Statt über den "Cyberwar" zu philosophieren und unblutige Hackerauseinandersetzungen zu zitieren, nutzt das Militär die Digitalisierung des Krieges, um automatisierte Waffen zu entwickeln. Die lassen sich bequem vom Internetcafe, äh, von ihrem autorisierten Knotenpunkt aus abfeuern - und sammeln nebenbei gefechtsrelevante Informationen zur Vernetzung. Anton Waldt führt durch die Grundlinien des "Network Centric Warfare".
Text: Anton Waldt aus De:Bug 69

Vom vernetzten Krieg
Die neue Ökonomie des ‘Network Centric Warfare’

Angesichts eines drohenden Präventivkriegs der USA gegen den Irak blüht dieser Tage in merkwürdiger Eintracht mit altem und neuem Antiamerikanismus und einem mäßig erfolgreich wieder belebtem Peaceniktum auch die Mähr vom “Cyber War” wieder auf. Der Begriff war eine zeitlang vor allem bei selbst ernannten Internetphilosophen extrem en Vogue, obwohl (oder vielleicht gerade weil) er ähnlich unausgegoren und diffus blieb wie die “New Economy” – und wohl nicht ganz zufällig zeitgleich mit dieser von der Bildfläche verschwand. Vor allem das “Cyber” weckte dabei immer die Assoziation, dass es sich irgendwie um eine unblutige Veranstaltung handelte, bei der sich Hacker und Anti-Hacker in Datennetzen beharken und so ähnlich sahen dann auch die Lieblingsbeispiele bei Großkopferten-Großaufläufen wie der “Ars Electronica” aus. In der Diskussion waren bezeichnenderweise so gut wie keine Militärs anzutreffen – aber hey! Schließlich sind wir ja auch ohne Ökonomen an den Neuen Markt gekommen.

Gefechtsrelevante Information

Die echten Krieger haben sich zur gleichen Zeit allerdings ebenfalls Gedanken über die Auswirkungen der Digitalisierung auf ihr Handwerk gemacht. Diese Diskussion wurde unter der Überschrift “Revolution in militärischen Angelegenheiten” geführt und mündete im Konzept des “Network Centric Warfare” (NCW). Dieses hat zwar einige Schnittmengen mit dem “Cyber War” aber der Fokus des NCW liegt definitiv auf “gefechtsrelevanten Informationen” und deren Bearbeitung und Verteilung. Eher nebenbei verwischt die Doktrin allerdings auch die Grenzen zwischen den Netzwerken, die direkt auf die Tötung des Gegners abzielen und der propagandistischen Darstellung bzw. Verschleierung der Kriegsrealität. Die grauen, schwammigen Videobilder der Lenkwaffen aus dem ersten Golfkrieg gaben von dieser Entwicklung schon eine Ahnung, richtig deutlich wurde die Zweideutigkeit der militärischen Videoarbeiten aber erst im letzten Herbst, als im Jemen mutmaßliche Al-Quaida-Mitglieder von einer “Hellfire” Luft-Boden-Rakete weggeputzt wurden, die von einer unbemannten Drohne des Typs “Predator” aus abgefeuert worden war. Die zwei Soldaten, die für dieses Manöver gebraucht werden, hätten prinzipiell auch in einem Cafe irgendwo auf der Welt sitzen können und so angenehm die Wartezeit vertrödeln können, die die wahrscheinlich monatelange Überwachung der einsamen Wüstenpiste erforderte, auf der schließlich der verdächtige Jeep aufkreuzte. Die Bilder, die der Predator dazu liefert, können inzwischen in Echtzeit in die militärischen Netze gespeist werden und umgekehrt kann auch der Feuerbefehl für die beiden Raketen, die die Drohen transportieren, potentiell von jedem autorisierten Knotenpunkt dieses Netzes kommen. In diesem Szenario bündeln sich gleich vier Grundlinien des NCW: Die totale Infomationsüberlegenheit über den Gegner, das Erledigen der “schmutzigen Jobs” durch automatisierte Systeme ohne Gefährdung des eigenen Personals, die Hoheit über die Kampfbilder, die die Medien nach eigenem Gutdünken zur Verfügung gestellt bekommen oder eben gerade nicht, und schließlich das neue Anforderungsprofil an den Netzwerk-Soldaten, der vom Laptop aus operiert und im Zweifelsfall durch eine Jugend vor der Spielkonsole auf diese Tätigkeit bestens vorbereitet ist.

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Elektronische Lebensaspekte.