Wo der Wurm drin ist, da kann nur noch ein gutes Image helfen. Über die Strategien der Verdammung des Netzes und seiner Hacker nebst Anarchie usw. und die mühsamen Versuche das ganze mit Vorurteilen keim- wenn schon nicht bug-frei zu bekommen.
Text: Tjoss May aus De:Bug 37

/überwachen & strafen Das Virus Dein Freund und Helfer Viren können aus verschiedenen Gründen ganz schön gute Partner sein. Denn wo es Viren gibt, da gibt es mit Sicherheit auch die Leute, die sich die Viren ausdenken und irgendwann in Umlauf setzen. Und dann gibt es die Menschen, die die Viren bekommen, und so entsteht viel Schaden, z.B. bis über die Milliardenhöhe. So was kann zum Aufhänger werden und Aufhänger kann man immer brauchen. Im Grunde sind Aufhänger sogar noch besser als die Viren, denn sie sind leichter zu programmieren und müssen auch nicht so logisch sein. Prinzipiell lässt sich jeder Aufhänger auch dann nutzen, wenn das dazugehörige Virus gar nicht existiert, oder aber der Schaden doch nicht so gross ausfällt, wie man sich das im Vorfeld ausgerechnet hat. Aber das ist dann natürlich auch vollkommen in Ordnung. Trotzdem ist’s natürlich besser, wenn sich das Virus mit dem Aufhänger abspricht. Wenn es sehr schnell sehr viele Menschen erreicht, die Milliardenbedingung erfüllt und vor allem, wenn es dann kommt, wenn man sehr, sehr dringend einen Aufhänger braucht. So ein Virus gab es zwar noch nicht, aber es gab etwas Ähnliches, und das war dann auch ein ganz schön guter Partner. Schon lange geplant war die im Mai stattfindende dreitägige UN-Konferenz. Ihr Hauptanliegen formulierte sich in etwa so: Schaffung eines globalen Rechtshilfe-Abkommens mit dem Ziel, endlich Herr der ‘organisierten Kriminalität’ im Internet zu werden. Oder am besten gleich Herr über das Internet selbst zu werden. ‘Überwachung’ gehört zwar nicht unbedingt zu den populärsten Worten, aber es klingt schon nicht mehr ganz so schlimm, wenn man ein digitales Schreckgespenst zum Sprechen bringen und sich von ihm die alte Weisheit erzählen lassen kann: dezentral heisst anonym, heisst anarchisch, heisst Verbrechen. Juhu, I Love You. Die üblichen Verdächtigen Viren, das weiss man, werden von ‘Hackern’ geschrieben. Und ‘Hacker’ sind ja bekanntlich Menschen (männlich), die viel zu selten an die frische Luft gehen und deshalb zwangsläufig kriminell werden müssen. ‘Hacker’ standen schon immer ganz oben auf der Beliebtheitskala, wenn es darum ging, den ‘braven NutzerInnen’ zu sagen, wer ihr ‘wahrer Feind’ ist. Oder auch, um Dinge zu erklären, für die sich einfach keine plausiblen Erklärungen finden liessen. Oder um Dinge wegzuerklären, weil die eigentliche Ursache als zu schmerzlich, als zu peinlich empfunden wurde. Z.B. 1990: Kein Erdbeben, keine Sturmböen, nicht einmal eine Gewitterwolke in Sicht und trotzdem bricht in einer Kettenreaktion nach und nach die Hälfte des Fernmeldenetzes der amerikanischen Telefongesellschaft AT&T zusammen. 60 Tausend Menschen verlieren für neun Stunden ihre Verbindung zur Welt, während man verzweifelt nach dem Fehler sucht, der das Unglück ausgelöst haben könnte. Nach wochenlanger Fahndung stösst man dann endlich auf den Defekt: ein Progammierfehler in der Software. Das ist Technik. Aber wer versteht schon Technik? 60 Tausend Menschen, die sich ein Telefon schliesslich nicht zum Spass in die Wohnung stellen, wohl eher nicht. Der Netzbetreiber? Sollte man annehmen. Denn immerhin hat dieser nicht nur peripher etwas mit seinem eigenen Programm zu tun, und insofern hätte er durchaus verstehen müssen, was man ihm auseinanderzusetzen versuchte. Die ‘technische’ Erklärung war also da, aber sie durfte einfach nicht wahr sein. Generell gilt: Wo der Markt frei ist, sollte ein Bug besser nicht das Wort haben, denn er könnte ja verraten, wer hier die bessere Telefongesellschaft ist. Wo man aber seit Jahren bereits phobisch den elektronischen Untergrund beobachtet und Kontakte zu Informanten pflegt, die einem sagen, dass dort unten alles zunehmend schlimmer und professioneller wird, KANN ein Bug gar nicht mehr das Wort haben. Im Prinzip hätte man sich gar nicht erst die Mühe machen müssen, nach der ‘technischen’ Ursache des Crash zu suchen. Mit ihm erfüllte sich eine Prophezeiung, und die hatte es schon immer gewusst: eines Tages werden ‘Hacker’ in das digitale Netzwerk eindringen und dessen Schaltsysteme manipulieren, zahlreiche Viren und andere Bomben waren sowieso schon überall versteckt. Getrieben von der Angst, einer Gruppe unergründlicher, äusserst intelligenter Wesen zum Opfer gefallen zu sein, die jetzt also herausbekommen hatten, wo die Schwächen des Systems lagen und diese auszunutzen wussten, begann die bislang wohl grösste ‘Hackerjagd’ in der Geschichte. 1991 meldete sich der ‘wirkliche’ Feind noch einmal zu Wort, diesmal aber laut genug: ‘Hallo, ich bin’s schon wieder. Das System selbst’. Die Kunst des Samplens Die ganze Aktion war nicht nur unsinnig, weil der, nach dem man suchte, einem die ganze Zeit direkt vor der Nase sass (und sich von dort auch nicht fortbewegte). Unsinnig war sie v.a. deshalb, weil sie komplett an dem vorbeiging, was man mit ‘Kerngedanken der Hackerethik’ bezeichnen könnte. Offensichtlich hat sich daran nichts geändert. Auch heute gilt nach wie vor der Grundsatz, dass hinter jedem ‘Hacker’ ein Virus oder etwas vergleichbar Unangenehmes steht. Schön für den ‘Hacker’, er ist dann wenigstens nie mehr allein. Sein soziales Umfeld kann sich sogar noch geselliger gestalten, denn ‘Cracker’, ‘Crasher’, ‘Swapper,’ ‘Trader’, ‘Phreaks’ und andere, ähnlich klingende Bezeichnungen haben ja auch alle irgendwas mit subversivem Manipulationsverhalten zu tun. Wäre das Internet nicht so dezentral und anonym, all die ‘Virentipper’ würden sich vielleicht zusammenfinden, könnte ja passieren, aber viele der sogenannten ‘Hacker’ wären dann wahrscheinlich nicht dabei. Denn einige glauben dann doch lieber an andere Regeln, und schade für das Virus, es kommt dort leider nicht drin vor. Schade natürlich auch für den Grundsatz, aber es gibt sie nun mal, die ‘Hackerethik’, und die besagt, dass nicht der Zerstörung sondern dem Aufbau von Dingen das eigentliche Interesse gilt. Auch was Motive wie ‘Problemlösung’, ‘gegenseitige Hilfe’ oder ‘der freie Informationsaustausch’ anbelangt, dürften die Interpretationen der beiden Modelle nicht ganz so nah beieinanderliegen. So etwas kümmert den Grundsatz allerdings wenig, immerhin ist er so etwas wie eine Tradition. Von solchen Gegenbehauptungen darf er sich auch gar nicht beeindrucken lassen, denn insgeheim will er ja zur UN-Konferenz. Zu diesem Zweck muss er sich zwar umbenennen, denn wegen ‘Hackerparanoia’ ruft natürlich kein Mensch einen Weltgipfel aus. Der neue Überbegriff ist schnell gefunden, und man gründet eine Arbeitsgruppe, die sich schon mal im Vorfeld Gedanken zu den destruktiven Seiten des Internet machen will. Prinzipiell sollte im Zentrum der Konferenz zwar das Themengebiet stehen: Kampf gegen den ‘internationalen Menschenhandel, speziell, was Frauen und Kinder anbetrifft’, aber die Erkenntnisse zur Lösung dieses Problems bleiben eher rar. Dafür wird an einigen Bildern wild herumgebastelt, man scheut keine Mühe, verschiedene Zusammenhänge miteinander zu verknüpfen, und vielleicht fallen deshalb die Vorstellungen über den ‘Hacker’ am Ende dann doch mal wieder ein bisschen zu bunt aus. Egal, das erarbeitete Material wird in einem Papier festgehalten, das den Titel ‘Draft Convention on Cyber-Crime’ erhält. Und Dank der Rückendeckung durch das elektronische Infekt kann das Papier dann auch tatsächlich vorgelegt werden, ohne dass man sich dafür allzusehr schämen muss. Gleich zu Anfang wird zusammengeführt, was zusammengehört, zusammenpassen muss es ja nicht. Eingeleitet mit den Schlagworten: ‘Cyberterroristen’, Kinderpornographie’ und ‘kolossale Schäden durch Hacker’ legt das Papier eine erstaunliche Grosszügigkeit an den Tag, was die Definitionsweise des ‘cybercrime’ anbelangt. Wo der Grundsatz abgeblieben ist, kann dann auch niemand mehr so genau sagen, die Frage wo-wann-wie-wer-wie-lange abgehört werden darf, nimmt einfach zu viel Platz ein. Dafür hat der ‘Hacker’ eine ganze Menge neuer Freunde bekommen – ‘Cyberterroristen’ und ‘Kinderpornographen’ eben -, die er im dezentral-anonymen Internet allerdings wohl eher mal wieder nicht treffen wird. Aber ganz abgesehen von den kleinen Ungenauigkeiten, die Verallgemeinerungen eben so mit sich bringen: das grosse Thema soll sowieso vornehmlich an der Abhörschnittstelle rumhantieren, weshalb man es eigentlich auch gleich als Tool bezeichnen kann. ‘Kinderpornographie’, so wird die Polizei in einem internen Protokoll der Ratsgruppe ‘Polizeiliche Zusammenarbeit’ aufgeklärt, ist immer ein überzeugendes Argument, wenn es um Überwachungsmassnahmen geht, die sehr wahrscheinlich nicht jedeR gleich auf Anhieb gut finden wird. Das allergrösste Cybercrime Das ist ganz offensichtlich das Internet selbst. Weil es so ist, wie es ist, fordert es das Verbrechen geradezu heraus, so zumindest wusste es der Leiter des ‘National Infrastructure Protection Center’, Michael Vatis, in einem Fernsehinterview zu berichten. Kriminell sind weniger all die Viren, Würmer, Drogen, Waffen und was sonst noch alles dazugehört, auch nicht so sehr deren Autoren oder diejenigen, die Handel damit treiben. Kriminell ist vor allem der ‘freie’ Austausch, ganz egal um welche Ware es sich hierbei handelt. Denn ‘frei’ hat immer irgendetwas mit ‘unkontrolliert’ zu tun und ist daher an sich schon hochgradig verdächtig. Weil ‘Angst’ nun aber mal so gar nicht gut klingt, heisst sie meistens ‘Besitzrecht’. Aber manchmal klingt auch das plötzlich gar nicht mehr so gut. Immerhin musste man sich schon öfters mal die Frage stellen, ob Schaden, nicht immer in Milliardenhöhe, möglicherweise auch so ein bisschen am Besitzrecht liegt. Die Vorwürfe, die bspw. über den gratis Maildienst ‘hotmail’ laut wurden, warfen die Frage auf, warum eigentlich noch immer selbst längst bekannte Viren trotz eines angeblich erfolgten Updates des Virenfilters permanent über diesen Server verteilt werden. Ob Sicherheitslücke, strategisch offengelassene Hintertüren oder eben nur kleine Fehler in Programmen – wie wäre es hier mit ‘Problemlösung’, ‘gegenseitiger Hilfe’ und ‘freier Informationsaustausch’? Ein Punkt, in dem man sich noch nicht so ganz einig ist. Würden die Anfänge der Softwareentwicklung nicht schon zu weit zurückliegen: man würde sich vielleicht öfters daran erinnern, dass manche von denen, die das damals mitaufbauten, ganz ähnlich hiessen wie diejenigen, die heute gern verdächtigt werden, wenn irgendwo der Wurm drin ist. Gehört zwar nicht mir, passt aber dazu: ’The Internet’s ‘anarchy’ may seem strange or even unnatural, but it makes a certain deep and basic sense. It’s rather like the ‘anarchy’ of the English language. Nobody rents English, and nobody owns English […] Would English be improved if the ‘The English Language, Inc.’ had a board of directors and a chief executive officer, or a President and a Congress? There’d probably be a lot fewer new words in English, and a lot fewer new ideas.’ (Aus Bruce Sterling: ‘The Hacker Crackdown: ‘Law and Disorder on the Electronic Frontier’).

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Elektronische Lebensaspekte.