Musik im Internet treibt seltsame Blüten des pfennigfuchsigen Kleinhustles. Aber am Ende des Tages - oder eines Jahrzehnts - lacht einem der unermüdliche Online-Broker mit dem Bausparvertrag in der Hand entgegen. Toll?
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 54

Neuer Markt aus parasitärer Sicht
Zwei Fallbeispiele

Geld durch Goa
Wie funktioniert das? Nehmen wir mal ein mittlerweile klassisches Beispiel. MP3.com hat sich beispielsweise von einer Musikplattform zu einem grassierenden Herd von Goatrance entwickelt. Die Charts waren immer voll davon und auf jeder populären Usability-Ecke klebten irgendwelche Gruppen mit daddeligen Trancetracks. Mit dem Aufkommen des “Payback for Playback”-Schemas, mit dem einzelne Artists für die Clicks und Downloads ihrer Musik an dem Geschäft beteiligt worden waren, wurde das offensichtlich. Die Leute, die auf und mit MP3.com wirklich Geld machten, waren nicht etwa die Investoren. Oder die Firma selbst. Es waren ein paar Goa-Typen, die im Netzwerk von MP3.com ihre Tracks überall auftauchen ließen. Wie das geht? Vor allem mit Spam. Mit Mailkampagnen, die jeden legalen Marketingexperten vor Neid erblassen lassen. Trancewerbespezialisten mobilisieren für ihre Tracks auf MP3.com über Mailadressen-Waschanlagen eine solche Menge an Usern in ihrer digitalen Freizeit, dass es wohl nur noch ein paar Jahre dauern wird, bis der erste Goa-Millionär von MP3.com sich zur Ruhe setzen wird. Aber auch an anderen Fronten kämpft der typische MP3.com-Selfpromoter mit Methoden, die so alt sind wie die Idee der Geldzirkulation im Netz. Die Filesharing- und Hackerkultur zum Beispiel, die den Unterhalt ihrer Server durch Passwort-Klicks auf Sex-Sites finanzierte, ist teilweise zu Goa abgewandert. In der professionellen Tauschkultur heißt es nun: Du willst illegale Software? Hör Trance! – Du suchst das Login/Pass-Wort? Das zweite Wort des ersten Vocalsamples in dem einzigen der vier Tracks auf meiner MP3 Seite, das überhaupt Vocalsamples hat. Bevor man auf den Server gucken kann, blüht einem erst mal eine Trancedusche. Es fließen seit geraumer Zeit merkwürdige Geld- und Datenströme in unerwartete Mikrostrukturen, hinter denen immer jemand sitzt, der aus seiner Existenz als Netzsklave über die Jahre zum Marketingprofi wurde.

Breakeven Broker
Die zweite Spezies unserer digitalen Schalentiere trifft man vor allem rings um die Welten aus Onlineshops und Auktionshäusern an. Der Ebay Record Broker ist das typischste Beispiel. Sein beliebtester Optionsschein: alte Happy Hardcore Hits sowie Skam/Autechre/Aphex Raritäten. Nach der alten ödipalen Regel des Mangels (so eine Art christliche Volkskrankheit trotz Deleuze) verursacht nichts soviel Traffic wie Seltenheiten. Broker bei Ebay stöbern die überall auf, nicht nur auf den endlosen zahllosen Privat-Shops oder Online Plattenläden, die viele der Angebote auf Ebay doppeln. Sondern oft genug auch bei Ebay selbst. Billig kaufen, teuer verkaufen, ein generell langweiliges Prinzip. Aber man muss sich nur mit Ebay auskennen, um das bis zur Kunstform hinzubekommen. Der typische Ebaybroker sitzt zuhause hinter seiner DSL Leitung den ganzen Tag Online und überwacht so viele Auktionen und Listen gleichzeitig wie nur möglich. Wer immer dachte, dass Auktionsseiten im Netz deshalb soviel Traffic generieren, weil die Menschen einfach das Bedürfnis haben, bei sich zuhause auszumisten, der täuscht sich, denn die wahren Traffic Produzenten sind diese neue Form von Content Provider auf Ebay. Kleine Ein-Mann-Medienunternehmen, Direktbroker, die, notfalls auf Flohmärkten, alles auftreiben, was rar und begehrt ist, und immer begehrter wird, obwohl die Seltenheit immer häufiger wird, denn wer an den Mangel glaubt, der kauft, wer verkauft, manipuliert den Mangel. Seltenheit zu produzieren, das schaffen unsere Brokerparasiten vor allem mit genauen Interventionen auf dem Markt der Nostalgie. Ebay Broker spammen nicht einfach, sondern greifen mit Gerüchten auf sehr spezifischen Märkten ein, deren Infrastrukturen von der gut besuchten Mailingliste über Foren bis hin zu DJ Kellern reicht. Sie forsten ForSale Listen bis zum Erbrechen durch und gleichen sie mit anderen Börsennotierungen ab, wissen immer genau, welche Platte für wieviel wo geht (Ebay ist ja wie jede gute Börse regionalisiert), und kaufen gezielt alles, was im Abgleich einen erträglichen Profit bringt, dessen Margen die Ebay Gebühren übersteigt. Der typische Tag eines Ebaybrokers beginnt mit dem Klingeln des UPS Mannes, der die Pakete abholen will, und endet nach vielen Kaffees, endloser Lektüre und Suche wie der eines durchschnittlichen Hackers mit der Nase auf der großen Spacetaste.

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Elektronische Lebensaspekte.