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Text: janko röttgers aus De:Bug 31

Net.art – Materialien zur Netzkunst Die Kunstszene des Internets In knapp 20 Interviews mit Akteuren aus aller Welt versucht es sich an einer Bestandsaufnahme der jungen Netzkunst-Szene. Das dabei eingefangene Bild ist ziemlich vielschichtig. Während Rena Tangens und Padeluun von den ersten Versuchen berichten, eine Art elektronische Gegenöffentlichkeit aufzubauen, beschreibt Paul Garrin seine Idee des “taktischen Kapitalismus”. Stelarc versucht zu erklären, warum es so toll ist, sich auf der Bühne via Internet gesteuerte Stromstösse zu versetzen. Cornelia Sollfrank erzählt davon, wie sie durch Spamming die Frauenquote eines Netzkunstwettbewerbs in die Höhe trieb, was unter den Veranstaltern zu grosser Freude über die rege weibliche Beteiligung führte. Hacker sind Künstler sind Hacker? Baumgärtel fragt zwar schon mal genauer nach, erspart sich aber ansonsten jede Wertung und Gewichtung der porträtierten Pojekte. Eine Arbeitsweise, die für ihn Konzept hat: So definiert er zwar in Grundzügen, was Net.Art ausmacht, doch Kriterien wie Interaktivität und Immaterialität eignen sich nur, um Netzkunst von Kunstwerke-Reproduktion im Netz abzugrenzen, also etwa der Homepage des Louvre. Gegenüber anderen Netzaktivitäten geben sich Autor und Interviewte betont offen. “Hacker sind Künstler – und manche Künstler eben auch Hacker” klingt zwar etwas naiv, lässt aber eine Hintertür offen, um Net.Art nicht zum institutionalisierten Galeristenparalleluniversum des Internets werden zu lassen. So will das Buch bewusst nicht exklusiv sein, keinen Kanon der Netzkunst schaffen. Statt dessen soll es als eine Art “Ausstellung auf Papier” verstanden werden, als temporären und auch subjektiven Überblick. An Stelle eines festgezurrten Theorie-Fundaments treten dabei Plausch und Vermutung. Kunst in den Zeiten ihrer Verlinkbarkeit Diese Oberflächlichkeit wird dem Buch dann auch zum Vorwurf gemacht. “Club Med-Netzkunst” sei das, die sich jeder ästhetischen Theorie entziehe. Dadurch drücke sich der Autor um eine konkrete Begriffsbestimmung der Netzkunst. Was nicht ganz stimmt. Baumgärtels einfache Antwort darauf lautet: Netzkunst ist, was sich so nennt. Im Internet kann jeder Künstler sein, aber die wenigsten machen davon Gebrauch. Auch Voyeur-Webcams wären unter anderen Vorzeichen Kunst. So wird Kunst zu einer Frage der Institutionalisierung. Das mag manchem nicht schmecken. Jeder andere Ansatz brächte jedoch wieder einen Begriff des Kunstwerks ins Spiel, der in Zeiten des Internets bitteschön endgültig der Vergangenheit angehören sollte. Tilman Baumgärtel ist sich dessen bewusst, weshalb seine Versuche der Kontextualisierung im Laufe des Buches immer selbstironischer werden. So hakt er am Ende eines Interviews pflichtschuldig nach: “Ist ãThe Thing” denn Kunst für dich gewesen?” Und sein Gesprächspartner seufzt: “Immer diese Gretchenfrage.” Dieser Ansatz ist produktiv und unterhaltsam obendrein. Zwangsläufig fällt dabei einiges unter den Tisch, nicht nur besagte Webcams. Auch all die Agenturen, die das Medium im Werbekontext neu erfinden – oder sich jenseits einengender Kundenwünsche den Frust von der Seele, Verzeihung: vom Bauch coden, fehlen hier leider. Aber man kann eben nicht alles haben. Tilman Baumgärtel: net.art Materialien zur Netzkunst Verlag für moderne Kunst Nürnberg ISBN 3-933096-17-0, 58 DM.

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Elektronische Lebensaspekte.