover mit dem Mikrofon zwischen Stuhlreihen – die CD wurde in einer Kirche aufgenommen – erinnert eher an eine gediegene Jazz- oder Klassikplatte, dazu die abgedruckten technischen Details … überraschend dann: das Rauschen der Aufnahme, immer wieder stechen Neben- oder Spielgeräusche heraus, bis hin zu kleinen Spiel- oder Kompositionsfehlern.

Takeshi Nishimoto: Ja, die Fehler sind drin. In der Produktion könnte man sie heute leicht eliminieren, drum kann man sie auch drinlassen.

De:Bug: Viele der Stücke machen ja trotz deiner virtuosen Technik einen tastenden, auch fragmentarischen Eindruck, brechen zuweilen unvermittelt ab. Für Kompositionen ist das ungewöhnlich.

Takeshi Nishimoto:Das sind alles Improvisationen.

De:Bug: Wie bitte?

Takeshi Nishimoto: Für mich war die Fragestellung: ein Mann, eine Gitarre, ein Tag – wie weit komme ich damit? Das Album wurde an einem Tag aufgenommen, von morgens neun bis abends neun, dann gab es sechzig Takes, von denen ich zwölf ausgewählt habe. Nur ein Stück gab es vorher schon, “Coming home”, das war eines der beiden Stücke, mit denen ich mich 1994 an der University of Southern California beworben hatte, eine Eigenkomposition.

De:Bug: Damals wusstest du auf der Gitarre offensichtlich schon Bescheid. Wo hattest du das gelernt?

Takeshi Nishimoto: Ich hatte bis 1996 überhaupt keinen Gitarrenunterricht.

De:Bug: Wie bitte? Da warst du ja schon mitten im Studium! Jetzt musst du erzählen.

Takeshi Nishimoto: Als Kind – mein Vater war Biotechnologe in New York – hatte ich ein paar Jahre Klavierunterricht, das gefiel mir aber nicht. Dann gingen wir nach Japan zurück, wo wir uns schließlich in Fukuoka niederließen. Ein Freund von mir hatte eine E-Gitarre, ich war dreizehn, probierte sie aus und dachte: Damit komme ich klar. Ich reparierte mir also eine kaputte Akustikgitarre, die wir im Haus hatten. Ich hörte damals Punk – GBH, Discharge; Beatles natürlich auch. Ein älterer Freund brauchte einen Bassisten für seine Punkband, ich stieg ein, wir traten viel auf, das war eine prima Erfahrung fürs Spielen mit anderen. Ich mochte die Energie, aber musikalisch wurde das bald langweilig. Dann hörte ich Velvet Underground, Miles Davis (Bitches Brew), Jimi Hendrix. Ich fragte die lokalen Bluesgitarristen nach Unterricht. Die sagten nur: “Teach you? You’ll have to steal it!” Ich ging also auf ihre Konzerte und schaute genau zu.

Einige Jahre nach der Schule wohnte ich dann in L.A., unschlüssig, was aus mir werden sollte, und ein Freund sagte: Die USC bietet Stipendien fürs Musikstudium an. Geld konnte ich brauchen, also bewarb ich mich aufs Geratewohl. Und wurde genommen. Später bekam ich ein weiteres Stipendium – so wurde ich Musiker. Das Improvisieren wurde aber auch nicht direkt gelehrt, das ist eine Folge der vielen Jam-Sessions, die ich in dem Umfeld dann spielen konnte.

De:Bug: “Monologue” ist nun dein erstes Soloalbum. Gewissermaßen ein Showcase?

Takeshi Nishimoto: Ja, auch, aber eigentlich ist es mehr ein Album für mich, um mit der sechssaitigen Gitarre abzuschließen. Das Instrument habe ich bereits verkauft.

De:Bug: Oh. Steigst du jetzt doch voll in die elektronische Musikproduktion ein?

Takeshi Nishimoto:Nein nein, ich möchte einfach wieder mehr E-Gitarre spielen, mit Sampler, dem Boomerang. Und vor allem: Siebensaiter. Nach dem Album hatte ich den Kopf dafür frei.

De:Bug: Was muss denn raus aus dem Kopf, wenn es vor der Aufnahme noch gar keine Stücke gibt?

Takeshi Nishimoto: Gute Frage! Natürlich sind es keine fertigen Stücke, sondern die Arten und Weisen der musikalischen und nicht zuletzt instrumentspezifischen, fingertechnischen Problemlösung: Wie improvisiere ich auf einer sechssaitigen akustischen Gitarre.

De:Bug: Das bringt mich zum Ausgang zurück: Warum nennst du so etwas “Komposition”?

Takeshi Nishimoto: Weil es das ist – es ist eben Komposition in Echtzeit. Das gab es schon immer, selbst bei Bach, dem Vorzeigekonstrukteur im Bereich der klassischen Musik – er hat im Grunde genauso improvisiert. Man muss sich nur mal ansehen, wie viel der in seinem Leben geschrieben hat, alleine schon die Kantaten, die jeden Sonntag fertig sein mussten. Schon das Abschreiben seiner Noten dauert ein Leben – er hatte auch keine Zeit, Fehler zu verbessern.
http://www.takeshinishimoto.com

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Elektronische Lebensaspekte.