Zum Jahreswechsel spricht alles dafür, Baudrillard wieder auszugraben und angesichts der Reaktionen auf den 11.09. anzuerkennen, dass der Krieg auf das Netz ausgeweitet worden ist. Doch gerade weil der Netizen 2002 im Netz zwar registriert ist, aber anonym bleibt, bleibt das Netz intellektuelles Luxusgut.
Text: Nico Haupt aus De:Bug 55

Der Netizen 2002
Baudrillard wieder ausgraben

Immer wieder haben sich in den letzten Jahren Sozial- und Computerwissenschaftler mit Elias Canettis These beschäftigt, dass ab einem bestimmten Zeitpunkt die Geschichte nicht mehr wirklich ist. “Ohne es zu merken, hätte die Menschheit insgesamt die Wirklichkeit plötzlich verlassen; alles, was seitdem geschehen sei, wäre gar nicht wahr; wir könnten es aber nicht merken.” Jean Baudrillard sprach schon in den 80ern von einer Befreiungsgeschwindigkeit, die man erreichen müsse, um diesen Punkt zu finden. Nach Baudrillard besäßen politische und soziale Ereignisse von sich aus keine Kraft mehr, um uns noch zu erschüttern, sondern spulten sich wie ein Stummfilm ab, für den wir weder individuell noch kollektiv verantwortlich sind. Einzig allein der Terrorismus vermag diese so genannte Hyperrealität nicht stumm, sondern gewaltsam auszulösen. Es scheint, als wenn mit Eintritt des digitalen Zeitalters (in dem es kein Negativ wie noch beim Foto mehr gibt) eine weitere Gleichschaltung mit diesem toten Punkt am 11.9.2001 erfolgt ist. Dies war der Tag, als vier Flugzeuge, von wem auch immer gesteuert und verantwortet, die Geschichte gewaltsam in eine weitere Ebene gestoßen hatten, um das Verschwinden der Geschichte weiter zu beschleunigen.

Präsenz statt Individualität
Während wir in den 90er Jahren noch versucht haben, statt Ruhm nur noch Individualität zu erreichen, scheint es mit dem Eintritt des neuen Jahrhunderts nicht einmal mehr um unsere Beweisbarkeit zu gehen. Von nun an zählt nur noch einzig und allein unsere Anwesenheit, deren Registrierung, Kontrolle und Konfiguration. Wir haben uns alle für diese digitale Wahrheit entschieden, es gibt kein Zurück mehr. Rodney Brooks erwartet den Robomensch, Steve Mann den Bionikmensch und alle anderen blicken auf die künstliche Intelligenz. Wir lernen zur Zeit, das Ende des Privatlebens zu lieben, ohne zu fragen warum.
Baudrillard beobachtet weiter, dass im letzten Jahrzehnt ein Beschleunigungsphänomen eingesetzt hat. Statt der totalitären Umschreibung der Geschichte drohte die umgekehrte Umschreibung, die Tilgung von Sozialismus und Diktaturen, eine Liquidierung aller Menschenrecht-feindlichen Regimes. Dieser so genannten “demokratischen Rallye” sei jedoch keineswegs zu trauen. Es sei keine historische Evolution, sondern eine Konsens-Epidemie, ein virusbedingter Effekt. Dass sich die demokratischen Werte so gut ausbreiten, liegt daran, dass sie liquide geworden und nichts mehr wert sind. Durch diesen “Verramschungseffekt” sei daher die Wahrscheinlichkeit groß, dass es, “wie bei einer Börsenspekulation zu einem Einbruch dieser Werte kommt”.

Offenbar hat auch der Islam ein Beschleunigungsprinzip inne, das selbst mit Einwänden von Verschwörungstheoretikern aufgegangen ist. Die westlichen und fernöstlichen Werte haben sich Hand in Hand voneinander ausgeschlossen oder verbündet, wie man es nimmt. An ihre Stelle ist, kurioser Weise unter dem Deckmantel von Patriotismus und dem “Wohl der Kommune” (Bush/Master Card usw.) ein Kontrollapparat getreten, der sich nun auch anschickt, nicht nur unsere Verhaltensweisen, sondern auch die Wahrheit zu kontrollieren. Seit der Attacke auf die Demokratie zählt daher nur die Durchführung und dessen Rechtfertigung eines Überwachungskatalogs, um den Menschen in ein austauschbares Objekt zu verwandeln. Hier und drüben reichen US-Präsident Bush je 5000 Tote und Anthrax-Attacken für die Einführung eines Anti-Terrorist-Pakts mit Militär-Tribunal. In Deutschland genügt ein verletzter Stolz bei Otto Schily und Milzbrandhoaxe für weitere Überwachungsnormen und Schröder bekommt die deutschen Soldaten in den Krieg. Die NATO gibt weiter den Ton an.

Krieg im Netz

Ein Harris Poll vom November 2001, eines der omnipräsentesten Online-Meinungsinstitute, fand heraus, dass 63% aller Amerikaner der Überwachung in Chaträumen und Discussion Boards zustimmen würden, wenn dies der inneren Sicherheit diene. 54% favorisierten zudem ähnliche Maßnahmen für Email und Cell Phone. Die allgemeine Kriegseuphorie geht jedoch stark zurück. Ironischer Weise werden diese Aktionen einzig und allein nur durch ein Attribut begründet, von dem wir ebenfalls lange nicht mehr gesprochen hatten: Nationale Sicherheit. Verfassungsfreiheiten werden dazu ausgehöhlt und die eigenen Gegner gleich Freunde von Bin Laden genannt. Die Printausgabe von “Yahoo” titelte ihre Dezember Ausgabe: “Schränkt zuviel Paranoia die Privatsphäre im Internet ein?”
Das Internet, das seit dem Dotcomcrash wieder zum intellektuellen Luxusgut mutiert, ist vermutlich der letzte Hort der Wahrheit geworden. Wer nicht rechtzeitig gelernt hat, wie man dort navigiert und seinen vertrauten digitalen Freundeskreis findet, um sich auszutauschen, der wird es bald schwer haben.
Im Netz setzte seit Ende September 2001 ein neuer Kontroll- und Zensurschub ein. Webseiten verschwanden über Nacht, Kryptographieprogramme wurden gejagt.

Vielleicht ist am Ende selbst im (noch sicheren?) Internet der Preis groß. Man wird gejagt und bleibt doch ein Anonymus, allenfalls eine Ansammlung von bekannten Nicknames. Wie sagte Ray Leotta so schön in “Good Fellas” (Scorcese): “Du bist ein Nobody, ein Shmoog” (Mischung aus Smock und Moog). Da hatte der ehemalige Mafioso dann in einem Reihenhaus leben müssen. Heute ist das digitale Reihenhaus ebenfalls nicht mehr fern und Kriminalität eh relativ geworden. Wer weiß schon, wie sich gesteigerte Realität anfühlt, wenn man die alten Werte nicht mehr kennt?

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Elektronische Lebensaspekte.