Aus der katalanischen Hochburg für elektronische Musik steuert Luis Ortiz eines der konsequentesten Labelprojekte an der Spitze des technisch Machbaren. Mit Feingefühl für die Wünsche der vernetzten Kultur.
Text: Thomas Hoeverkamp aus De:Bug 93

Netaudio mit Sinn für Covergestaltung
Klitekture & Sinergy Networks

Im Jetzt der Musikindustrie werden die Pioniere wie schon seit den ersten Erfindungen der frühen Menschen von einem starken Wunsch getrieben: die Beseitigung des Mangels. In Barcelona gibt es zwar das Sonar und ein paar erstklassige Technoclubs. Für den minimalen Sound bleibt aber wenig übrig, vor allem, wenn es abstrakter zur Sache geht. Wie viele kleine Labels mit einem speziellen Programm arbeitet Klitekture mit einem kleinen Vertrieb und entsprechenden Stückzahlen. Es gibt einfach zu viel Musik, jede Veröffentlichung ist ein Risiko. Vieles verschwindet in Schubladen oder wandert als Privatkopie von DJs um die Welt. Im experimentierfreudigen Umfeld der elektronischen Musik kommt die kommerzielle Plattenindustrie den Vorstellungen von Produzenten und Konsumenten nicht nach.

Die klassische Labelarbeit hat nicht erst seit Textone neue Facetten bekommen. Netaudio heißt das Zauberwort. Schnell, einfach und mittlerweile ein wertvolles Promotiontool. Neben dem Plattenlabel Klitekture stellt Luis seit 2004 auf dem Netlabel Sinergy Networks ein Spielfeld für befreundete Künstler bereit. “Es gibt dort mehr Raum für Experimente, ohne unbedingt hip sein zu müssen oder gleich an den Vertrieb zu denken. Wir können dort neue Herangehensweisen ausprobieren. Außerdem sind die Tracks auf Sinergy meist nicht älter als ein Monat. That’s Magic!”

Für die Schnittmenge sorgen Künstler wie Andreas Tilliander. Auf Klitekture veröffentlicht er als Lowfour und bei Sinergy pflegt er das Alter Ego Mokira. Mikael Stavostrand und Johan Skugge arbeiten auf beiden Labels eng zusammen und unterstreichen als bereits etablierte Künstler die Relevanz von Netaudio. Generell wird bei Sinergy Networks die Kooperation für die Releases in den Vordergrund gestellt. Es gibt Split-EPs mit jeweils einem Originaltrack und dem gegenseitigen Remix. Each one teach one, ein klassischer Netaudiogedanke. “Wenn es allerdings gut funktioniert und das Interesse entsprechend groß ist, kommen die Sachen aus dem Netz als richtige Veröffentlichung in die Läden. Beim Release von Franco Cinelli und den dazugehörigen Remixen war das zum Beispiel so. Sie erscheinen demnächst auf Vinyl. Außerdem planen wir zu einigen Sinergy-Veröffentlichungen CDs. Dort kommen dann Originaltracks und die Remixe drauf. Die Remixe gibt es aber auch weiterhin umsonst im Netz.” Im sonnigen Süden geht man aber auch den umgekehrten Weg. Die EPs des Plattenlabels Klitekture werden bei digitalen Shops wie Nufonix oder iTunes vertrieben. “Wir sind ganz zufrieden mit den Verkäufen. Dieser Markt ändert sich rapide. Wer nicht dabei ist, bleibt zurück.”

Den Netz-Veröffentlichungen will bei Sinergy oder Klitekture keiner den Rücken kehren. “Die meisten Leute geben sich mit einem MP3 zufrieden. Es ist schöner, eine große MP3-Sammlung zu haben, als eine kleine Plattensammlung für das gleiche Geld. Für viele ist es auch mit dem Platzproblem verbunden. Ein MP3-Player passt in jede Jackentasche. Es gibt aber noch genug Leute, die gerne schöne Plattencover haben und Musik in guter Qualität hören wollen. Diese Leute darf man nicht vernachlässigen.”

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Elektronische Lebensaspekte.