Selbst nach zwanzig Jahren Rave werden Frauen noch immer belächelt, wenn sie auflegen oder gar ein Label betreiben. Ann M. Cazal und Dana Ruh zeigen jedoch Qualitäten, die andere Label in den Schatten stellen. Der Fokus auf Videoclips gehört dazu.
Text: Ji-Hun Kim aus De:Bug 128


Mädchenhobbies

Brouqade ist die Romantikerin unter den Berliner Newcomer-Labels. Unter den Betreiberinnen Dana Ruh und Ann.M.Cazal wurden bislang sechs EPs veröffentlicht, die allein durch die Namensgebung einiger Tracks den Verweishimmel eher nach draußen an die frische Luft verlagern. ”Am See“ oder ”Flowers“ heißen die Nummern, das Layout mit Outlines von Pflanzen und anderem Geränk ergänzen das Bild. ”Aber im Winter werden wir auch clubbigere Tracks machen, die ein bisschen roher sind“, meint Dana Ruh, die Ann über die selbe Berufsbranche kennen gelernt hat. Beide arbeiten im Film und Fernsehen, jedoch hinter der Kamera. Ann.M.Cazal als Cutterin und Dana bei einer Produktionsfirma. Dadurch geschuldet ist das eventuelle Alleinstellungsmerkmal, dass auch regelmäßig Videoclips zu den Releases produziert werden. ”Wir sagen den Künstlern auch immer, dass sie eine kürzere Version machen sollen, damit das Videoclip-tauglich ist. Wir finden das nicht nur wegen unserer Jobs richtig, sondern auch ästhetisch wertvoll“, sagt Dana Ruh, deren erste musikalische Schritte als Sängerin in einer Geraer Rockband begannen. ”Da wollen wir dem Label auch durch den Fokus auf das Visuelle ein Gesicht geben. Gerade im Internet kann man die Musik durch andere Kanäle wie Vimeo und YouTube vermitteln. Es gibt auch einige, die auf unser Label erst durch ein Video aufmerksam werden.“ Das ist wahr, noch immer produzieren die wenigsten Labels Videos zu elektronischen Tracks, die hauptsächlich auf Vinyl oder nischigen Netzportalen erscheinen. Reguläre Clips sind auf den gängigen Plattformen weiterhin Mangelware. Bei den meisten scheitert der Ansatz an den Ressourcen, durch ihren Beruf haben beide einen Weg gefunden, nicht nur das Label vielseitiger zu repräsentieren, sondern auch eine Möglichkeit, beide großen persönlichen Leidenschaften Ton und Bild zusammenzuführen. Glaubt man durch den Fokus auf solche Aspekte auch anders zu sein? ”Ein bisschen schon, und wahrscheinlich auch, weil wir Mädchen sind. Klar mögen wir Blumen und schöne Dinge. Auch ein Video mit einer Balletttänzerin zu machen ist natürlich romantisch und hat eine weibliche Sicht auf die Tanzmusik. Wir finden schon, dass man das sensibler angehen kann.”

Ein bisschen Koketterie ist bei solch einer Eigeninterpretation natürlich nicht zu verbergen und natürlich will man nicht auf der Mädchenschiene herumreiten, aber die Erfahrungen, die man im Laufe der Jahre gemacht hat, zeugen doch davon, dass Frauen im Techno- und Housegeschäft noch immer Exoten sind. Techniker-Nannies schauen dreimal nach, ob alles stimmt, und auch die Idee ein Label zu machen, wurde nicht nur von einigen nett belächelt. ”Wir sehen das ja immer mit Humor und das Überraschungsmoment, das durch so was passiert, ist ja größtenteils auch positiv.“ Konstanz ist ein Wort, das Dana in dem Zusammenhang häufig fallen lässt. Weder wolle man, dass das gesamte Leben über Bord geworfen wird, um sich nur dem Label zu widmen, noch soll es ein reines Hobby sein, weil allein Steuer- und Vertriebsangelegenheiten ein gewisses Maß an Professionalität erfordern. ”Vielleicht wollen wir ja gar nicht das Label so in den Mittelpunkt stellen und unsere Existenz davon abhängig machen. Momentan ist es eine sehr schöne Geschichte und wir wissen jetzt nicht, wie es ist, wenn die Miete und eine bestimmte Lebensqualität von Plattenverkäufen und anderem abhängig werden. Es ist noch immer Entspannung und Spaß Brouqade zu machen und es wäre schade, wenn das irgendwann nicht mehr so wäre.“

In heutigen Zeiten ein Label noch als Spaß und Entspannung vom Alltag zu betrachten, hat Seltenheitswert, geht aber vielleicht wirklich nur, wenn man kompakt organisiert ist und dennoch das Label als Lebensbereicherung ansieht. Auch das Veröffentlichen auf Vinyl gehört mit dazu, ein Statement, das neue digitale Labels gar nicht mehr beachten wollen. ”Einfach ist nicht immer unbedingt gut“, sagt Dana Ruh und konstatiert zum Thema Frauen und Dancefloor schließlich: ”BPitch und Mobilee sind schon Vorbilder in der Form, dass so etwas in dieser Größenordnung realisiert wurde. Das ist schon beachtenswert und die vielen anderen Frauen, die in diesem Geschäft arbeiten, sind auch Vorbilder. Eigentlich ist das echt schade, dass sich so wenig Frauen trauen ein Label zu betreiben und aktiver Musik zu machen. Da sind schon viele eingeschüchtert durch die vielen Männer in der Szene. Da würden wir uns mehr Mut wünschen. So schlecht kann es für die Musik im Allgemeinen ja nicht sein.“

Brouqade

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Elektronische Lebensaspekte.