Willst du die Technik von morgen sehen, geh nach Japan, dem Land klangvoller Marken wie Sony, Technics, Toshiba oder Sharp. Einem Land gefußt auf Pantoffeln und grünem Tee in Plastikflaschen, einem Puschencountry, aber voll voraus mit technischen Errungenschaften. Ein Überblick über Entwicklungen, die dort schon Alltag geworden sind: von Flatscreens in Supermärkten und Mobiltelefonen als Minikameras und neuen Kuschelfellchen-Aibos.
Text: verena dauerer aus De:Bug 60

Zu Besuch in Tokyo – Electric City
Neue Technologie aus Akihabara

Shoppen als Entspannungshobby

Japaner erfreuen sich nach der langen Arbeit am trendfreudigen Shoppen und nennen es ihr Enstpannungshobby. Sind sie doch kindliche Technikschnickis, die für allerhand merkwürdige Spielereien zu begeistern sind. Dabei wirken sie so konsumeuphorisch wie die kleine Grinseroboterkatze mit aufgerissenen Augen und einem irren Lachen im Gesicht, eine Comicfigur, die gleichzeitig das Fortschrittssymbol der Doraemon ist, die aussieht, als hätte sie ein Wochenende dauergeshoppt. Manches Equipment gibt es bei uns sicher auch, es hat aber niemanden bisher ernsthaft gekümmert oder wurde auf der Cebit skeptisch beäugt. In Japan ist es längst bezahlbares Tool. Wie zum Beispiel i mode-Handys mit eingebauter DigiCam, die einem seit der Sättigung des Markts an jeder Ecke hinterher geworfen werden.

Kamera Land

Für einen Grobüberblick vom Stand der Technik reicht ein Abstecher in den Tokyoter Stadtteil Akihabara, genannt Electric City. Die gigantischen Reklametafeln und der Dauerwerbenoise geben einem schon mal den zünftigen medialen Overkill, um benommen auf die Rolltreppe eines der Riesenkaufhäuser für Elektronik zu taumeln. Zu finden gibt es immer was, die neusten DV-Kameras zum Beispiel, leider nur im NTSC-Format. Dafür jede Menge Spielkram, und wenn es ein goldiger USB-Hub in Gestalt einer Hello Kitty!-Mietzekatze aus Plastik sein darf.
Als erstes fallen die Leinwände auf, die das Stadtbild zur Flatscreenlandschaft umgestalten. Überall hängen sie, die platten Dinger, selbst im Kleinformat von der Decke, beispielsweise in der edlen Kaufhauskette Isetan. Auch die Computerkasse im 24-Stunden-Supermarkt hat einen schönen großen Flatscreen aufgesetzt für Werbespots. Da guckt man irritiert drauf, wenn rechts unterm Clip der Preis angezeigt wird.
Für die nächste Generation von noch dünneren, noch leichteren LCD-Schirmen möchte Sharp ab Sommer extra eine eigenes Werk bauen, wie gerade verlautet wurde. Passend fürs Heim gibt’s den Screen zum surfen und DVDs gucken, platzsparend auf die Tatamimatte an die Wand gestellt. Dazu benutzt man den “DVDman” diverser Hersteller, von der Größe und Aussehen ein Verwandter des Discman. Supermobil, klein und überall am TV anstöpselbar ist er. Zu diesem Hi-Tech-Set macht sich am besten die MiniDV-Kamera von Panasonic von der Größe eines Fotoapparats. Wer noch nicht genug hat, packt den anschließbaren Drucker dran.

Matratzengroße Flatscreens

Ein Besuch im bescheiden gehaltenen Sony Building gestaltet sich zurückhaltender. Die Highlights werden in edlen Showrooms mit einer Servicekraft in jeder Ecke präsentiert. Am Eingang findet eine Promo-Aktion für den neuen Aibo-Roboter statt: er hat für den Streichelfaktor ein schwarz-weißes Kuschelfellchen übergezogen und heißt jetzt Modell knuffiger Pandabär mit roten Äuglein. Im Erdgeschoss des Towers ist das digitale Fernsehen angekommen. Hier genauso matratzengroße Flatscreens, Plasmaschirme und Trinitrons an jeder Wand, die, wenn man sie nur zum Betrachten von Jpegs anwirft, den beschaulichen Diaabend aufmöbeln. Selbst das Hausprodukt, der “Vaio”, hat als Desktop-PC einen leinwandbreitem Bildschirm zum Filmeschauen. Nebenan liegen die neuen DV-Kameras aus. Sie haben nette Touchscreens und senden ihre Daten per Bluetooth ans Handy oder mit der Memory Karte in einen handlichen, aufklappbaren Videoanschauer. Ein Highlight ist der “Personal Entertainment Organizer”, der Clié: Die Partyverwaltung mit Digitalkamera, MP3 Player, Tastatur und bequem drehbarem Bildschirm, um sich beim Filmen anschauen zu können. Im nächsten Stockwerk wird der Net MD Walkman gezeigt, der über den Rechner aus dem Web geladene MP3 Files aufnehmen kann. Ganz oben ist die Playstation-Arena mit dem nächsten Level an superrealistischen 3D-Grafiken wie dem Baseball Game für den japanischen Nationalsport und zur FIFA 2002 im Mai das Fußball Spiel mit authentischen Hooligans. Wer unterwegs zum Daddeln keinen Fernseher mitschleppen möchte, behilft sich mit der MiniStation PS One im Format einer Tupperware Box mit aufdrehbarem Display.

Mobiletelefon-Mutationen
Japanische Kids sind fröhliche Gamer, noch lieber telefonieren sie aber. Weil das in der U-Bahn als unschicklich und äußerst unhöflich gilt, findet es in Ausnahmefällen mauschelig unter vorgehaltener Hand statt. Deshalb verschicken sie ständig sms, und weil mittlerweile 30 Millionen ein i mode-Handy besitzen, bisweilen auch Bilder. Das i mode wurde schon 1999 vom größten Anbieter NTT DoCoMo eingeführt und erfreut sich großer Beliebtheit, ungeachtet des relativ hohen monatlichen Basispreises ab ungefähr 26 Euro. Gemeinerweise gibt es keinen Einheitstarif, Mobiltelefonate werden nach Entfernung bezahlt. Ihre Funktionalität hat hier ganz neue Seiten: Pendler stellen sich die Weckfunktion auf Vibrationsalarm bis zu ihrer Station und ratzen in der U-Bahn ein, das Fon fest umklammert. Pennen können sie auch im Stehen und wenn es voll ist, wie meistens, fallen sie nicht um. Vom modischen Accessoir der Bentzelmania bleibt zu hoffen, dass es nicht zu uns rüberschwappt: die Erscheinung, dass jeder Anzugträger in den 50ern seine Batterie an Tierchen an einer Schlaufe am Handy hängen hat.
Seit Ende letzten Jahres ist die neue Generation an Telefonen auf dem Markt mit schickem Riesen-TFT-Display und integrierter MiniCamera auf der Rückseite. Für Briefmarkenfotos zum sms-en reichts allemal und zum Quicktime-Filmchen schießen. Java Applikationen und 3D-Grafiken beim Surfen sind kein Problem mehr. Eine Memory Card mit bis 64 MB kann MP3-Tracks speichern, bisher hatte es intern schon einen schlappen 400 kb Speicher für Mails und Webseiten gegeben. Auf der Basis eines erweiterten GSM Netzwerks, das genauso UMTS-fähig ist, soll diese Handygeneration den 3G-Universalstandard zum weltweiten Roamen einführen. Nur telefonieren können die Dinger leider noch nicht von allein. Und wem das jetzt alles zuviel wird, der kann auch einfach nur damit Radiohören.

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Elektronische Lebensaspekte.