Netaudio wird erwachsen – und vergrault dabei vor lauter juvenilem Ernst so manch einen alten Spielkameraden. De:Bug gibt ein paar Tipps, wie der Sandkasten-Elan wiederbelebt werden könnte.
Text: Janko Röttgers aus De:Bug 76

Netaudio 2003 / Die neue Ernsthaftigkeit

Irgendwann im Herbst 1999 hatten wir mal eine glorreiche Idee: Wie wäre es denn, fragten wir uns, wenn De:Bug Musik aus dem Netz bespricht – und zwar nicht als exotische Einmalaktion, sondern ganz gleichberechtigt jeden Monat neben Vinyl, CDs, Büchern und Bildern. Passenderweise hatten einige Hamburger DnB-Labelmacher gerade die Netzmusik-Plattform Loopnet.de gegründet und überhaupt: Eine ganze Menge normalerweise auf klassischen Medien veröffentlichender Künstler entdeckte das Netz für sich und lud Unmengen von Material bei Loopnet, auf MP3.com und eigenen Websites hoch. Zeitgleich professionalisierte sich die klassische Tracker-Netaudio-Szene. Nach und nach sattelten immer mehr Sites auf MP3s um, kreierten ein wieder erkennbares Soundprofil und nannten sich Netlabel.
Rund vier Jahre später bespricht De:Bug immer noch fleißig Monat für Monat Netz-Releases. Die Netzmusik-Landschaft hat sich jedoch gründlich geändert. Napster, Kazaa &. Co haben MP3s zum beliebtesten aller Musikmedien gemacht. Die kommerziellen Plattformen mussten entweder dicht machen (Loopnet) oder sind zu verschuldeten Servicewüsten verkommen (MP3.com). Netzlabel dagegen haben sich als bleibende Kraft etabliert. Gab es anfangs nur eine Hand voll von ihnen, so dürfte die Zahl mittlerweile eher im dreistelligen Bereich liegen – zumindest, wenn man Karteileichen mitrechnet. Waren sie anfangs Leuten vorbehalten, die mit dem klassischen Labelbusiness gar nichts zu tun haben wollten, so gibt es jetzt deutlich mehr Berührungspunkte. Netzlabel veröffentlichen auf Vinyl und CDs, klassische Labelbetreiber starten Netzprojekte als Spinoff.

Netzlabel verschicken Promo-CDs
Einige Netzlabel-Aktivisten haben sogar bereits damit begonnen, Promo-CDs an die klassische Musikpresse zu verschicken. Dank des “Creative Commons” Urheberrechtsprojekts von Lawrence Lessig legen sich immer mehr Projekte eindeutige Nutzungslizenzen zu. Manch einer denkt sogar schon darüber nach, mit seinen Künstlern ganz klassische Verträge abzuschließen. Parallel dazu etablieren sich Veranstaltungsreihen und Promo-Zusammenschlüsse. Nicht, weil es plötzlich um das große Geld ginge – auch wenn sich manch ein Netzlabel-Betreiber sicher wünscht, seinen Künstlern etwas mehr als nur Aufmerksamkeit bieten zu können. Sondern um zu zeigen: Netaudio is here to stay.
Diese neue Ernsthaftigkeit hat allerdings auch eine Schattenseite. Je mehr sich Netzlabel professionalisieren, desto weniger Platz bleibt für den spielerischen Ansatz, der Musik im Netz anfangs zu einer so spannenden Sache machte. Diese Leichtigkeit, mit der sich Sachen unters Volk bringen ließen, die noch frisch nach Cubase rochen. Diesen Wust aus Ideen und Stilen, mit dem manch ein Netzlabel der ersten Stunde sich online breit machte. Das konsequente Ignorieren von Schubladen. Und auch die Integrationsmöglichkeit für Leute, denen die Welt der elektronischen Musik mit ihren Label-Trademark-Soundgesetzen und all ihren anderen Geheimnissen fremd war.
Zu diesem kreativen Durcheinander haben in den ersten Jahren vor allen Dingen die kommerziellen Plattformen beigetragen. Klar, MP3.com und Co. waren stets nur am Börsenkurs und nie an der Musik ihrer Künstler interessiert. Gerade das ermöglichte aber eben auch zahllosen Wohnzimmer-Soundbastlern, sich dort nach Herzenslust auszutoben – jedenfalls, so lange das Geld der Plattform reichte. Dazu ermöglichte MP3.com mit einer ganzen Reihe von simplen und trotzdem innovativen Tools kreatives Netzwerkeln. Künstler konnten sich nach Lust und Laune kreuz und quer verlinken. Musikfans konnten sich ihre eigenen Playlists zusammenklicken, die zwar Radiostationen hießen, aber eigentlich nichts anderes waren als clevere Netzwerk-Tools.
Mittlerweile beschränkt MP3.com seinen Speicherplatz auf drei Songs pro Musiker, braucht Wochen, um neue Titel ins Programm aufzunehmen, hat praktisch seine komplette Serviceabteilung verkauft und bangt sowieso nur noch darum, dass Vivendi den Laden wenigstens des tollen Namens wegen noch ein paar Wochen überleben lässt. Musiker machen verständlicherweise schon seit langem einen Bogen um die Plattform. Besonic & Co. geht es ähnlich. Ein Ersatz ist nicht in Sicht.

Mehr Durcheinander!
Das ist schade, denn die Netzmusik-Szene könnte ein bisschen gut organisiertes Durcheinander gut gebrauchen. Wer auf Netzlabeln nach Überraschungen sucht, muss Geduld beweisen. Die Linklisten sind oft austauschbar. Wer ihnen folgt, dreht sich fast zwangsläufig recht schnell im Kreis. Klar, es gibt Websites wie Noerror.org, die fleißig Links zu neuen Releases sammeln. Es gibt die Netaudio-Liste der De:Bug, auf der sich auch immer mal wieder was spannendes finden lässt. Es gibt Soulseek mit seinem Artists-Chatraum. Ach ja, und unsere monatlichen Reviews.
All das ist schön und gut, hat aber mit Vernetzung noch reichlich wenig zu tun. Was fehlt, ist eine Community, die über den eingeschworenen Kreis einiger weniger Aktivisten hinausgeht und Hörer einbindet. Zum Glück gibt es bereits erste Bestrebungen, das Netzlabel-Ghetto zu verlassen. Das Internet-Archiv hat damit angefangen, einzelne Labels zu hosten – inklusive RSS-Feed und Review-Möglichkeit. Verschiedene Netzlabel beginnen mit P2P-Distributions-Experimenten. Sogar eine gemeinsame Bittorrent-Plattform ist im Gespräch.
All das sind Schritte in die richtige Richtung. Vielleicht führen sie uns ja eines Tages zu einer Art dezentralem MP3.com – einer Website mit P2P- und Web-Links, die Netzlabeln wie unabhängigen Online-Künstlern erlaubt, direkt in Interaktion mit ihrer Hörerschaft zu treten. Eine Plattform, auf der munter Playlists, Meta-Daten und Empfehlungen ausgetauscht werden könnten. Ein Forum, das aus Netzmusik mehr macht als Musik im Netz. Klingt nach einer glorreichen Idee? Na, dann man ran. Diesmal seid ihr am Zug. Wir können schließlich nicht alles für euch erledigen – schreiben aber gerne über die Resultate.

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Elektronische Lebensaspekte.