Schablonen und Schreibtisch-Philosophie
Text: Ji-Hun Kim aus De:Bug 162

MySpace? Bitch please, Internet-Individualität erschaffen sich moderne Kids schon längst via Tumblr. Wichtigstes Zubehör bei der Identitätsproduktion: Das Bild. Mal kommt es als künstlich körniger Hipstamatic-Shot daher, andernorts grüßen der Philosoraptor oder Derp vom Screen. Ji-Hun Kim hat sich die vitale Online-Bilderkultur und ihre Praktiken genauer angeschaut. True Story.

Wir leben in einer Zeit, in der ein Wert nicht nur monetär legitimiert wird. Es geht um weitaus mehr. Die Tatsache, dass Apple die wertvollste Firma der Gegenwart ist, hat natürlich auch mit dem reißenden Absatz ihrer mobilen Endgeräte zu tun, aber es ist auch die Lebenswelt, der emotionale und ideelle Wert für den Einzelnen, der mit dem silbrigen Apfel mitgeliefert wird, der zuletzt Cupertinos Aktienkurse in ungeahnte Höhen schnellen ließ. Anders lässt sich auch die Übernahme von Instagram durch Facebook für 1 Milliarde Dollar nicht erklären, zumal zeitgleich der Erfinder der Digitalkamera Kodak seine Fotosparte dicht macht und Insolvenz angemeldet hat. Es hängt also einiges schief im Fotogeschäft. Kurz vor Börsengang des populärsten Social Networks wird die “Lebensnotwendigkeit” des blauen Zuckerberg-Imperiums noch mal unterstrichen. Für mehr als 800 Millionen User weltweit ist Facebook die zentrale Anlaufstelle im Internet, es ist ihr Zuhause. Eine eigene Wohnung ist auch immer mehr wert als nur die Kaltmiete auf dem Papier. Zum Vergleich: Das Fotonetzwerk Flickr wurde 2005 von Yahoo für gerade mal 35 Mio. Dollar übernommen. Es sind nicht die Fotofilter, die das Zehnmann-Startup so wichtig machten, es ist das bildlich festgehaltene Leben der über 30 Millionen passionierten User, das hier den Kohl wörtlich fett macht. Zusammen mit den Petabytes an Fotos, die tagtäglich auf Facebook hochgeladen werden, geht es hier auch um die Macht der Bilder und die Macht über die Bilder. Nach dem Web-2.0-Buzz des Videos und der ebenfalls milliardenschweren Übernahme von YouTube durch den anderen Netzgiganten Google 2006 scheint es, als würde nun das Bild ein erneutes Web-Revival erleben, doch es ist ein anderes als noch zu damaligen Flickr-Zeiten. Hochwertige vernetzte Kameras aka Smartphones, permanent zu fütternde soziale Feeds, aber auch die technische Verbesserung der digitalen Fotografie selbst führen nicht nur dazu, dass visuelle Selbstrepräsentation und das immer gleich mitgedachte Teilen eine größere Rolle spielen. Auch hat das jüngere Internet seine eigenen Bildformate und -sprachen entwickelt. Von Derps, Lolcats, animierten Gifs bis hin zu schablonierten Lebensweisheiten. Zwischen Prokrastination und Profilierungssucht, von Popkultur, Hipsterdesign bis Pubertätsporno spielen sich die Bilderwelten ab. Die Flut kommt im Stream, der Scroll-Finger an Maus oder Touchscreen, immer im Anschlag.

Ich bin mein Moodboard
Als Tumblr 2007 von David Karp und seinem Kollegen Marco Arment gegründet wurde, ging es primär um ein möglichst einfaches Microbloggingsystem, das vor allem durch die Reblog-Funktion das Posten von Inhalten anderer Seiten idiotensicher einfach umsetzen konnte. Heute befindet sich eine Jugend im Tumblr-Rausch, die Generation Post-MySpace, also diejenigen, die für MySpace zu jung sind, entdeckt die individuelle Webseite für sich neu. Das, was Facebook nicht erlaubt, nämlich das Implementieren eines eigenen CSS, geht bei Tumblr wieder, außerdem bieten hunderte von Templates für jeden Geschmack etwas Passendes an. Und auch wenn das mittlerweile auf über eine halbe Milliarde Dollar bewertete Startup nicht nur Bilder, sondern auch Texte, Audio und Video unterstützt: Es ist das Bild, das das Geschehen hier dominiert. Jeder baut an seinem eigenen Moodboard, hoch ästhetisiert, eine Bildwelt, die weich- und reingezeichnet ist. Ein scheinbar perfekt inszenierter Foto-Stream als Projektionsfläche der eigenen, vielleicht nicht ganz so fein gefilterten Lebenswelt. Supreme-Caps, Fixies, ab und zu Sneaker, ein bisschen Kiffen, Skaten aber vor allem tausende von gut aussehenden Models, teils mehr, teils weniger bis gar nicht bekleidet. Egal ob Junge oder Mädchen, hübsche Frauen werden von allen gepostet. Ein Ideal bleibt ein Ideal, solange es sich hinter einer Scheibe versteckt. Natürlich gibt es wie überall sonst auch hier Sex. Anders als bei Pinterest und Facebook werden hier nämlich keine strikten Grenzen des Erlaubten gezogen. Was aber nicht heißt, dass grell ausgeleuchteter, digitaler Closeup-Hardcore das Geschehen bestimmen würde. Auch hier werden die HD-Poren dezent mit Schwarz-Weiß- oder anderen Filtern abgedeckt. Der visuelle Sex der Tumblr-Jugend ist vielleicht ab und an explizit, aber durch und durch ästhetisiert. Die Foto-Retromania, die seit einiger Zeit auch die Kamerahersteller erfasst hat (neueste Technik in altmodischen Gehäusen wie bei Fuji und Leica), scheint eine Erklärung zu haben. Die Kamera als Gedächtnisprothese, das Foto als vergangener, festgehaltener Moment wird durch analoge Filter direkt historisiert. Der Hipster hat heute kaum Möglichkeit und Zeit, eigene, neue avantgardistische Ästhetiken zu schaffen. Das Retro ist hier der Anker für die technologische Komplexität einer überbordenden Realitäts- und Informationsflut. Wer die meiste Zeit vor pixeligen Bildschirmen verbringt, der sehnt sich nach dem Korn, dem Inbegriff einer fernen, vergangenen und vielleicht doch gar nicht so schlechten Welt, in der noch Dialektik vorherrschen und Zeitläufte linear verlaufen konnten und nicht das Datenchaos permanent gefiltert werden musste. Wo zu YouTube-Zeiten der User zugleich Produzent war, das Handyvideo aufgenommen und hochgeladen werden musste, ist der Tumblr-User weniger Produzent als vielmehr ein Tracker seines Netzverhaltens, dem Repost sei Dank. Fremder Content wird akkumuliert und quasi kuratiert. Für eine Generation, die MashUp und Medien-Bastarde mit der Muttermilch aufgesogen hat und für die Urheberrechtsdebatten Thema alter grauer Männer sind, scheint selbst das Konzept „Prosument“ einen leicht ergrauten Dreitagebart zu tragen. Wurden zu Blogzeiten noch Gedanken, Texte und Inhalte produziert, legt man heute mit Tools wie Path, Instagram, Tumblr, Pinterest, Eyeem aber auch Twitter vielmehr Spuren. Tracking statt Produktion lautet die ungeschriebene Losung. Ein Bild zu schießen und zu teilen oder zu reposten ist einfacher und vermeintlich aussagekräftiger als auch nur einen korrekten Satz zu formulieren. Der Begriff der Transparenz hat nicht umsonst seinen etymologischen Ursprung im Visuellen.

Schablonen und Schreibtisch-Philosophie
Le Me, Derp, Derpina, Zeddie, Grammar Nazi, Lolcat. Die Welt der Internetmeme hat ihre ganz eigenen Stars entwickelt. Nicht erst seit dem Bildboard 4Chan sind Meme alltägliche Zerstörer der Schreibtischkonzentration. Mit Tumblr und Seiten wie 9Gag tauchen diese allerdings in einer neuen Dichte und Konzentration auf, dass es quasi unmöglich ist, diesen Schablonenbildern und Fratzen zu entgehen. Eine ironisiert-humoristische Weltsicht, die sich dahingehend von den oben beschriebenen Weichzeichner-Moodboards unterscheidet, als dass es hier radikal stilisiert und undesignt zugeht. Es geht aber auch nicht unbedingt um visuelle Repräsentation als vielmehr um das Aufbauen eines Common Sense der Internet-Community. Die hier verwendeten Bilder befinden sich alle auf Halde, im Netz, es geht um den Text, der auf Fotos und kritzeligen Cartoons seine eigene Dynamik erhält. Themen: peinliche Momente, Beziehungen, Nerdtum, Essen, Prokrastination, allumfassende Wahrheiten oder der schlechte Witz zur richtigen Zeit. Seien es vorgefertigte E-Cards (someecards.com), die sich einer großen Popularität erfreuen und als Buzz-Folie gänzlich zweckentfremdet wurden. Fertige Character wie Le Me oder Me Gusta, die man nach Belieben am Computer kompilieren kann, um Teenager- oder College-Lebensweisheiten in die Welt zu streuen, als Comicstrip. “What people think i do” entspricht dem Schablonenmechanismus genauso, wie der stets skeptische Philosoraptor, der sich der Hermeneutik verschrieben hat. “If Physics has laws – who governs it?”, “Why must you be 16 to join the army, but 18 to play a game about it?” Vorlagen inklusive Good Guy Greg und Scumbag Steve gibt es auf Seiten wie memegenerator.net. Es geht hier nicht darum, wer etwas gemacht hat, sondern dass es gemacht wurde. Der humoristische Schreibtischtäter gibt seine Autorenschaft mit dem Benutzen der Schablone ab und fügt seinen Beitrag zum Memewirbel hinzu. Dass dabei ein eigenes Vokabular entsteht und “Bitch please”, “True Story”, “Dafuq” und “That awkward moment …” kaum mehr ohne Memebilder zu denken sind, spricht für das Schwarmhafte dieser Bilderbewegung, aber auch für den immensen Einfluss, wenn Computersprache plötzlich auf den Straßen ihre Entsprechung findet. Swag schaffte es gar zum Jugendwort des Jahres 2011 in Deutschland. Daran ist nicht nur Soulja Boy schuld. Kulturpessimisten sehen in solchen Tendenzen sofort die Aufgabe des Individuums, die kollektive Gleichschaltung. Es zeigt aber auch, dass die Demokratisierung der Produktionsmethoden nicht gezwungenermaßen Heerscharen kreativer und autarker Designer und Produzenten hervorbringen muss. Vielmehr wird auch hier versucht, der Informationsflut und Verwirrtheit der Gegenwart ein vereinfachtes Gesicht und eine eigene Sprache zu geben. Wer nämlich zwischen den Zeilen oder besser zwischen den Bildern liest, erkennt auch den Druck und die Probleme, die die heutige Wohlstandsjugend beschäftigen. Der Zwang zur Perfektion, die Monotonie des Digitalen oder aber auch die Sehnsucht nach dem Verständnis der essentiellen Dinge im Leben einer Leistungsgesellschaft. Dass dies gerne mit einer Zote vonstatten geht und nicht mit wehenden, apokalyptischen Protestflaggen, kann man als Schwäche auslegen, vielmehr scheint die Jugend den Alten aber um einiges voraus. Sie akzeptiert die moderne Realität, schimpft nicht, sondern macht das Beste daraus. Mit der Macht der Bilder und “Like a Boss.”

Fotos: Eric Cahan, der in New York lebende Künstler nutzt das Sonnenlicht aks Hauptinspiration für seine Arbeiten.

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