Von digitaler Demenz zum halbwegs Sozialen
Text: Sascha Kösch

Bild: RE:BUG

Seit ein paar Jahren gibt es einen frischen Mythos für die scheinbar alles entscheidende Frage: Wie gehen wir mit Technologie um und wie die Technologie mit uns? Die Antworten schallen uns nun mehr oder weniger gehaltvoll auch von den Bestseller-Listen entgegen. Wir deep-readen den hirnlosen Schinken “Digitale Demenz” und das “Das halbwegs Soziale” von Gerd Lovink.

Die Evolution frisst ihre Kinder wie Zombies. Und das mit einem exquisiten Geschmack für Hirn und einer Prise Neurowissenschaft als Zuckerguss. Eine Hilflosigkeit gegenüber den radikalen Veränderungen unserer Zeit bauscht Holzhammer-Lösungen auf, die den Untergang des Abendlandes aus dem Netz heraufbeschwören. Und selbst auf der Gegenseite, beim Ringen um eine neue Netztheorie, scheinen wir uns eher in einem Hallraum aus Fragen, Fragwürdigkeiten und Unhinterfragtem zu befinden, als uns mit unserer technologischen Zukunft anfreunden zu können. Wir werfen einen Blick auf zwei exemplarische Publikationen an beiden Enden des Spektrums – universitär fortschrittliche Medientheorie und populärwissenschaftliche Neuropsychologie – um einen Ausweg aus dem Netzgewusel zu finden.

Todschlagargumente für zuchtvolles Verhalten
“Digitale Demenz” von Manfred Spitzer ist die Spitze des Neurogeblabbers der letzten Jahre. Seit einer Weile auf den Bestseller-Listen der “Sachbücher”, erfüllt es offensichtlich ein tiefes Bedürfnis unserer Gesellschaft nach einer längst überfälligen Einsicht in unsere Zukunft unter den Bedingungen der vernetzten Welt. Es scheint Fragen zu beantworten, die brennen, zunächst aber mal befriedigt es – wie jede warme Suppe gebraut aus Pseudowissenschaftlichkeit – ein ganz anderes Bedürfnis. Eltern netzaffiner Ja-Sager, die sich ständig auf Facebook rumtreiben oder ähnlich undurchsichtige Dinge an Computer oder Handy tun, gibt “Digitale Demenz” ein Kompendium von Allgemeinplätzen an die Hand, das am digitalen Küchentisch mittels “wissenschaftlich” unterfütterter Todschlagargumente für zuchtvolles Verhalten sorgen soll. Wir sind hier nicht weit entfernt vom Modus von Sprüchen wie: “Wichsen macht blind.” Sehnsucht nach Zucht und Ordnung, Kulturpessimismus, generelles Unwissen der Durchschnitts-Gesellschaft über die Neurologie (ach, sagen wir ruhig über die meisten komplexeren Wissenschaften) fungieren als großer erbaulicher Schwamm, der die Tränen über steigenden Bezugsverlust auffangen kann und Knüppel in die Hand der Aufsichtspersonen über den vermeintlichen Sittenverfall legt. Und all das wäre nicht weiter der Rede wert, wenn diese merkwürdige Mischung nicht längst zu einer Mainstream-Kritik am Netz geworden wäre, die selbst Intellektuelle erfasst und in ihrem Bodensatz auch die kritischeren Positionen mitreißt. Den Anfang machte (und macht übrigens auch in der Einleitung von “Digitale Demenz”) Nicholas Carr mit seinem 2008 als Coverstory des The Atlantic Magazins erschienenen Artikels “Is Google Making Us Stupid?”. Genau dieser Artikel bringt auch die drei Grundzüge und Grundwidersprüche aller folgenden Bücher dieser Art auf den Punkt. Es geht um zappendes Lesen im Netz versus tiefergehende Lektüre in Büchern, Deep Reading vs. Googlen sozusagen. Den möglichen Zusammenhang dieser Verhaltensweisen mit dem Phänomen der neuronalen Plastizität (Hirn schreibt sich seine Struktur in Abhängigkeit von Verhalten und Nutzung selbsttätig neu) und einer generellen Reizüberflutung durch “Wissen”, von der man in solchen Artikeln und Büchern übrigens immer erstaunlich wenig spürt. Während Carr die Frage, ob uns Google dumm macht, letztendlich nicht anders beantwortet, als tendenziös zwischen den Zeilen “aber hallo” zu sagen, reicht schon der Titel allein als Steilvorlage für jeden, der eine Breitseite auf die Errungenschaften neuer Technologien für den Wissenserwerb abfeuern möchte.

Computer an – Hirn aus
Bei Spitzer ist keine Frage mehr offen. Internet macht süchtig, Computer machen dumm, einsam, lernunfähig, schlimmer noch, sie verändern unser Gehirn so, dass möglicherweise sogar unsere Evolution gefährdet ist, da hilft auch kein Deckmäntelchen gelegentlich geäußerter Aussagen wie: “Nein, ich bin kein Technikfeind”. In ein paar Jahrzehnten werden die Kinder von heute laut Spitzer rufen: “Was habt ihr mit uns angestellt”? Vorausgesetzt sie können eine solche Frage überhaupt noch artikulieren. Auf der anderen Seite sitzen – ein Argument, das im Kapitalismus immer für alles herhalten kann – Firmen, die mit all diesen Dingen nicht Fortschritt, sondern einfach an unser Geld wollen. Die urkapitalistischen Ängste werden ausgiebigst bedient, von Kapitalismuskritik ist allerdings sonst nichts zu spüren. Unterfüttert wird all das mit immer höchst zweifelhaften oder zweideutigen Studien, Anekdoten aus dem endlosen Fundus dessen, was alles im Umgang mit Technologien falsch laufen kann. Zusammengenäht wird es mit vermuteten Positionen im Hippocampus, die z.B. der Ort unserer hirneigenen Map-Apps sind. Und dann lässt Spitzer das alles gegen die auf jeder Seite inszenierte Angst-vor-allem-Wand fahren und kolportiert nebenher die Mär vom ausgelagerten Gehirn, das unser echtes Hirn verkümmern lässt. Ähnlich wie beim Lesen von Digitaler Demenz. Einem kritischen Leser bleibt eigentlich nur, sich über gelegentliche Skurrilitäten zu amüsieren – wie Spitzers Antwort auf die Frage eines imaginierten Lesers, ob es das Phänomen “Digitale Demenz” denn wirklich gäbe, die von ihm ernsthaft damit bejaht wird, dass Google tausende Seiten zu dem Stichwort ausspuckt.
Wer sich die Mühe machen möchte, einen Blick in die Möglichkeiten der Neurologie zu werfen (Achtung, komplexe Wissenschaft erfordert viel Konzentration und ein paar Jahre Aneignung von ziemlich brutalem Wissen), um all die vermuteten Aussagen überhaupt treffen zu können, wird halbwegs schnell feststellen, dass es für jeden Neurologen, der bereit ist solche Vereinfachungen zu äußern, auch eine Handvoll gibt, die laut Vorsicht rufen. Es wird nicht nur auf die möglichen Gelder hingewiesen, die mit solchen Positionen abgerufen werden sollen, oftmals wird auch glatt das Gegenteil dessen behauptet, was unter Umständen ebenso falsch sein könnte. Technologie hui, Technologie pfui scheint demnach eher eine Frage der persönlichen Einstellung des Wissenschaftlers zu sein als eines der fundierten wissenschaftlichen Ergebnisse. Wir leben in einer Zeit, in der das Gehirn nicht nur im Alltag ständig mit Metaphern aus der Computerindustrie belastet wird, sondern auch die Wissenschaft, nicht zuletzt aus Gründen der Vermittelbarkeit ihrer selbst, auf eben diese Metaphern zurückgreift. Manchmal verwässern diese Grundannahmen (Hirn gleich Speicher, Hirn gleich Prozessor, Hirn gleich Multitasking) sogar von Beginn an den Versuchsaufbau. Wenn es dann noch zum bruchlosen Übergang zu Fragen der Ethik, der Soziologie oder gar einer selbstbestimmten Evolution kommt, wird das notgedrungen völlig konfuses Gewäsch, das in seiner Ausprägung und seinen inneren Widersprüchen oft nicht weit entfernt ist von ähnlich agierenden älteren Mythen wie Religion, Selfmarketing-Kursen oder sonstigen kultischen Verhaltensweisen, mit denen wir uns die Zeit vertreiben.

Im Theorieloch der Vernetzungskultur
Wir leben in einer Gesellschaft, die sich vielleicht notgedrungen immer neue Hirnbilder schafft, die Antworten auf unsere brennenden Fragen im Umgang mit der explodierenden Technizität unserer Lebensweise geben soll. Nur in seltenen Fällen jedoch – jetzt nähern wir uns Gerd Lovinks gerade erschienenem Buch “Das halbwegs Soziale” – versucht jemand von der Seite der Humanwissenschaften aus, eine eigene Netztheorie zu entwickeln, die eben diese Aufgabe übernehmen könnte.
Gerd Lovink gilt als einer der beständigsten Netzkritiker (bitte verwechselt das auf keinen Fall mit, um Spitzer Recht zu geben, Leuten, die das Netz Scheiße finden), und fordert in seinem neuen Buch eine neue Konzentration der Universitäten auf Netzkritik als wissenschaftliche Basis und überfällig notwendige Grundlage für unsere Gesellschaft. Diese scheint notwendig, um in allen Fragen, die durch unseren Umgang mit Netztechnologie aufgeworfen werden, überhaupt eine Antwort liefern zu können. Das Buch postuliert einen institutionellen Mangel der Humanwissenschaften, eine Art Theorieloch im Umgang mit den technischen Gegebenheiten der Vernetzungskultur, kritisiert die institutionelle Subsumierung der wenigen Ansätze unter Medienwissenschaften, aber auch er muss sich mit Carr und den Folgen auseinandersetzen, mit den Folgen einer extremen Beschleunigung der Internetphänomene und den unterfinanziert hinterherhinkenden theoretisch-kritischen Grundlagen.

“Das halbwegs Soziale” untersucht verschiedenste Teilbereiche neuer Netzkultur weit jenseits des Abfeierns
in einerseits prägnanten Essays und einer Grundstimmung der Kritik, deren Notwendigkeit einleuchtet. Während er dabei allerdings in Bausch und Bogen Vornetz-Kritik und -Theorieansätze aus soziologischer Provenienz (Latour, Baudrillard), Cultural Studies Erbe, ja selbst philosophischer Herkunft (Deleuze etc.) zugunsten des Projekts einer eigenen Wissenschaft der Netzkritik verwirft, für die er allerdings im Verlauf des Buches erstaunlich wenig an Methodologie oder gar Handwerkszeug liefert, und einen damit auf den etwas bodenlosen Weg einer wissenschaftlichen Betrachtung des Netzes schickt – begeht er einen Kardinalfehler, den er mit Internetkritikern der banalsten Variante teilt. Das Internet sei ein ganz neues Phänomen, das eine ganz neue Form sozialen Umgangs verursacht, mit seinen Folgephänomenen eigener Krankheiten, körperlicher Unzulänglichkeiten etc.

Informationsdichtung
Die großen Topics hier: Multitasking, Informationsüberflutung, Echtzeitzwang (Mithalten mit der technologischen Beschleunigung vermischt mit Aktualitätszwang). Multitasking gehört dieser oben
angesprochenen Generation von sozio-ethisch-psychischen Hirnbegriffen an, die ihre Begrifflichkeit unhinterfragt aus der Computerterminologie übernehmen. Statt die Vielschichtigkeit dieses Begriffs in situativen Kontexten (moderne Arbeitswelt, neuronale Netzwerke, in denen sich seit Jahren die Informatiker die Köpfe einschlagen, um von anderer Seite das Hirn mit seinen sagenumwobenen Multitaskingfähigkeiten bestmöglich zu emulieren, oder schlicht Softwaregrundlagen) zu untersuchen, wird auch hier bruchlos aus eigener Erfahrung eine Bedrohung der Tiefe projiziert. Ungeachtet der Tatsache, dass aus eben solcher Erfahrung des alltäglichen Lebens klar werden könnte, dass ein Mensch ohne Multitasking (im metaphorischen, breiten Sinn) selbst im Vornetzzeitalter keinen Schritt vor den anderen setzen konnte, geschweige denn in komplexeren Gesellschaften oder gar hochtechnischen Gerätschaften wie einem Auto klarkommen würde. Was genau Multitasking als Phänomen, nicht als Symptom, eigentlich wäre, bleibt dunkel. Und während der technologische Fortschritt sich Stück für Stück die Zähne daran ausbeißt, der Natur nebst menschlicher Sensorik halbwegs nahe zu kommen (4K oder Retina-Displays, Audiofortschritte und ähnliches sind da überdeutliche Hinweise), wird eine Informationsüberflutung mit all ihren Problemen als gegeben hingenommen, anstatt sie differenziert zu untersuchen. Selbst wenn wir wissen, dass z.B. Schrift (eines der Hauptkonsumfeatures im Netz) massive Informationsreduktion mit ihrer ganz eigenen problematischen Beziehung zur Realität und ihren Mythen ist, und ein Video oder Bild im Netz dem real Erblickten nicht mal halbwegs nahekommen, wenn es um Informationsdichte geht. Wenn man nur daran denkt, wie viele Farben ein LCD- Bildschirm nicht darstellen kann, die für das Auge alles andere als ein Verarbeitungs-problem in ihrer Überfülle darstellen, wird einem schon schwindelig.
Und selbst die Echtzeit-Problematik, die an so vielen Stellen für Lovink die Grundlage seines Unbehagens ist, scheint uns oft genug eher ein Problem bereitwillig applizierter aber gelegentlich unstimmiger Metaphern zu sein.
Metaphern, die uns von allen Seiten suggerieren, dass wir – wenn es um die Frage der Netzkritik, unseres Verhaltens im Umgang mit neuer Technologie, neuem Wissen und allen anhängigen Problemen geht – in einem Zeitalter leben, in dem noch lange nicht ein neues Wissen, geschweige denn eine neue Theorie in Sicht ist, die uns weiterhelfen wird. Stattdessen befinden wir uns eher in einer Phase, in der wir mit Memes aufräumen müssen, die unsere Diskussion ebenso weitgehend bestimmen, wie es früher die Allgemeinplätze und Slogans taten, selbst wenn diese Memes neuen Gesetzen folgen.

Manfred Spitzer, Digitale Demenz, ist bei Droemer erschienen.

Geert Lovink, Das halbwegs Soziale: Eine Kritik der Vernetzungskultur, ist bei Transcript erschienen.