Nachrichten und Information haben die Stimmungen um Kriege schon immer gewaltig beeinflusst. Mit Al-Jazeera hat sich jetzt neben CNN ein Sender etabliert, der auch im Westen ernstgenommen wird. Deshalb rüstet man auf.
Text: Anton Waldt aus De:Bug 69

Das Gleichgewicht der Lügen
Nachrichten im Krieg

US-Militärs müssen derzeit eigentlich nur vor zwei Dingen Angst haben: Dass ihnen der Himmel auf den Kopf fällt (Budgetkürzungen) oder dass ihre Propaganda versagt. Letzteres wird in einem möglichen zweiten Irak-Krieg ein hartes Stück Arbeit werden, da die arabischen Medien sich in den letzten zehn Jahren zunehmend auch an einem internationalen Publikum ausrichten. Außerdem hat sich ganz banal das Internet zu einer schwer kontrollierbaren medialen Größe entwickelt. Und daneben wirken die Heerscharen des Guten ungewollt kräftig mit: US-Kriegsminister Donald Rumsfeld hat unlängst seine Truppe im Regen antreten lassen, um ihnen einzubläuen, doch bittebitteschön nicht mehr soviel “sensibles Material” auf den eigenen Sites zu veröffentlichen. Dass es auf den einschlägigen Seiten jede Menge davon gibt, scheint allerdings ob der vorherrschenden Protzsucht nicht zu verhindern sein. Außerdem sind die Administratoren in Uniform auch gänzlich unzackig unterwegs, wie eine Online-Lachnummer Ende Januar zeigte: Es wurde bekannt, dass eine Sicherheitslücke es beliebigen Surfern erlaubt, ihre eigene “.mil”-Domain anzumelden – Die Top-Level-Domain “.mil” ist allerdings eigentlich den US-Streitkräften und dem Verteidigungsministerium der USA vorbehalten.

WarBlogger und Hisbollah-Shooter
Wie einfach das Netz der offiziellen Darstellung der sauberen und chirurgischen Kampfhandlungen in die Suppe spucken kann, zeigt auch der wahrscheinlich letzte Weblogger aus Bagdad: Seit September des Vorjahres führt jemand unter dem Nickname “Salam Pax” einen Weblog direkt aus dem Herzen des Bösen, was nicht nur die US-Desinformationsprofis, sondern auch ihre Gegenspieler im Irak gehörig irritieren sollte.
Das obskurste Match auf dem Feld der Kriegspropaganda wird derzeit allerdings mit den Baller-Daumen der weltweiten Ego-Shooter-Gemeinde ausgetragen. Nachdem die US-Armee ihren Ego-Shooter “America’s Army – Operations” zum Unabhängigkeitstag 2002 äußerst erfolgreich lanciert hat und dabei die Hoffnung hegt, damit die Drohnen-Steuerungsmannschaften von Morgen anzuwerben, haben Anfang des Jahres sogar die radikalislamischen Hisbollah-Milizen ihren ersten Ego-Shooter in der Version 1.0 vorgelegt. “Specialforce” gibt es bislang nur in einer rein arabischen Version, doch werden bereits Releases in vier weiteren Sprachen im Hisbollah-eigenen Sender Al-Manar TV im Libanon beworben. Den Werbespots nach ist davon auszugehen, dass hier auch das “schöne Sterben” relevant ist und nicht nur das profane Killen von Ungläubigen. Die Hersteller-Firma hat sich übrigens auch schon durch den Palästina-Shooter “Underash” profiliert, so dass weitere Produkte heftig zu erwarten sind.

Schlachtfeld-TV
Die richtig harte Schlacht um die Weltmeinung sollte aber immer noch im TV ausgetragen werden. Und hier hat CNN zuvorderst durch “Al-Jazeera”, das vom Golfemirat Katar aus sendet, Konkurrenz bekommen. Rechtzeitig zum neuen Krieg will der “Bin-Laden-Haussender” im Laufe des Februars auch noch eine englischsprachige Website starten. Das hat der Sender wahrscheinlich auch bitter nötig, weil ihm demnächst gleich zwei neue Stationen als “arabisches CNN” beerben wollen: Zum einen planen die USA das aus dem kalten Krieg bewährte Radio-Konzept von “Voice of America” auf einen arabisch-sprachigen TV-Sender anzuwenden, zum anderen soll ebenfalls noch im Februar mit 200 Mio. USD aus den Golfstaaten “Al-Arabiya” 24 Stunden täglich auf Sendung gehen. Der Sender will dabei “einen weniger auf Sensationen aufbauenden Ansatz” wählen, außerdem soll die Berichterstattung “auch einem westliches Publikum einen Zugang zum Nahen Osten bieten”. Als Reaktion auf “Al-Jazeera” und “Al-Arabiya” ist denn auch das Vorhaben der US-Militärs zu verstehen, selbst Bilder live von der Front zu bringen. Dabei sollen Satelliten-Videotelefone eine Art “Schlachtfeld-TV” ermöglichen, mit dem die Militärs viel flexibler als bisher “auf aktuelle Ereignisse” reagieren wollen. David Lamp, ein Sprecher des U.S. Joint Forces Command, erklärte die Intention folgendermaßen: “Statt (unliebsame) Gerüchte hinzunehmen, werden wir sie zukünftig aktiv managen.” Als Beispiel nannte Lamp Fälle, in denen die US-Truppen zu Unrecht beschuldigt werden, zivile Ziele bombardiert zu haben. In einem solchen Szenario sollen Presseoffiziere an Ort und Stelle sofort Bilder liefern, die das Gegenteil beweisen. Ein anderes Einsatzgebiet sollen Berichte aus umkämpften Gegenden sein, zu denen Journalisten “keinen Zutritt” haben. Angesichts dieser geballten TV-Pläne kann die durchschnittliche Sofakartoffel wenigstens eine Sorge abschreiben: Dass der nächste Irak-Krieg wieder in faden Schwarzweißbildern ins Wohnzimmer kommt.

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Elektronische Lebensaspekte.