Wieviele mögliche Identitäten gibt es im Netz? Nico Haupt hat einen Katalog der Hybride erstellt. Konvertiere zum Netizen, lass Nanobots durch deine Adern segeln, vereinbare One Night Stands mit Computerscripts und verdirb dir die Augen. Die ersetzt dir sowieso Optobionics durch bionische.
Text: Nico Haupt aus De:Bug 43

Der Netizen 2001
Persönlichkeiten, die das Netz bevölkern

1. Multiple Persönlichkeiten

Schon immer war es in der Geschichte der Menschheit beliebt, in verschiedene Rollen zu schlüpfen. Im Internet geriet multiples Denken aber ab Mitte der 90er zum nüchternen Pragmatismus. Schon bald verschob sich dieses verschrobene Krankheitskürzel der Multiplen Persönlichkeit aus den 80ern zum neuen hippen Zeitgeistgefühl der 90er, das man besonders gut im Netz ausleben konnte. Im Jahre 2001 wird man nun fast minütlich gezwungen, sich der “FORM”-Frage zu stellen (Female Or Male?), Cookies zu bestätigen oder zu dementieren und auch sonst Fragekataloge entweder völlig zu faken oder alternative Emailadressen anzugeben. Schon gibt es die ersten Begleiterscheinungen, die von vielen als psychologisch bedenklich eingestuft werden: Passwortblackouts, Chatsucht, SMS-Finger, Diskussionsmanie oder einfach nur profane Augen- und Rückenschmerzen. Auch der Lebenslauf wird vielschichtiger. Im Online Zeitalter wird dieser heute hin- und hergepostet, fast immer wieder umgeschrieben, ganze Rekrutierdienste melden sich sogar ungefragt bei jemanden, wenn man sich irgendwo wieder vergessen hatte unzusubscriben. Auch die Selbstsucht wird durch die vielen kostenlosen FreeMail Provider bestärkt. Sammeln von Emailadressen gehört genauso dazu wie die Recherche nach dem eigenen Namen. Dabei mutet ironischerweise an, dass Lebenslauf auf englisch Resumee heißt: Es ist jedesmal anders sortiert.

2. Virtuelle Persönlichkeiten

Es gibt eine Reihe von Umschreibungen, die sich mit der neuesten Vertrauensebene im Net auseinandersetzen: VerBots, Chatterbots, personal Avatars, “virtual assistants” usw. Dabei geht es um visualisierte Interfaces, die mit dem User kommunizieren sollen, so dass er glaubt, eine leibhaftige Person vor sich zu haben. In den 3D/VRML-Welten wie von Blaxxun oder Active Worlds waren das die Avatare, die im Prinzip nur animierte Baukästenlinks waren. Hinter ihnen steckten allerdings tatsächliche User oder “Moderatoren”. Wer so einen multi-beweglichen Avatar nicht zu bauen vermochte, konnte auf etliche “statischere” Kollektionen im Netz zurückgreifen wie z.B avatarme.com.
Seit einigen Monaten begegnet man nun auch auf herkömmlichen Webseiten fast dreidimensionalisierten Figuren, die je nach Konfiguration auch sprechen können. Die Geschichte der künstlichen Helfer ist eigentlich so alt wie das WWW. Statt verbalen interaktiven Charakteren sprach man lange Zeit auch nüchtern von Agenten, die einem durch die Navigation der Seite oder anderer Programme helfen sollten. Zur frühesten Generation der künstlichen Bots gehörten die fixen Reply-Antworten in Emails, die automatisiert zurückgeschickt wurden, noch bevor reale Helfer auf den Inhalt der Anfragen eingegangen sind.
Heute werden Emails bei großen Firmen sogar auf verschiedene Redeweisen voranalysiert, so dass es noch personifiziertere Antworten als zuvor gibt, meist sogar schon auf unterschiedliche Gemütslagen eingeht. Mit einigen Handgriffen kann man den Absender sofort persönlich anschreiben, ein bestätigter Cookie hilft zusätzlich bei dem Userprofil.
Auch in Chatrooms wurden bald spezialisierte Chatterbots eingesetzt. Zu den bekanntesten am Anfang gehörten Eliza (Joseph Weizenbaum), Fred (Functional Response Emulation Device von Robbie Garner) sowie Claude and Shampage. Später gab es dann komplexere Programmscripts wie Start (MIT), Hex oder Brian (das denkt, es wäre ein 20jähriger Student). Später wurden auch Chatterbots mit besonderen Charaktermerkmalen “ausgebildet”, wie etwa das besonders freundliche BBSChat-Programm oder George, ein Chatterbot mit Stimme. Nachdem eine rein textbasierte Chatterbot-Variante ausgereizt war, wurden dann nach dem Schönheitsvorbild der Computerspielfigur Lara Croft auch künstlich visuelle Charaktere im Web geschaffen. So etwa Ananova.com, die Nachrichten vorliest (am nettesten im Sportdress!) oder Webbie Tookay (das Model von Elite) sowie die Sängerin Kyoko Date. Chatterbotprogramme werden momentan bei vielen e-Shopping Sites eingesetzt wie z.B. Nicole, Julian oder Elvis bei NativeMinds, wobei letzterer auch singen kann. Die Programmnamen sind meist kryptische Abkürzungen, stehen aber sogleich auch für die Charaktere, die man dann vor Augen hat. Manche können sich bewegen, wechseln nur die Mimik, oder es passiert überhaupt nicht viel. Eine Reihe von nett bis unspektakulären Beispielen werden etwa von ArtificialLife (Luci) , ExTempo (Linda), NativeMinds, VirtualPersonalities, Robitron oder Zabaware entwickelt, die auch Chatterbot Creation Tools herausgeben oder neue Bots meist an e-Shopping Sites wie eGain, askme oder AskJeeves (den lustigen Butler) weiterbeliefern. Wer sich über den neuesten Stand von Chatterbots informieren will, kann sich natürlich auch in diverse Verteiler eintragen, sehr zu empfehlen ist: http://www.chatterbots.listbot.com. Zu der spektakulärsten Neuigkeit zuletzt zählten die sogenannten Investment Bots von Pioneerfunds, die als Financial CyberGuides bei Investitionen beraten sollen.

2. Robotische Persönlichkeiten

Zu den obskursten Varianten der Roboterpersönlichkeiten, die meist nur textorientiert funktionieren, zählt Chatterbox. Er stellt seine Antworten aus den Texten der eigenen Festplatte zusammen. Außerdem funky ist Callord, der eine künstliche NASA-Sprache spricht (raffinierterweise damit eigentlich unüberprüfbar) oder Dr.Mystik, der immer wieder Fragen geschickt ausweicht. Für die neueren Bots wird die XML-spezifisierte AIML (Artificial Intelligence Markup Language) benutzt, eBrain ist etwa ein nettes deutsches Turing-Produkt dazu.
Viele Chatterbots werden heute in Java-ASP-Chatapplets eingebaut, nur sehr routinierte User kommen nach einer Weile dahinter, welcher Antworter eventuell nicht echt ist. Es gibt jedoch immer noch auch die reale Moderationsgestaltung. Spätestens aber bei eingetippten “rude words” oder Werbung für eigene Sites meldet sich das AntiSpamscript. Und ab da ist alles klar: gegen Automatisierung keine Chance, außer mit Tricks. Viele sprachgesteuerte Botprogramme werden auch häufiger in mechanische Roboter eingesetzt, am populärsten in – klar – Spielzeug.
Aber animierte Bots im Web sind momentan schneller zu verbreiten, und daher werden uns 2001 bestimmt eine Menge neuer Exemplare oder “Klons” über den Mauszeiger laufen. Firmen wie Viewpoint arbeiten derzeit außerdem an kamera-animierten Virtual Actors oder sogenannten Talking Heads. Und MyIwan verschickt Software, mit der man seinen persönlichen “Iwan” sprachsteuern kann. Life FX ist dagegen eine der bekanntesten Firmen, die an photorealistischen “Gesichtern” im Web arbeiten. Andere Projekte, die auch sprachunterstützte Agenten Tools anbieten, sind Microsoft Agents Faceworks, Blaxxun Avatar Studio oder Haptek. Viele diese Animationen haben aber eins gemeinsam: Man kann sich einfach nicht richtig interaktiv mit ihnen unterhalten. Kiwilogic, gegründet vom Hamburger Karl L. von Wendt, sind daher einer der jüngsten Entwickler, die sogar eine komplette Datenbankanwendung mitliefern, um das Problem zu beseitigen. Äußerst unkompliziert kann man sich so einen Frage- und Antwortkatalog zusammenstellen, der dem User dann später zur Verfügung steht und ständig ausbaubar ist. Diese Netware kann man dann auch mit eigenen Animationen oder Grafiken benutzen. Kiwilogic, die 2000 den “e-conomic Award” gewonnen hatten, belieferten auch bereits eine Reihe bekannter Kooperationspartner: Die EXPO, die den Lingubot für ihr Maskottchen Twipsy eingesetzt hatten, Lufthansa AirPlus, TIME Europe (Cyberconcierge) oder den ersten virtuellen Prasidentschaftskandidaten jackiestrike.com.
Künstliche Agenten und soziale Strukturen, Hybridgemeinschaften und künstliche Sozialität beschäftigt daher schon seit einigen Jahren auch eine eigene Wissenschaftsform, die sogenannte Sozionik. In vielen Abhandlungen kann man sich derweil etwa über die “Bourdieu’schen Habitus-Feld-Theorie” mit ihrer organisationssoziologischen Notwendigkeit schlau machen. Die sozionische Praxis beschreibt dabei künstliche Organisationen als Ergebnis eines Wechselspiels aus strukturierten Tausch- und Legitimationsformen. Hier kommt auch wieder der gute alte, viel zu früh verstorbene Niklas Luhmann wieder zu Ehren: Seine These der “Begrenzung des kommunikativen Aufwandes durch generalisierte Medien” werde auch im Internet noch stark “begrenzt durch die Beeinflussung der Motivation der Kooperationspartner”. Bleibt abzuwarten, wie sich die sozionischen Verhaltensmuster von realen und irrealen Usern im Netz weiterentwickeln.
Die Asiaten sind bekanntlich von ganz anderen Philosophien angetrieben. So scheint es nicht verwunderlich, dass man sich dort im Netz bei “Love By Mail” wissend mit programmierten Frauen trifft, die in Wirklichkeit schnöde Computerscripts sind. Love By Mail wurde von der Firma Bandai entwickelt, der japanischen Spielzeugfirma, die auch schon für den Erfolg der Tamagotchis stand. Laut deren Aussage daten bereits 30000 Japaner mit irrealen Frauen, haben Streit mit ihnen und können sich aber über alle sexuellen Phantasien auslassen. Die Netware ist jedoch nur über den Service NTTs DoCoMo erhältlich, der in Asien als erfolgreicheres Gegenstück zu WAP-Protokollen steht (13 Millionen Abonennten), die wireless Gadgets werden im Gegensatz zu WML im I-Mode mit cHTML editiert. Eine neue Bedeutung des Wortes SM-Commerce?

4. Sexuelle Persönlichkeiten

Im Netz geht Sex halt anders. Statt zu flirten und zu küssen, werden erst mal kostenlose Pics downgeloadet, Passwörter für VideoSites erhascht oder in einer langweiligen Bürominute Bastard-Quicktimes zum besten Freund geschickt, je provokanter, desto “lustiger”. Mittlerweile laufen den kommerziellen Pornospannerseiten daher die Kunden weg, der knallharte Sexdate ist nun gefragt. Neben gefakten Sexinteressen kann man durchaus in sogenannten Alternative Agencies nach Ankreuzverfahren die gewünschte Partnerin fast in das Restaurant seiner Wahl einladen, je nachdem auf welchen geographischen Umkreis man sich eingelassen hat. Viele Kontakte sind anfangs kostenlos, Emails darf man nur einmal täglich verschicken oder nur 3 Partner seiner Wahl in seine persönliche “Hot List” eintragen. Diese Sex Dating Maschinen sind mittlerweile international organisiert. Adultfriendfinder, Alt.com oder IwantU.com haben hunderttausende Einträge mit ellenlangen Fetischlisten, alleine im Adultfinder in New York suchen nach dem schnellen One Night Spaß etwa 22 000 Frauen nach wechselgeschlechtlichen Partnern, im Gegensatz zu fast 200 000 Männern. Eine harmlosere Spaßvariante zum Einüben bietet AmIHotornot.com, die ein persönliches Foto stündlich neu mit Punkten bewertet, Egoanonymismus zum Warmwerden.
Und schon bald muss man sich auch nicht immer treffen. E-Stimulationen gibt es schon länger über das Netz. Die Cyberdildos mit Kamera, Chat und niedlichem Stärkeregler (130k) kann man bei cybersexuit oder safesexplus.com bestellen. Vibro Mr. Jack oder Vibro Realistic Vagina haben jedoch einen teuren Aufpreis. Die iFriendCAM kostet 30$ pro Stunde. Aber Sex ist bekanntlich auch wireless vielfältig. Auch wenn nicht alle Institute wissen, wer da bei ihnen anklopft, schnüffeln tut man schon beim Mayo Institut (Minnesota, Italien), in dem in den nächsten 5 jahren Online Massagegeräte für das Knie entwickelt werden sollen. Taktile Handschuhe, Mäuse, Finger oder Hüllen gibt es auch bereits jetzt massig zu kaufen. Und dann gibt es da ja noch den Geruch und Geschmack über das Netz. Im großen Gebiet der Olfaktorik wurde aufgeholt. In diesem Jahr werden die ersten Geruchsboxen von digiscents (scent=Duftstoff) für 80-200$ herausgebracht. Ihre Ismell Devices werden weltweit eifrig weiterentwickelt: DigiScents, einer der Vorreiter, sollen bei RealNetworks downloadbare Stoffe entwickeln, das Israel Weizmann Institute arbeitet an riechbaren Videospielen, David Harel am Geruchsfernsehen, aromaweb an eletronischen Drahtlosnasen, und Motorola bauen ihre olfaktorische PC-Karte für riechbare E-Books weiter aus. Dazu gesellten sich nun Trisenx, die mit ihrer Senxmachine süß, sauer, salzig oder bitter emulieren wollen und bereits Sensoren hergestellt hatten, die toxische Stoffe oder Alkohol erkennen können. Tastmaschinen für Restaurants sind geplant, natürlich hat auch dort schon die Sexindustrie angeklopft.

5. Parallele Persönlichkeiten

Das Netz ist nicht alles, aber es ist fast überall, beispielsweise auch an Armbanduhr oder Ampel, und wenn es auch nur in einer drahtlosen Kamera besteht, die irgendwo hin sendet. Man spricht hierbei von “digital divide”, sicherlich eines der nächsten wichtigen Schlagwörter dieses Jahres. Soziologen und Ökonomen bejammern dennoch die Ungleichgewichtung innerhalb der Weltgesellschaft, denn nicht jeder hat einen Zugang zum Internet, schon gar nicht kostenlos oder “rund um die Uhr”. Wie drastisch die Persönlichkeits- und auch Informationsspaltung vorangeschritten ist, zeigen auch Untersuchungen über parallel “gestagte” Persönlichkeiten. Laut einer Studie von Showtime Networks Inc. gibt es bereits 25 Millionen US-Haushalte, die Simulsurfing betreiben, dh. sich gleichzeitig vor dem Fernseher und im Internet aufhalten. Unter echtem Simulsurfing versteht man auch das gleichzeitige Kommentieren von News-, Soaps oder Entertainment Shows in den daran jeweils angeschlossenen Chat – oder Bulletin Boards wie z.B. tvtattles.com. Zum geringeren Rest gehören die Benutzer von Cable WEB TV, die über ihren Browser eine Pizza oder sonstige Werbedisplays auf ihrem TV-Schirm reaktivieren (z.B. Response TV). Noch bevor der Mensch wirklich zur kompletten Maschine wird (und auch Geld dafür bekommt), hat das verteilte Rechnen neuen Auftrieb bekommen. Nach dem Erfolg von SETI gibt es viele Projekte, die mit der weltweit vernetzten Rechnerkraft an AIDS-Forschung (Parabon) oder Wetterprogrammen arbeiten.
Kostenlose “Spezialisten” fangen nicht erst bei file sharing Programmen (Peer2Peer) an (2001 erwarten uns neue Projekte wie pointera oder UPOCs Meeting Variante), sondern hören bei den sogenannten Expertenzentralen oder HostedScripts auf. Programmierer werden durch kostenlose Scripts gezwungen, in noch zukünftigeren Gebieten zu arbeiten, um nicht als unaktuell per Suchergebnis abgewiesen zu werden. In vielen Messageboards bekommt man auch kostenlos Antworten auf sein technisches Problem, viele Antwortgeber erhalten aber mittlerweile auch Punkte, Geld oder Geschenke wie bei experts-exchange.com, expertcentral.com oder xpertsite.com. Marshall Brain scheint dagegen alles ohne Hilfe zu wissen und plaudert munter über “howstuffworks”. Wissen gratis, wer weiß wo, weiß auch wieder “mehr”.

6. Vielfältige Persönlichkeiten

Ist jemand, der viel weiß, schon eine Persönlichkeit? Und dann multipel oder nur vielfältig? Einfältig, wer das glaubt. Denn die sogenannten Trend Scouts, früher noch als grauhaarige “Zukunftsforscher” oder verkokste Kunstvisionisten bekannt, haben selbst längst Konkurrenz bekommen. Heutzutage ist es schon fast anstrengend, immer das neueste hippe Zeug zu erzählen, weil es im gleichen Sammelsurium auch in den Yahoo News oder in der TOMORROW steht, obwohl man es aus der WIRED, ARTBYTE oder dem MIT-Magazin hat. Jeder schreibt halt von jedem ab. Wohin führt das nur? Wozu arbeiten, wenn meine Firma in der Börse abrutscht, weil mein Chef mal wieder bei den Real Time Criticism Portalen wie dotcomfailures oder fuckedCompanies.com verissen wurde? Deshalb gehen Firmen schon gar nicht mehr richtig Konkurs, sondern splitten sich in Cluster. Evite.com ist dann nicht mehr Ev, aber noch Ite.com. Kein Spaß, sondern so ähnlich schon bei ubo.net passiert. Ist die vielbeschworene economy crisis gar doch die Vorstufe für einen PostNetSozialismus? Wer irgendetwas gibt, bekommt irgendetwas zurück? Schulden ohne Kreditinstitut? Micropayments, MoneyBeaming, HomeSharing, mal sehen, wie die Weltbank dazu reagiert. Immer schneller muss man sich was einfallen lassen, um die sogenannte Katastrophe zu verhindern. Schon gibt es auch “genetische” Algorythmen, die die Börse für Jahre im voraus berechnen können sollen. Denken wird also schneller, flexibler, quantensprunghafter? Wer viel weiß, wird aber auch schnell vergesslich. Also muss es doch bald die bionische Suchmaschine im Hirn geben. Auf dem Weg dahin helfen schon mal die “Remembrance Agents”, die mit einem bestimmten Stichwort die Antwort liefern können.
Bevor der Mensch aber immer maschinierter wird, darf er noch viel herumreisen. Daher darf nicht viel Gepäck und Datenwust vorhanden sein. Die MIT Gruppe “Printable PC” unter Jo Jacobson arbeitet daher schon an downloadbaren Elektrochips, die auf Spezialpapier ähnlich wie bei dem E-Ink Prinzip zu wegwerfbaren Computern werden sollen. Geplant ist z.B. eine aufladbare Business Card, die zu einer Kamera aufgerüstet werden soll, dank der Pholtaik und flüssigen Elektrohalbleitern, die schnell trocknen.
Was bleibt, sind die herkömmlichen Adressen. Auch die werden jedoch neben den Emails immer ausgebauter. Was früher noch Fax, Pager, ICQ war, passt heute sowieso nicht mehr drauf. Also muss es mehrere Adressen oder “Cards” geben. In Zukunft also relocatbare Cell-IP-Adressen, GPS-Codes oder Passwords von Lockeradressen in FileSharings drauf. Ende offen.

7. Lesbare Persönlichkeiten

Ghostwriter leben heute nicht lange. Sie werden geoutet. Wer heute mutig ist, schreibt einfach drauf los. Stil ist egal. Mailing Lists, Personal Diary mails, Ego Boards, Live Feed Reports oder einfach der Link zum eBook. Auf der eBook World im November 2000 wurde klar, dass sich das eBook zum Buch genauso verhalten wird wie die Schallplatte zur CD. Das eBook wird in Zukunft halt “gescratcht”. Schon jetzt gibt es 4 verschiedene Editierungsmöglichkeiten. Reciprocal (mit PalmPilot-Funktion!!) ist als neue Konkurrenz zu GemStar/Nuovo/TV-Guide, Microsoft, Adobe oder auch meinetwegen MacromediaFlash dazugestoßen. Das Ebook macht Sinn. Napsterähnliche Raubkopiechannels gibt es auch schon lange. Nun geht es um den individualsierbaren Font oder die Neo-Interaktion mit Text an sich. Der EbookMan von Franklin für die U-Bahn, die Highlight-Funktionen im Glassbook, die Videolexika von Rovia, die Vorleser bei isSound, elektronische Distribution von DigitalOwl, WebImports von FlipBrowser, skalierbare Kapitel von bytesize, Kinderbücher von ContentGard, all das macht Sinn. Und wer an dem alten Papier schnüffeln will, für den gibt es auch Ledereinwände, Knistergeräusche oder sonstige “Chemotherapien”. AutorenChats, warum nicht? Wie gesagt, es geht nun ums Scratchen, ums Cutten, um den richtigen Beat per Minute.

8. geklonte Persönlichkeiten

Heute geht es nicht mehr um den geklonten Menschen (der wohl kommen wird), sondern um die geklonte Bakterie oder die künstlichen Minifabriken in Hirn und Nerven. Bakterielles Desktop Engineering heißt daher eines der Zauberwörter der Zukunft. Und die ist heute. Der Film “Die fantastische Reise” kann endlich wieder neu gedreht werden. Gegen Ende 2000 konnte man das erste sogenannte Nano-U Boot bauen. Mit vergrößerten Kamerasensoren könnte man so Bilder einer Reise von Nanomaschinen filmen, die mit künstlichen Pumpen, Zahnrädern, Waagen usw. durch das Innere eines Selbst reisen. Das Prinzip lässt sich so veranschaulichen: Ein Biomotor besteht aus einem Proteinpropeller in einer sogenannten “Tasche”, die durch sechs ringförmig angeordnete Proteine angetrieben werden. Die Proteine sind Enzyme, die ATPase genannt werden und das in den Zellen enthaltene ATP (Adenosintriphosphat) in ADP (Adenosindiphosphat) umwandeln. Durch diese Reaktion wird chemische Energie freigesetzt, die die Maschine antreibt. Die winzigen Propeller wurden in der Cornell Nanofabrication Facility hergestellt. Einer derTräume von Ray Kurzweill wird also bald wahr werden: “We’ll flood our bodies with microscopic nanobots, which will essentially inject images and sensations directly into our nervous system.”
Aber Nano ist noch nicht alles. In Picos (der millionste Teil eines millionstel Meters) denkt man bei der neusten Mikrolektronik, besonders der Interferometrie, wo es um Aufspüren von Faserrissen aller Arten von Materialien geht. Warum nicht auch Online? Schüler der North Carolina High School Force können heute schon mit Force-Feedback-Stiften Moleküle kilometerweitweg unter einem Onlinemikroskop bewegen. Die Forschungshitliste der künstlich verbesserten Lebewesenhaftigkeit ist mittlerweile endlos geworden: Aging, offene Gendatenbanken wie von Island, Papua-Hagahai oder Tonga (autogenlimited.com.au) oder anonyme wie bei Genesage.com, bionische Augen von Optobionics, Functional Food von Olistad, Polymerenginering, SNP Konsortium, Bacterial Computing, künstlicher Zahnschmelz von Novartis, eTongues, Kinematik usw. Bei all diesem Themenwust muss selbst die ausgeglichenste Person abschalten. Es zählt die Persönlichkeit, nur welche bitte? Ist es vermessen, in andersartigen Welten zu denken, wenn die tatsächlich einen größeren Raum eingenommen haben, den man mittlerweile als augmentisch bezeichnet. Die Persönlichkeiten dieses Jahrzehntes oder des neuen Jahrhunderts werden wohl eher nach der Zufälligkeit als an dem Gesamtergebnis gemessen werden. Welche Rolle dabei der Hacktivism oder die sogenannte Neue Weltordnung spielen wird, wer weiß.

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Elektronische Lebensaspekte.