Haben die demokratischen Blogger mit ihrer Konzentration aufs Internet ein Eigentor geschossen? Ist das Internet schuld an Kerrys Wahlniederlage? Janko Röttgers geht den Selbstvorwürfen der amerikanischen Linken nach.
Text: janko roettgers aus De:Bug 89

Bush trotz des Internets

Netzdemokratie nach dem Wahldebakel

Unverhofft kommt oft: Die US-Präsidentschaftswahl im November letzten Jahres sollte eigentlich ein Triumph für die Blogger-Demokratie sein. Mit Herz, Hand und RSS wollten sie Bush aus dem Weißen Haus werfen. Doch dann gewann G.W. mit einem gefühlten Erdrutsch. Seitdem fragen sich viele: Was ist das Netz wirklich wert?
Eigentlich sah alles so gut aus. Tausende von Bloggern hatten Monate gegen Bushs Wiederwahl gekämpft. Gespendet, gebloggt und rumtelefoniert, um die Unentschiedenen zu überzeugen. Die ganze Welt schien gegen Bush zu sein. Oder zumindest das ganze Web. Als sich dann Eminem ein paar Tage vor der Wahl mit seiner Pro-Kerry-Single “Mosh” zu Wort meldete, dachten sich alle: Jetzt ist’s gelaufen. Kerry wird gewinnen. Und zwar mit Abstand.
Die Wahlnacht wurde dann für viele Menschen auf allen Seiten des Atlantiks zur bitteren Stunde der Wahrheit. Den Fernseher voll aufgedreht, das Notebook auf dem Schoß, die interaktive Statitstik mit allen 50 Bundesstaaten als Java-Applet zum Selber-Hochrechnen immer im Augenwinkel – und ein “Swing State“ nach dem anderen entschied sich für Bush. Rot, soweit das Auge blickte.

Demokraten schlapp im Netz
Während sich die großen US-Nachrichtensender mit Ausnahme der konservativen Rabauken von Fox News bis mitten in die Nacht scheuten, den Ausgang der Wahl zu verkünden, ging es Online bereits mit den Schuldzuweisungen los. Die Wahlcomputer waren schuld, ganz klar. Hatte Diebolds Chef nicht ein Jahr zuvor versprochen, sich dafür einsetzen zu wollen, dass Bush in Ohio gewinnt? Und nun sollte ausgerechnet Ohio dafür sorgen, dass Kerry nicht Präsident wurde. Dank Diebolds Wahlcomputern.
Doch nicht jeder Bush-Gegner wollte es sich so leicht machen. Wahlbetrug hin oder her – wie konnte es kommen, dass der erwartete Erdrutsch für Kerry nicht eingetreten war? Schuld daran, befanden einige, sei nicht zuletzt auch das Internet. Oder die Internets, wie Bush die Online-Welt so gerne nennt. Demokraten hätten sich von der dezentralen Struktur der Technologie verführen lassen und im ewigen Selbstdialog verfangen, hieß es bald. Republikaner nutzten das Netz dagegen als simples Tool für eine von oben organisierte Kampagne – und setzten sich damit durch.
Ins gleiche Horn stieß Zach Exley als Chef von Kerrys Netzkampagne im Dezember, als er anlässlich einer Podiumsdiskussion der Havard Law School die Internet-Bemühungen des eigenen Lagers kritisierte. “Der Unterschied zwischen der Linken und den Republikanern ist, dass die Linke mehr daran interessiert war, coole Software-Projekte zu starten“, meinte Exley. “Die Idee war, Leuten Online-Tools zur Verfügung zu stellen.“
Tatsächlich gab es fundamentale Unterschiede zwischen Kerry-nahen Netz-Aktivisten und der Wahlkampfmaschine der Republikaner. Bushs Truppe setzte zwar auch auf Blog-Technologien. Doch anstatt damit Diskussionskulturen aufzunehmen, begriff man Weblogs in erster Linie als eine billige Form des Content Managements. Bushs offizieller Wahlkampf-Blog kam ohne Kommentar-Funktion aus. Anfangs hatte man nicht einmal den Weblog-typischen Link-Stil begriffen. Später setzt die Kampagne dann auch auf RSS und Java-Applets – aber nur, um Informationen nach unten durchzureichen und sympathisierenden Bloggern das Einbinden eines Newsfeeds zu erlauben. Austausch fand nicht statt.
Progressive Demokraten hatten dagegen schon früh die Magie des Aufmerksamkeits-Bloggings entdeckt. Angetrieben vom anfänglichen Erfolg des demokratischen Präsidentschaftsanwärters Howard Dean bastelte sich jeder noch so kleine Ortsverein eine Movable-Type-Plattform. Zentrale Netz-Schnittstellen wie Deans “Blog for America” bewiesen einen ungeahnten Wunsch zum Austausch. Stupide Spenden-Marathons wurden zu Inspirationsquellen mit hunderten von Kommentaren und Millionen von Dollars.

Die Jugend entscheidet keine Wahl
Nachdem Dean dann früh scheiterte, mehrten sich im progressiven Blogger-Lager kritische Stimmen. Hatte man das Netz überschätzt? War man zu sehr in einem fruchtlosen Selbstgespräch verfangen? Hatte man eine Strategie mit einem Tool verwechselt?
Bushs Wahlsieg hat dieser Diskussion nun neuen Atem gegeben. Doch langsam zeichnet sich ab, dass der unbeliebteste Texaner der Welt die Wahl nicht wegen der demokratischen Netz-Nutzung gewonnen hat, sondern trotz ihres Potentials. Beweise gefällig? Bitte sehr: Bush gewann die mehrheitliche Zustimmung aller Altersgruppen – mit Ausnahme der MP3-tauschenden, AIM-chattenden, bloggenden und langsam auch in den USA immer öfter SMS-senden Wähler unter 30, die sich mit einem Abstand von zehn Prozent für Kerry entschieden.
Das Netz erwies sich für die Demokraten zudem als bestes Sparschwein aller Zeiten. Während Bush auf seine Ranger und Pioniere setzte – Leute, die ihm zahllose Spenden über 2000-Dollar-pro-Kopf-Kampagnendinner einbrachten – mutierten die Kleinspender zur treibenden Kraft Kerrys. Unzählige Online-Spendenmarathons machten ihn zum bestfinanzierten demokratischen Kandidaten aller Zeiten. Noch besser wäre es allerdings gewesen, wenn er das Geld denn auch für sinnvolle Dinge ausgegeben hätte. Oder wenigstens überhaupt. Nach der Wahlniederlage wurde bekannt, dass Kerrys Team auf einer Kriegskasse von 45 Millionen saß.
Überhaupt: Kerry. Der gute Mann brauchte anderthalb Jahre, bis er sich endlich mal traute, Bushs Irak-Kriegspolitik offensiv zu kritisieren. Dass Kerry Irak überhaupt so viel Aufmerksamkeit schenkte, liegt nicht zuletzt auch am Netz. Ohne Howard Deans rasanten Aufstieg als bloggender Antikriegs-Kandidat hätte Kerry sich komplett auf so unsexy Themen wie das Staatsdefizit und die Krankenversorgung konzentriert – und wahrscheinlich mit 5 Prozent Abstand verloren.

Trotz allem …
Womit wir bei der letzten wichtigen Erkenntnis des Wahldebakels sind. Es war nämlich gar keins. Oder höchstens ein gefühltes. Ganz so, wie man im Winter gern mal ein paar Kältegrade dazufabuliert, wird den Demokraten in den USA – und damit vor allen Dingen den Netz-Aktivisten, denn die haben schließlich für diesen ganzen führerlosen Schlamassel gesorgt – derzeit ein Erdrutsch-Verlust angedichtet. Gerne auch von eigenen Sympathisanten. Ist ja auch verständlich. Da hofft man sich Bush vier Jahre lang aus dem Weißen Haus, und dann wird er einfach wieder gewählt. Doch bei all dem Selbstmitleid geht unter, dass noch nie zuvor in der Geschichte der USA so viele Leute gegen einen amtierenden Präsidenten gestimmt haben. Woran das Netz auch nicht ganz unschuldig war.
Dummerweise haben eben nur leider noch mehr Menschen für ihn gestimmt. Einer der Gründe liegt darin, dass Republikaner in vielen Bundesstaaten gezielt Volksentscheide auf die Wahlzettel gehievt haben, die auf die Ängste alter, weißer Männer abzielten. Abgestimmt wurde am 2. November eben nicht nur über Bushs zweite Amtszeit, sondern an vielen Orten auch über die Schwulenehe. Oder Sozialleistungen für Einwanderer ohne Papiere. Dass bei diesen Abstimmungen die Republikaner gewonnen haben, dafür gibt es eine ganze Reihe von Gründen. Engstirnigkeit steht sicher ganz weit vorn auf der Liste. RSS eher nicht.

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Elektronische Lebensaspekte.