Alte Theorie für digitale Realität
Text: Mercedes Bunz aus De:Bug 167

Bild: RE:BUG

Wir verstehen die Technik falsch! Dabei hat bereits vor knapp 50 Jahren der Philosoph Gilbert Simondon mit unserer Sichtweise der Technologie grundlegend aufgeräumt. Mercedes Bunz erklärt, warum sein gerade auf Deutsch erschienenes Buch so unerlässlich für den aktuellen Diskurs über das Wissen im Internet ist.
Mit Techniktheorie muss man sich auseinandersetzen, wenn man in diesem Leben etwas werden will. Ganz einfach weil: Technologie ist unsere zweite Natur geworden. Blitzartig ist über unsere Gesellschaft mit der Digitalisierung eine Veränderung hinweggerauscht, die sich mit zwei Jahrzehnten weitaus weniger Zeit als die Industrialisierung gelassen hat, um zum weltweiten Phänomen zu werden. Das hat natürlich tiefgreifend die Begebenheiten verändert, in denen wir uns befinden, und Kulturgeschichte, Gesellschaft und Arbeit müssen komplett neu gedacht werden. Ein Beispiel: Dank des Internets können wir mit einem Male über die Gegenwart genauso viel wissen, wie über die Vergangenheit, denn zum ersten Mal in unserer Geschichte hat die Gegenwart ein Archiv, was quasi heißt: Die Welt ist wieder eine Scheibe. Weil alles immer sichtbar ist, ohne dass je etwas auf einer anderen Seite stattfindet. Was Technologie heute für unsere Gesellschaft und ihre Kulturgeschichte bedeutet, welche Rolle sie für den Menschen spielt und wie wir uns zu ihr verorten, darüber muss man nachdenken. Und das vorliegende Buch von Gilbert Simondon ist hierbei ein exzellenter Verbündeter, hat es doch schon den französischen Philosophen Gilles Deleuze inspiriert. Jetzt endlich ist “Die Existenzweise der technischen Objekte” bei Diaphanes auf Deutsch erschie- nen, sorgsam von Michael Cuntz übersetzt.

Gestörtes Verhältnis
Auf der Suche nach Orientierung mussten ich und mein holpriges Französisch sich für mein eigenes Buch noch durch das Original pirschen, trotzdem war der Band ein unerlässlicher Bezug, rückt er doch den Blick auf Technik gerade. Denn obwohl Gilbert Simondon zu einer Zeit über Technik nachgedacht hat, 1958, als es noch kein Internet, sondern vor allem Autos und Telefone gab, ist das Buch jeden seiner 34.90 Euro wert. In der Tat gibt es wenige Bücher, deren Lektüre man aufgeweckten Menschen dringender ans Herz bzw. vor den Verstand legen möchte, denn es stellt folgende grundlegend wichtige Frage: Welche Rolle schreiben wir Technologie zu? Wie sehen wir ihre Existenz? Denn wie wir Technik verstehen, bestimmt immer mit, was wir von ihr erwarten, zu was wir sie nutzen und wie wir sie gestalten. Und da sind wir vor allem in Europa gerade nicht so gut darin. (Wird aber!) Das Internet haben wir beispielsweise lange nur als “New Economy” adressiert. Dass es Kultur und Bildung, Verwaltung und Politik, sowie den öffentlichen Raum umgestaltet, haben wir unter den Tisch fallen lassen. Erst langsam entwickeln wir heute dafür Visionen. Zu unserem Glück hat uns das Internet das verziehen: Obwohl der Diskurs es maßgeblich als Wirtschaftsstandort verstanden hat, sind dank Medium und einiger unermüdlicher Menschen Wikipedia und andere Formen der Zusammenarbeit entstanden, genauso wie Medienaktivismus und Liquid Democracy. Wir haben unser eigenes Kind unterschätzt. Auch daran sieht man: Unsere Beziehung zu Technologie ist hochgradig gestört, vor allem in Deutschland, der Hochburg der Kulturpessimisten.

Mensch-Maschine
Simondon schreibt, wir nehmen der Technologie gegenüber die Position eines Menschen ein, der sich von primitivem Fremdenhass mitreißen lässt, und das stimmt heute mehr denn je. Interessanterweise war das aber eben schon zu Simondons Zeiten so. Gesund sein kann das nicht, das muss man ändern. Sein Buch hilft hier unser Verhältnis zur Technik zu klären, es ist quasi die dringend anstehende Therapiesitzung, damit unsere Gesellschaften endlich lernen, ihre Beziehung zu Technologie gesünder zuhandhaben. Dafür zeigt er auf, wie wir historisch Technik als das Andere des Menschen und der Kultur begreifen, und dass das kei- ne gute Idee ist. Er geht von einer Evolution der Technik aus, weist dabei die Idee einer menschlichen Herrschaft über die Maschinen zurück und schreibt anstelle dessen dem Menschen die Rolle des Zeugen zu, der das Ensemble der Maschinen beaufsichtigt. Schon lange bevor wir den Begriff der “Digital Natives” erfanden, bestimmt er den Unterschied zwischen dem Erlernen einer Technologie im Kindesalter und der Aneignung technologischen Wissens als reflektierte Bewusstwerdung. Und lange vor Google stellt er fest, dass eine beiden Gedächtnissen gemeinsame Kodierung gefunden werden muss, um eine neue Synergie des Wissens zu ermöglichen. Ihr seht, man muss ihn gelesen haben.

Technologie spielt in unserer Gesellschaft eine wichtige Rolle, und unser ständiges Schielen nach dem nächsten großen Ding lenkt uns oft davon ab,dass sich mit ihr die Grundlagen unserer Gesellschaft in einer weitaus fundamentaleren Dimension verschieben. Wir leben in einer Zeit, in der sich der technische Diskurs seltsam verkeilt hat und die Menschen unschön in die Zange nimmt. Was gar nicht stimmt. Solange wir das Gefühl haben, die Technologie treibt uns in die Enge, und nicht die Logik, die ihr aufoktroyiert wird, ist in unserer Gesellschaft etwas falsch. Das revolutionäre Potential der Technologie bleibt so verstellt. Der italienische Theoretiker Paolo Virno hat das begriffen, und schon 2006 in einem Interview in Radical Philosophy betont: Simondons Buch gibt Anleitung zum Aufräumen. Bitte lesen!

Gilbert Simondon, “Die Existenzweise technischer Objekte” wurde übersetzt von Michael Cuntz und erschien auf Diaphenes.

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Elektronische Lebensaspekte.

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