Hoffnungsträger des englischen Hiphop
Text: Johanna Grabsch aus De:Bug 104

Keith Hopewell war das erste Signing von Big Dada. Heute ist er wieder der Hoffnungsträger Nummer eins für das englische Label – und für englischen Hiphop.

Ein bisschen Geschichtsunterricht: Vor knapp zehn Jahren hatte Keith Hopewell, auch genannt Part 2, die ersten (damals noch) “New Flesh for Old“-EPs auf seinem eigenen Label veröffentlicht, um sich neben seiner Tätigkeit als Streetart-Künstler einer anderen Ausdrucksform zu bedienen.

Big-Dada-Gründer Will Ashon (1996 noch hauptberuflich Journalist) entdeckte ein großes Talent und sicherte sich noch vor Grundsteinlegung des eigenen Labels die nächsten Tracks. Alsbald gesellten sich dem anfänglich losen Kollektiv zwei weitere feste Mitglieder hinzu. Ninja Tunes Haus-und-Hof-Rapper Juice Alleem (u.a. auch mit Coldcut, Hexstatic und DSP unterwegs) und Toastie Taylor (auch bei Adam Freelands “Evil Nine”, The Bug oder DJ Vadim am Mikro) steuern seit dem ersten Album regelmäßig(e) Rhymes hinzu.

Zurück zu “Universally Dirty” – dem dritten Album der drei: Ließ das erste Album (“Equilibrium”) noch stark das Künstlerdasein seines Produzenten erkennen, hatte das zweite (“Understanding”), gespickt mit Gueststarvocals von Roots Manuva bis Rammelzee, ein soulig smoothes Kapitel aufgeschlagen. Nummer drei ist wieder anders:

Keith: “Jeder Track sollte an einem einzigen Tag entstehen. Bei den vorigen Alben hatte ich den beiden meine Tracks mitgegeben, auf die sie dann ihre Vocals geschrieben haben, und dann habe ich alles abgemischt. Dieses Mal sollte es spontaner sein, ich wollte, dass die Vocals die Musik genauso beeinflussen wie andersherum, wenn es nicht funktioniert hätte, hätten wir es gelassen und wieder gearbeitet wie vorher.

Aber es hat funktioniert. Das Album verbindet die richtige Portion Kunst mit Smoothness und ist vor allem neu. Part 2 (auch schon für Roots Manuva oder Saul Williams aktiv) beweist sich einmal mehr als vielleicht bester Produzent Englands. Seine Tracks können fluffy sein, sie können abdriften, knallhart zur Sache gehen, sich ineinander verfangen, stolpern, sich verflüchtigen, und trotzdem bouncen sie alle. Dabei kann ”Universally Dirty“ jedem Genre innerhalb der Grenzen elektronischer Musik die Nase drehen und das Wasser reichen. Egal ob Alteingesessenes wie Techno, Dub, klassischer HipHop oder der nächste Hype zwischen Grime-Dubstep/Bashment, bei Mr. Hopewell klingt es selbst auf dem Ghettoblaster so satt, krisp und fett, wie es seinerzeit nur der Meister unter den Soundingenieuren, Bruce Swedien, beherrscht hat.

Keith: ”Ich gehe nicht auf Technoparties, aber ich höre ziemlich viel Zeug aus Detroit und ich bin mit der Bleep-Szene um Warp in Nordengland aufgewachsen. Heute ist die Grime-Szene eine der besten Sachen, die diesem Land passieren konnte, weil es eine ganz neue eigene UK-Rapszene ist. In letzter Zeit gibt es leider immer mehr Schwierigkeiten, weil die Musikindustrie unbedingt ‘angry black music’ haben will. Das geht schon so weit, dass es sich fast zu einer neuen Form von Rassismus auswächst. Die großen Plattenfirmen haben ein absolutes Schubladendenken, es wird unglaublich viel Geld in Schubladen gesteckt, anstatt dass endlich mehr hybride Sounds gefördert und produziert werden. Das ist doch auch genau das, was die Kids auf ihren iPods haben, einen Mix vieler Musikrichtungen. Und überhaupt, was ist HipHop – es basiert auf der Musik anderer Leute und war immer eine Pionierkultur, Leute haben halt Sachen gemacht, die sie eigentlich gar nicht machen sollten.“

New Flesh zementieren einmal mehr Big Dadas Ruf als State of the Art für HipHop. Klar – Toastie Taylor und Juice Aleem gehören zu den absoluten Meistern des gesprochenen Wortes und haben im Gegensatz zu manch anderen Zeremoniemeistern absolut keine Berührungsängste.
Debug: Wenn ihr freie Wahl hättet, welches wäre euer Lieblingssample:

Juice : im Moment würde ich am liebsten einen Radiohead Mash-Up machen
Keith: ”Brixton Guns” von The Clash oder Mr Fingers ”Can you feel it”.

Dem Wunsch, dass sich ein solches Projekt auch seine Inhalte außerhalb der gängigen HipHop-Klischees sucht, wird leider keine Geltung getragen. Auch wenn die beiden MCs eloquenter, schneller und intelligenter mit ihren Lyrics spielen als viele andere, müssen auch 2006 bahnbrechende Tracks wie ”Backyard“ oder ”Home movie“ weibliche Körperteile und männliche Körperflüssigkeiten thematisieren oder sich alternativ mit Spiritualität, Ying und Yang und anderem Naidoo’esken Gejammer befassen.
Oder ist das Wort ”Bitch“ 2006 eine schlichte textliche Referenz an das Genre, in dem wir uns befinden, wenn die Beats schon keine Anhaltspunkte geben wollen? New Flesh wollen darauf keine Antwort geben – haben sie auch gar nicht nötig.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.