Fuck Writing, It's over!
Text: Timo Feldhaus aus De:Bug 167

Bild: David Velasco

Kenneth Goldsmith ist Experte auf dem Gebiet des unkreativen Schreibens, einem hierzulande noch fast unbekannten Phänomen, das den digitalen Shift auch für den geschriebenen Text ernst nimmt.

Der 1961 bei New York geborene Goldsmith war früher Bildhauer, wurde dann Dichter und schuf 1996 mit UbuWeb die wohl wichtigste Quelle für Avantgarde-Kunst im Internet. Soundart-, Video- und Textarbeiten kann man dort einstellen und frei nutzen. Seine publizierten Bücher sind gewissermaßen revolutionär, da sie beständig Prinzipien der Konzeptkunst auf die Literatur übertragen: in einem steht exakt das, was er innerhalb einer Woche gesagt hat (“Soliloquy”, 2001), in einem anderen transkribiert Goldsmith Wetterberichte (“The Weather”, 2005) oder er schreibt einfach den vollständigen Inhalt einer Ausgabe der New York Times zwischen zwei Buchdeckel (“Day”, 2003). Goldsmith sagt selbst, es wären die langweiligsten Bücher der Welt. Im letzten Jahr erschien seine Essaysammlung “Uncreative Writing: Managing Language in a Digital Age”. Nun, wo digitale Technologien und Entwicklungen im Netz so langsam auch den behäbigen Literaturbetrieb dynamisieren, bekommt das Wort dieses Vordenkers Gewicht. Am Rande eines Think Tanks zur “neuen Literatur” in Berlin konnten wir mit ihm sprechen. Goldsmith trägt zum Nadelstreifenanzug neongelbe Running-Sneaker.

DE:BUG: Bei der Veranstaltung “Litflow” diskutierten Sie gestern mit Larry Birnbaum. Der hat eine Software ent- wickelt, die in einer Viertelsekunde sportjournalistische Artikel verfasst, die sich von denen professioneller Sportreporter nicht mehr unterscheiden. Finden Sie das inspirierend?
Kenneth Goldsmith: Es ist fantastisch, wie das System aus Statistiken und Zahlen Verben, Adjektive und Sätze formt. Aber Larry versteht das nur als ein unschuldiges Tool. Künstler überlegen, wie sie damit etwas Falsches anstellen können.

DE:BUG: Das Tool kommt Ihrer Idee von zeitgerechter Literatur recht nahe, oder?
Kenneth: Absolut. Ich bin sogar ein bisschen neidisch auf diese generierte Art des Schreibens. Es hat mich aber auch gefreut, Larry bei unserem Gespräch eine Reihe von Literatur zu zeigen, die genau so gemacht ist wie die journalistischen Beiträge seines Systems.

DE:BUG: Leider erkennt sein System die Einsamkeit und Melancholie des modernen Sportlers nicht.
Kenneth: Die interessiert ihn auch gar nicht. Nur die reine Erzählung von dem Ereignis und wie es passiert ist. Und mich interessiert das auch nicht.

DE:BUG: Was interessiert Sie außerdem nicht? Gefühle, richtig?
Kenneth: Ich bin schon an Gefühlen interessiert, solange es nicht meine sind. Ich bin an Ihren Gefühlen interessiert und daran, sie als meine eigenen auszugeben.

DE:BUG: Als Professor für kreatives Schreiben – was raten Sie Ihren jungen Schülern?
Kenneth: Ich bin Lehrer für unkreatives Schreiben. Wir versuchen wie Maschinen zu schreiben. Mechanischer, wie ein Roboter.

DE:BUG: Aber wie soll denn das gehen?
Kenneth: Die Studenten müssen lernen zu kopieren. Natürlich nur mit dem Computer, ein Stift ist viel zu expressiv und persönlich. Mich interessiert die Codeness des Computers. Zum Beispiel gebe ich ihnen auf, einen Radiobeitrag zu transkribieren, der sollte so langweilig sein wie möglich. Das Tolle ist ja, dass zwei Leute nie dieselben Ergebnisse liefern. Wenn ein Mensch eine Pause macht, setzen einige ein Komma, andere einen langen Gedankenstrich oder machen einen Absatz. Manche lassen die “ääähhs” und “ooohs” drin, andere weg. Am Ende hast du 15 unterschiedliche Ideen von einem Text. Ansonsten müssen sie lernen, die Emotionen anderer Menschen als die ihren auszugeben und diese auch zu verteidigen. Verkaufe Liebesbriefe anderer Leute als deine eigenen. Lügen, Stehlen, Betrügen – wird das in Deutschland nicht angeboten?

DE:BUG: Nein, wir haben nur die junge Schriftstellerin Helene Hegemann, alleine an der Kopierer-Front.
Kenneth: Die Studenten wissen immer recht schnell, wie das alles geht, denn sie machen eh nichts anderes. Aber sie denken nicht darüber nach. Es geht ja um das Bewusstsein des Plagiats als Akt.

DE:BUG: Lesen Sie persönlich eigentlich gerne langweilige Texte?
Kenneth: Nein. Die Dinge, die ich oder meine Studenten schreiben, sollte man besser nicht lesen. Es sind die schrecklichsten Bücher dieser Welt. Aber es ist gut, über sie zu sprechen. Ich sage immer, ich habe keine Readership, sondern eine “Thinkership”. Ich interessiere mich für die Ideen hinter Büchern. Die Energie oder auch den Gossip, der um es herumschwirrt. Heute geht es darum, Informationen zu verschieben, eine neue Bedingung der Digitalkultur, der sich auch die Literatur stellen muss. Wir bewegen uns vom Schreiben weg, hin zur Verteilung: Die Kultur des Re- Tweeting, Re-Blogging, Re-Posting, Re-Mixing. Writing? Fuck writing, its over.

DE:BUG: Das Copy&Paste-Prinzip, das Sie beschreiben, hat ja in der bildenden Kunst, etwa Pop Art, und in der Musik, etwa HipHop, sehr gut funktioniert. Warum wohl hatte es in der Literatur bisher keinen Erfolg?
Kenneth: Die Leute haben große Angst um ihre Sprache. Da verstehen sie keinen Spaß, denn es ist das grundlegende Tool, um miteinander zu kommunizieren. Vielleicht würden wir uns irgendwann nicht mehr verstehen. Oder könnten keine Geschäfte mehr zusammen machen!

DE:BUG: In unserer Welt geht es ständig um Innovationen und um Kreativität. Was Sie vorschlagen, sind ja nur Gesten. Sie können doch auf das Prinzip Neuheit nicht verzichten wollen.
Kenneth: Aber es stimmt nie. Neue Bücher sind nie neue Bücher. Schauen Sie doch die Romane an, die die Preise gewinnen und erfolgreich sind – es sind allesamt bestimmte Variationen von menschlichen Themen. Das ist nicht besonders kreativ, sondern extrem formalistisch, wird aber weiterhin als kreatives Schreiben verkauft.

DE:BUG: Wissen Sie, warum das so ist: Weil der Leser einen schwitzenden, weinenden Autor haben möchte, der ihm aus seinem trostlosen Kellerloch ein Stück wahres Leben hervorbringt, das ihn fast sein Leben gekostet hat.
Kenneth: Und ich finde, das ist geschmackloser Humanismus. Es geht davon aus, es gäbe nur ein paar wenige Erzählungen, denen wir folgen – dieselben Geschichten bringen uns alle zum Weinen, dieselben Geschichten machen unser Herz tanzen – das stimmt aber nicht. Multikulturalismus ist ein interessanter Gedanke, weil er kulturelle Vielfalt ins Zentrum stellt – es ist nicht jeder derselbe, es fühlt nicht jeder in der selben Art und Weise, jede Kultur generiert andere Emotionen und Reaktionen. Die Erzählung, oder auch der Hollywoodfilm will uns alle auf die selbe Art fühlen lassen.

DE:BUG: Statt dessen schlagen Sie das Modell “Skimming”, das Überfliegen von Texten vor.
Kenneth: Die ganze Sprache, die den Tag über an unseren Augen vorüber rauscht – niemand kann das alles lesen. Wir sind deshalb sehr gute Skimmer geworden. Nur noch Überschriften, nur noch das Wesentliche. Wir sind extrem gut darin, besser denn je, ganz schnell das Wichtigste eines Artikels,eines Textes herauszufiltern und zu erkennen. Das ist das neue Lesen – eben nicht zu lesen.

DE:BUG: Ich sehe schon die Beschwerden der Eltern vor mir: Die Kinder können sich nicht mehr konzentrieren und drei zusammenhängende Sätze hintereinander sagen ohne auf ein Telefondisplay zu schauen.
Kenneth: Richtig. Dabei handelt es sich doch um eine völlig neue Fähigkeit. Die Eltern beschweren sich, weil sie nicht skimmen können. Was ist denn so schlimm daran, dass sie nicht mehr lesen können? Sie bekommen eine Idee, und gehen zum nächsten über. Das ist die zeitgenössische Art zu lernen, zu lesen und zu leben.

DE:BUG: Mögen Sie eigentlich David Foster Wallace?
Kenneth: Ich finde ihn zu konventionell. Der Roman war ein tolles Format für das 19. Jahrhundert. Die Idee der modernistischen Literatur ist doch gescheitert. Niemand liest mehr James Joyce. “Ulysses” vielleicht, zugegeben, für eine Minute. Ich würde sogar noch weiter gehen: Joyce’ Reaktion war keine authentische auf seine Zeit. Daher hat auch seine Art zu schreiben nichts grundsätzlich an der Art zu schreiben verändert. Jetzt kannst du Besitz ergreifen, eingreifen, verändern, kopieren – jetzt verändert sich etwas. Ist es nicht logisch, davon auszugehen, dass sich das Schreiben mit diesen neuen Schreibtechniken und Maschinen grundlegend ändert? Es geht um die rechte Form zur rechten Zeit. Ich liebe die Romane von Zola oder Henry James, sie sind perfekt. Genau wie Andy Warhol perfekt für seine Zeit war. Hätte er seine revolutionären Ideen in den 1930ern entwickelt, es hätte kaum Sinn gemacht.

DE:BUG: Aber was ist der richtige Ausdruck unserer Zeit? Dass wir nun alle Schreiber sind? Dass es heute kein Genie mehr gibt?
Kenneth: Nein, nicht jeder kann gleich gut schreiben. Der die Informationen am besten erfassen, strukturieren und managen kann, ist der beste Schreiber. Die besten Blogs sind die, die die interessantesten Dinge auswählen und zusammenfügen. Niemand will im Blog etwas lesen.

DE:BUG: In der Kunst gibt es seit einiger Zeit den Diskurs, dass nicht der Künstler, sondern der Kurator – derjenige der auswählt, thematisch organisiert und bündelt – der wesentlichere Akteur ist.
Kenneth: Exakt. Der DJ ist auch der bessere Musiker. Es geht darum, die besten Dinge zu finden und am intelligentesten zusammenzufügen. Und es gibt bekanntlich immer noch gute und schlechte DJs, nicht wahr?

DE:BUg:Sie bedienen sich ganz schlicht einer weithin bekannten Definition der Postmoderne.
Ich glaube nicht, dass Postmodernismus ein relevanter Term ist. Es klingt, als wäre damit die Verlängerung der Moderne gemeint, als hätte die Moderne irgendwann geendet. Wir hatten Modernismus und nun haben wir Digital, that’s it. Mit dem Digitalen verändert sich alles. Ein Beispiel aus der Kunstgeschichte: Der Pinselstrich des französischen Impressionismus wurde so weich und verwischt, weil die Fotokamera so ein fokussiertes scharfes Bild herstellen konnte. Mit der Erfindung der Fotokamera endete deswegen nicht die Malerei, sondern als Reaktion darauf begann die “moderne” Malerei. Seitdem hat sie eine neue Mission: etwas zu sein, was das Kameraauge nicht ist. So wurde Malerei selbst-bewusst und die Abstraktion entstand – eine neue Fähigkeit, ein neuer Stil.

»Was ich schreibe, sollte man besser nicht lesen. Es sind die schrecklichsten Bücher der Welt.«

DE:BUG: Es gab für die Literatur aber nie etwas Vergleichbares. Deswegen funktioniert der Roman auch noch immer und deswegen kenne ich auch kein einziges Buch, das diese neue Art der Literatur, von der Sie sprechen, so schlagend durchführt wie ein gutes HipHop-Stück oder ein abstraktes Bild. Sie haben kein überzeugendes Buch zur Theorie, man!
Kenneth: Nur weil der “Spiegel” nicht darüber geschrieben hat, heißt das nicht, dass es noch nicht passiert ist. Ihr Problem ist, dass Sie Sachen wie Craig Dworkins “Parse” oder Vanessa Places “Statement of Fact” nicht kennen. Marjorie Perloff, eine der wichtigsten Literaturkritikerinnen der USA hat letztes Jahr ein Buch geschrieben “Unoriginal Genius”, in dem es genau darum geht. Sie wollen gute Beispiele? Dann lesen Sie Christian Böks “Eunoia”, Derek Beaulieus “Flatland” oder Robert Fittermans “Metropolis XXX: The Decline and Fall of the Roman Empire”. Es gibt Autoren, die haben 1000 Bücher publiziert nur mit YouTube Kommentaren – fantastisch! Oder sie durchforsten Facebook anhand Data Scraping, um aus dem Material automatisch Gedichte zu konstruieren. Und das meiste davon ist in Bücher gedruckt, aber es ist ganz anders aufgebaut und von ganz anderem Inhalt als alle Bücher zuvor.

DE:BUG: Sind Ihre Kollegen eigentlich cool mit Ihnen?
Kenneth: Ja, die finden das okay. Ich lehre Plagiatismus, ich lehre zu stehlen.
DE:BUG: Aber kann das nicht jeder, stehlen?
Kenneth: Nein, es gibt viele Fragen, die du in deinem Examen beantworten musst. Was stiehlst du? Warum tust du es? Und wie gehst du vor? Und wo finde ich genau das, was ich sagen will? Das ist eigentlich sogar sehr schwierig.

DE:BUG: Sicher auch eine Frage von Belang: Ist das eigentlich legal oder illegal?
Kenneth: Das ist die am wenigsten wichtige Frage. Die Frage gibt es eigentlich gar nicht in meinem Unterricht. In meinem Klassenzimmer ist alles erlaubt.
DE:BUG: Wir fangen lieber gar nicht erst an über Copyright zu sprechen.
Kenneth: Sie können mich alles darüber fragen, aber ich lebe in einer Utopie, in der alles allen gehört und das Urheberrecht nicht existiert. UbuWeb, da gibt es kein Copyright, meine Bücher sind nicht geschützt, alles ist frei.

DE:BUG:Nur der Form halber: Sie wissen ja, wenn alles frei ist, dann wird auch niemand bezahlt.
Kenneth: Dichter werden sowieso nicht bezahlt. Also was macht es? Drei Schreiber werden bezahlt, drei Millionen andere müssen ihr Geld durch andere Arbeit verdienen. Vielleicht werden Dichter hier in Europa bezahlt, in den USA nicht – aber wen interessiert das auch.
DE:BUG: Nur Jonathan Franzen, der wird gut bezahlt.
Kenneth: Jonathan Franzen ist Amerikas bester Schriftsteller – der 1950er Jahre. Das ist überhaupt nicht relevant.
De:BUG: Sind Sie eigentlich Zyniker?
Kenneth: Nein, ich bin sehr optimistisch. Ich glaube, wir leben in aufregenden, tollen Zeiten, in denen sich sehr schnell ein wirklich großer Wandel vollzieht. Ich glaube nur an das Zeitgemäße. Ich bin ausschließlich daran interessiert, die Zeit auszudrücken, in der ich lebe. Das ist der einzige Job des Künstlers.
DE:BUG: Sie waren kürzlich zu einem Poesie-Workshop im Weißen Haus eingeladen, haben Sie dort auch die Literatur-ist-tot-Show abgezogen?
Kenneth: Ich habe dasselbe erzählt wie heute und Michelle hat gesagt: “Yeah man, that’s the future!'”