Man wusste gar nicht, dass man darauf gewartet hatte. Aber für "Get Ready!", das neue Album von New Order nach 8 Jahren, sind alle überraschend ready. De:Bug im Luftgitarren-Fieber.
Text: harald peters | petersdom@snafu.de aus De:Bug 52

/indierock

Ich will nicht werden
New Order

Bernard Sumner war nicht in Stimmung, Gillian Gilbert musste Kinder hüten, und Peter Hook lag mit Fieber im Bett. Damit war es an Steven Morris, Fragen zu beantworten, soweit man denn überhaupt Fragen hatte. Hatte man Fragen? Und hatte Steven Morris Lust, sie zu beantworten? Er hatte zuvor schon Fragen beantworten müssen, hatte ungefähr zwei Interviews gegeben, hatte sich trotz seiner Höhenangst für einen Musiksender auf einen Balkon stellen müssen, hatte sich in Panik am Balkontürgriff festgeklammert und war nun erschöpft, wenn nicht gar: müde.
In einer Band, die nicht viel Worte macht, zählt Morris zu den Schweigsameren. Wenn man auf ihn zugeht, altert er pro Schritt um mehrere Jahre und sieht schließlich so alt aus, wie er ist. Über vierzig. Er zeigt keine Ambitionen, den Eindruck zu vermeiden. New Order haben keine Geheimnisse, sie liegen herum wie ein offenes Buch. Und wenn man beim Lesen etwas nicht versteht, dann liegt es daran, dass es nichts zu verstehen gibt. Sich fragend an sie zu wenden, macht keinen Sinn, denn die Band versteht es auch nicht. Vielleicht haben sie sich über das Unverständliche noch keine Gedanken gemacht, vielleicht ist es ihnen nicht aufgefallen, vielleicht aber auch beides. Wir sprechen hier von bewundernswerter Schlichtheit auf höchstem Niveau, von Erhabenheit, altersweisem Desinteresse, von in sich ruhender Gleichgültigkeit von sozusagen buddhistischer Qualität.

Band wäscht Auto

Das neue Album “Get Ready!” klingt, wie New Order schon seit zwei Jahrzehnten klingen, mit ein bisschen mehr Rock & Roll vielleicht und etwas weniger Dance. Warum? – “Weil wir nicht mehr in Clubs gehen.” – Warum geht ihr nicht mehr in Clubs? – “Weil wir lange genug in Clubs gegangen sind. Wir gehen jetzt lieber in Museen.” – Die Songs klingen sehr rockig. – “Ja, nicht wahr?” – Mit sehr vielen Gitarren…. – “Ja, wir benutzen wieder mehr Gitarren. Weil wir wieder mehr auf Gitarren komponieren.” – Das macht Sinn. In “Turn My Way” singt Bernard “I don’t wanna be / like other people are / don’t wanna hold the key / don’t wanna wash my car”. Klingt nach jugendlicher Rebellion? – “Klingt nach Bernard. Und es klingt wahr. Bernard will nicht werden, wie andere Leute sind. Und er wäscht sein Auto nie.” Hat er denn überhaupt ein Auto? “Ja, aber er wäscht es nie. Ich hingegen wasche mein Auto regelmäßig!” Dann schaut Steven Morris aus dem Fenster und betrachtet die Kölner Innenstadt wie eine ausgerollte Decke, auf der er sich gerne etwas ausruhen möchte. Acht Jahre sind vergangen, seit New Order ihr letztes Album “Republic” veröffentlicht haben. Damals musste ihr Club Hacienda schließen, ihr Label Factory ging bankrott und New Order getrennte Wege. Wohin Steven Morris ging, weiß er nicht so genau. Wahrscheinlich nach hause. Dort nahm er mit seiner Frau Gillian unter dem Namen “The Other Two” Platten auf. “Weißt du, ich habe immer davon geträumt, mir zu hause ein Studio einzurichten. Das habe ich dann auch getan. Und ich kann dir sagen, das war eine schlechte Idee. Denn wenn man es hat, benutzt man es auch. Wahrscheinlich habe ich die ganze Zeit im Studio gesessen… wie schrecklich. Acht Jahre lang. Das kann nicht alles gewesen sein, aber mir fällt nichts anderes ein.” Zwar hat niemand der vier an eine Zukunft von New Order geglaubt, doch dann war es plötzlich wieder soweit. “Es hat sich einfach entwickelt!” – Macht es Spaß? – “Es ist niemals einfach!” Es entwickelt sich! Es ist niemals einfach! Get Ready! Wofür? Dafür! Mehr muss man nicht wissen!

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.