Netzwerk. Wer kann das heute überhaupt noch hören? Jeder ist Teil in irgendeinem Netzwerk, jeder Telefonummernspeicher eines Nokias ist ein Netzwerk. Welche Form des Netzwerkes ist unter Kreativen überhaupt noch relevant und lukrativ. Berliner Designer diskutieren am runden Tisch.
Text: francis rindemulch und hans ostergrün aus De:Bug 71

Auf der Website des Haupstadtmarketing Verbundes “Partner für Berlin“ lesen wir stolz: “Der Strukturwandel, die Modernisierung und die Aufbauleistung Berlins leben von der Kreativität und Innovationskraft der Wissenschaft und Forschung. Zukunftstechnologien – Informations- und Kommunikationstechnologie, Medizintechnik, Biotechnologie, Optische Technologien und Verkehrstechnik – profitieren davon. Berlin zieht heute leistungsorientierte Menschen an, die den Wandel, das Unfertige suchen. Berlin ist eine Stadt der Jungen, seine Zukunft sind die Gründer der Unternehmungen des 21. Jahrhunderts.“

Ist das die Wahrheit? Die Debug-Korrespondenten Francis Rindenmulch und Hans Ostergrün zitieren Berliner Designer im neu gebrandeten Hotel ParkInn an den runden Tisch:
Die DesignerInnen Friede Hand (Studio Hand), Marko Medja-Blitz (Tween Media), Xaver Prest (Sitespread Design), Ado Beak-Robart (Design Pal) und Otto Schopp (Agentur Tausendschön) diskutieren das Netzwerk. Oder die Lüge dahinter…

Debug: Meine Damen und Herren, sie arbeiten alle in Berlin, sie sind Designer. Sind sie untereinander vernetzt?

Friede Hand: So etwas musste ja kommen. Nein, wir sind bisher in noch keiner brancheneigenen Seilschaft organisiert, in der wir eigensinnig verblendet rücksichtslose Lobbyarbeit betreiben. So weit ist es bisher, jedenfalls bei mir, noch nicht gekommen. Afterwork Lounges, Lobby Dinner mit Wowi und tägliche Designerhappenings sind mir ein fürchterlicher Graus. Das raubt mir die Ideen. Uninspiriert und nur auf den eigenen Vorteil aus. Desillusionierend.

Marko Medja-Blitz: Das finde ich jetzt ziemlich überzogen, wenn du damit auf die zarten Pflänzchen trittst, die man als Branchenkultur in Berlin bezeichnen könnte. Ist doch gut, wenn auch nur irgendwas mal in dieser Tundra blüht. Gib dem ganzen Lobby-Zirkus doch mal ’ne Chance. Kann doch nur helfen.

Xaver Prest: Wenn wir nun wirklich eins nicht brauchen, ist es andauernde selbstreferenzielle Branchenkultur, die sich selber den eingefallenen Bauch pinselt. Dieses Leben in der bornierten Design-Blase ist genauso lächerlich wie unser Design Hauptstadtmarketing. Man überlege sich mal: Da wird eine Stadt wie Berlin Hauptstadt und genau dort vergisst man komplett über Jahresfristen, die lokalen Agenturen mit öffentlichen Aufträge zu beglücken, nur um dann später landesfinanzierte Initiativen gründen zu müssen, die die eigene Gestaltungsbranche überregional promoten. Warum? – Weil’s im eigenen Ländle vergessen wurde. Verstehen wir das?

Otto Schopp: McGyver knows …

Friede Hand: Ich bin etwas gereizt von diesem sehr überstrapazierten Begriff, dem die wiederholte Verwendung in Businessplänen ohne Verständnis der eigentlichen Sache die Seele geraubt hat. Vielleicht sollten wir lieber fragen, wie unsere Netzwerke funktionieren.

Debug: Ich denke es gibt keine?

Friede Hand: Doch klar gibt es Netzwerke, nur anderer Art. Ich hatte deine Frage als Frage nach Networking verstanden. Da muss man klar unterscheiden.

Xaver Prest: Warum differenzierst du da so stark?

Friede Hand: Weil es wirklich sehr verschieden Dinge sind, über die wir reden oder besser denken zu reden.

Debug: Welche Unterscheidung muss man also treffen?

Friede Hand: Es gibt verschiedenste Ansätze des Netzwerkes. Netzwerk als egomane Lobbyveranstaltung ohne Respekt und ohne Interesse für seine Mitstreiter, nur dem eigenen Vorteil verantwortlich und der nächsten Kunden-Akquisition hörig. Im Gegensatz zu gewachsenen Netzwerken, die sich mehr in deinem Adressverzeichnis verorten als in dem Wort Netzwerk. Das sind die Leute, insbesondere Dienstleister, mit den ich seit Jahren gut und intensiv zusammenarbeite, wie der Drucker um die Ecke. Wie gesagt, es sind gewachsene Strukturen. Meist über Jahre oder Jahrzehnte hinweg. Hier zeigen sich kompetente Partner. Und dann mein Erfahrungsnetzwerk. Leute, die ich ewig kenne, ein komplett interdisziplinärer Haufen, den man für alles gebrauchen kann und der untereinander fair agiert …

Otto Schopp: Kennste auch McGyver?

Xaver Prest: Trifft es der Begriff “Independent Network” nicht besser?

Ado Beak-Robart: Wenn Independent Network bedeutet, dass die vernetzten Menschen fairer und respektvoller auf der Basis ihrer Kompetenzen miteinander umgehen, denke ich, ist das ein guter Begriff. Hat, wie ich denke, aber auch eine starke subkulturelle Prägung, gerade hier unter Kreativen in Berlin. Ich glaube, es geht weniger darum, WEN man vernetzt, ob interdisziplinär, lokal, überreregional und so weiter, sondern WIE man sich vernetzt, d.h. welcher Teil des Netzwerkes agiert WANN und WIE. Netzwerke sind keine Netzwerke, wenn nicht jeder Pol zugleich aktiver und passiver Pol sein kann. Aber auch das braucht viel Koordination. Timing.

Debug: Wie ist denn das pragmatisch zu bewerten? Beschränkt euch doch auf das Beispiel eines kompetenz-orientierten Dienstleistungsnetzwerks.

Friede Hand: In funktionierenden Netzwerken weicht der Konkurrenzdruck der Kooperation, weil man sich drauf verlassen kann, dass auch mal etwas zurückkommt. Es gibt einen besseren Informationsfluss, Hilfe, gezielte Weiterleitung relevanter Nachrichten, Jobvermittlung, Erfahrungsaustausch, Interdisziplinarität. Ganz wichtig ist der Entwicklungsraum für Individualität, d.h. Formen von Kreativität, die alleine nicht tragfähig wären aber unglaubliche Innovationen und Qualitäten entwickeln. Die Entwicklung ganz spezieller, vielleicht sogar isolierter Kompetenzen ist möglich, die erst ein solches Netzwerk anwendbar machen kann. Außerdem arbeiten diese Netzwerke von Freelancern und kleinen Agenturen oft kostengünstiger, da die Nebenkosten von den Netzwerkern getragen werden.

Debug: Diese Aussagen scheinen mir ehrlich gesagt ähnlich austauschbar wie in manchem Businessplan. Effizienz ist da auch das zentrale Leitbild.

Marko Medja-Blitz: Naja, es mag sein, dass schon mal etwas zurückkommt. Aber drauf verlassen kann man sich nicht. Ich glaube nicht zu Hundertprozent an diese Form von selbstreferenziellem Dialog. Außerdem kann Konkurrenz ein sehr belebendes Element sein. Und wer sichert das Ganze ab, wer trägt die Projektverantwortung? Zudem sehe ich große Probleme, diese “independent“-Vorteile an konservative Auftraggeber zu kommunizieren.

Otto Schopp: McGyver. Super Timing. Total verlässlich. Immer da, wenn’s drauf ankommt.

Friede Hand: Marko, auf was kann man sich heutzutage noch verlassen? Für mich ist es eine Haltung, die mir Mut macht, auch in strangen Zeiten wie diesen dieses Modell zu leben, da es mir eine Menge an Perspektive und Arbeitsqualität gibt. Für mich bedeutet diese Form von vernetzter Arbeit, ein Zukunftsmodell ganz besonderer persönlicher Qualität, da ich mit den Leuten schaffend zusammenarbeiten kann, mit denen ich schon viele Erfahrungen gesammelt habe, ohne mich in einer Institution, einer Firma zu binden. Wirtschaftliche und persönliche Vorteile liegen doch auf der Hand. Teil eines solchen Netzwerkes zu sein, bedeutet nehmen und geben, bedeutet aktives Arbeiten. Schmarotzer isolieren sich rasch automatisch selber. Diese Arbeit hat vielleicht sogar zu einer Veränderung im Konkurrenzdenken geführt. Zumindest kleine Agenturen agieren offener und wenig paranoid im Vergleich zu den größeren Playern, wenn es um Zusammenarbeit geht. Gerade für eine kleine Agentur scheint das für mich die richtige Lösung.

Debug: Aber dieses Modell wird bisher von wenig Auftraggebern akzeptiert, oder?

Marko Medja-Blitz: Friede, ich will dir deine Perspektive nicht rauben. Doch glaube ich nicht, dass Auftraggeber Haltungskonstruktionen vertrauen, die keinen definierten Führungskopf haben. Meiner Erfahrung nach geben Auftraggeber wissend mehr Geld für klassische organisierte Agenturen aus, um eine konkrete organisatorische Sicherheit im Projektprozess zu erlangen. Kreativität und letztendliche Arbeitsqualität sind denen im Endeffekt gar nicht so wichtig. Sie wollen, dass einer den Hut aufhat, Verantwortung für ihr Ding trägt und sie von Anfang an versteht. Dieses Prinzip kennen sie, praktizieren sie selbst und darin vertrauen sie. Sie wollen Kontrolle, was auch direkten Zugriff meint. Kompatible Kommunikationsstrukturen, die ihren Systemen entsprechen.

Friede Hand: Eigentlich meint das Missvertrauen.

Marko Medja-Blitz: Vielleicht. Ich meine jedoch sagen zu können, dass Auftraggeber die Spielregeln bestimmen wollen. Was mich viel mehr erschreckt, ist jedoch dieses bewusste Ausblenden von innovativen, naja, eher andersartigen Strukturen, die nachweisbar wirtschaftlich effektiv sind und qualitativ überdurchschnittliche Ergebnisse bringen, da jeder Teil sich selbst verantwortlich ist.

Debug: Aber auch größere Agenturen arbeiten doch auch mit Freelancer-Netzwerken. Viele kleinere Agenturen, die ich kenne, arbeiten für Hungerlöhne, um Hamburger Großbuden ihre Wettbewerbspräsentationen zu basteln.

Marko Medja-Blitz: Aber diese Strukturen sind nicht sichtbar. Diese Form von Subunternehmertum wird gekonnt mit falschen Visitenkarten vertuscht. Das ist seit je her Gang und Gebe. Die Agenturen haben diese Netzwerk-Potentiale längst zu Ihrem Vorteil zu nutzen begriffen.

Friede Hand: Ich glaube, kreative Individualität ist in interdisziplinärer Vernetzung ein nicht zu unterschätzender kreativer Motor, der konkrete wirtschaftliche Werte schaffen kann. Gerade in Zeiten einer Informationslage und Marktlage, die auch oft qualitative Gleichschaltung bedeutet. Natürlich muss man heutzutage Kompromisse eingehen, um nicht unterzugehen. Aber mir geht’s nach wie vor ums Prinzip…

Xaver Prest: Prinzipien schützen nicht vor dem Untergang. Mit Prinzipien verdient man kein Geld.

Friede Hand: Ich verbinde mein Netzwerkdenken, dass zugegebenermaßen klar subkulturell geprägt ist, mit Leidenschaft, Mut und Konsequenz in Konzeption und Umsetzung von Gestaltungsaufgaben – dem Suchen, Finden und Gehen neuer bzw. alternativer Wege. Lebensqualität und letztendlich Glück ist mein zentrales Lebens- und Arbeitsziel. Diese Attribute mit Kommerzialität und Wirtschaftlichkeit zu koppeln, fällt im ersten Moment schwer, macht aber Sinn, wenn man bedenkt, dass die Underground-Kultur eine alternative Organisationsform kommerzieller Prozesse ist, die auch hochqualitative Ergebnisse erzielt, solange sie nicht auf Selbstausbeutung fußt. Unbefangenheit nährt Risikobereitschaft. Natürlich lebt nicht jeder Designer von mutigen Underground-Aufträgen, da eine Subkultur keine gesamte Branche ernähren kann und sicherlich oft auf dem schmalen Grad zwischen Selbstausbeutung und Selbstbestimmung lebt. Dennoch ist die Subkultur als kreative Utopie und verdichtete Schnittmenge aus Kompetenzen ein starkes Leitbild, weil Professionalität, Leidenschaft, Kommerz, Authentizität und Glaubwürdigkeit keinen Widerspruch ergeben und nebenbei ein starkes Ziel formulieren: Arbeitsformen in unserer Gesellschaft aufzubrechen, zu verändern, alternativ zu organisieren und kreative Potentiale optimal zu nutzen. Der Berliner Kulturbetrieb fördert auf diese Weise kreative Ergebnisse im Clubkontext zu Tage, die weltweit ihresgleichen suchen.

Xaver Prest: Was ist hier anders als in z.B. Basel? Auf dem noch relativ fruchtbaren subkulturellen Boden müsste doch eigentlich, im Verhältnis gesehen, viel mehr herauskommen.

Debug: Doch, wie bringt man nun das Ganze dazu, Früchte zu tragen. Was ist zu tun, wenn diese Ergebnisse kommerziell nicht greifen.

Otto Schopp: McGyver rufen …

Friede Hand: Ich denke, Berlin hat eine Menge Antrieb. Hat es von je her gehabt. Der Durchhaltewillen hier ist groß, weil diese Stadt eine große Lebensqualität bietet. Es gibt zwar wenig Jobs aber viele Möglichkeiten, die man nutzen kann. Das können natürlich nur diejenigen entsprechend lukrativ nutzen, die die Maschengröße ihres Netzwerkes variieren können und keine Angst vor Rückschlägen haben. Hier findet sich auch mein Hauptargument für meine Netzwerkform. Das Vermögen flexibel, auf sogenannte Krisen, die ja eher evolutionäre Mechanismen sind, reagieren zu können. Viele von uns Unabhängigen gibt es noch, viele Agenturableger nicht mehr. Wir halten mehr aus. Wir können mit wenig Planungssicherheit und Umsatz gut überleben.

Debug: Und diese Zähigkeit schafft Akzeptanz?

Marko Medja-Blitz: Selbstständigkeit muss mehr sein als Überlebenstraining. Das reicht mir persönlich nicht. Mir fehlt die Perspektive.

Otto Schopp: Siehe McGyver. Der Überlebenskünstler überhaupt.

Friede Hand: Es ist ein guter Ansatz.

Xaver Prest: Ich würde gern dran glauben.

Marko Medja-Blitz: Alles Lüge.

Debug: Vielen Dank für das Interview.

(Alle ab, McGyver betritt das Foyer)

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Elektronische Lebensaspekte.