HipHop ist die führende Musik in Nigeria. Ein Magazin mitten aus der Szene heraus gibt es auch: HipHop World - The Voice of a Generation. Chefredakteur Ayo Animashaun erklärt, was noch zu tun ist, damit Terry tha Rapman neben Eminem verhandelt wird.
Text: Annett Busch aus De:Bug 101

“Hi, I am a … ehn? I am a … what?” Die Referenz ist mit dem ersten Ton klar und wird mit dem zweiten Wort verschoben. Aus “Hi! My name is …” wurde eine “Hi! I am a …” Hier verhandelt jemand nicht einen individuellen Namen, sondern einen nationalen Zustand. Und als Antwort bekommen wir ein Land genannt, das in Projektionsfläche, Größenwahn und Schizophrenien aller Art der Kunstfigur, die Eminem einst erfand, in nichts nachsteht. “I am a Nigerian.” “Hi, do u trust Nigerians? Kinda people who are rugged and resilient, shady like Sicilians? … When my girl starts buggin’ me 2 spend, I can’t stand it cuz she be like ‘You Nigerians are not romantic!’… Who needs Calvin Klein, when you got Oko Klien?” Hier rappt Terry tha Rapman, einer der Intellektuellen innerhalb der heterogenen nigerianischen HipHop-Szene, die sich vor allem in Lagos und der Hauptstadt Abudja längst einen Namen gemacht hat – auch wenn das hier niemand imstande ist wahrzunehmen.

Eedris Adulkareem, Modenine, Azadus, Ruggedman, African China, 2 Face, Bantu, OD, The Thourough Breds und wie sie alle heißen. Dass diese Szene inzwischen als Stimme einer Generation wahrgenommen wird, ist auch und vor allem dem Journalisten Ayo Animashaun zu verdanken. “Ende der 80er hab ich all die frühen Rapper gehört, Big Daddy Kane, Run DMC, all das. Wir sind nicht in den USA, aber in den Straßen Nigerias laufen etliche Jungs rum, die mehr von HipHop verstehen als die Jungs in New York. Das ist ihr Leben.” Vor zehn Jahren hatte Ayo eine Vision und alle hielten ihn für verrückt. Er wollte eine HipHop-Zeitschrift gründen in einem Land und zu einem Zeitpunkt, wo HipHop in der öffentlichen Wahrnehmung komplett inexistent war. Fela Kuti war gerade an den Folgen von Aids gestorben und Afro Beat hatte seinen unbeugsamsten Leader verloren. Oder den ersten großen Rap Star, wenn man der Argumentation von Eedris Abdulkarim folgt: “Fela rapped because he talked, when you talk you rap and this is my stand.” Populäre Musikstile wie Fuji oder Juju hatten alles Mögliche im Sinne, nur keine Aufklärung. In einem Land, das 150 Millionen Menschen zählt und eine Bildungsrate von sechs Prozent vorzuweisen hat, wo Korruption zum guten Ton und Stromausfall zur Tagesordnung gehört, während Unmengen an Öl-Dollar in privaten Luxus investiert werden.

Fuckin’ Passion

Ayo sah die unbedingte Notwendigkeit einer Gegenöffentlichkeit. Geld hatte er keins, hatte aber in einem Buch gelernt: “All you need is passion, money will come.” Das Motivationsmantra in die Tat umzusetzen, hat ihn zwei weitere Jahre gekostet. Heute liegen vier gesponserte Mobiles mit unterschiedlichen Klingeltönen auf dem Tisch, daneben das neueste Modell einer multifunktionalen Armbanduhr, einsatzfähig als Aufnahmegerät, Adapter oder Zwischenspeicher für die Bilder vom letzten Shooting. Auf dem Boden stapelt sich die aktuelle Ausgabe von “HipHop World – The Voice of a Generation”. Das Cover zitiert dick aufgetragene HipHop-Ästhetik. Der Titel “The Powerhouse – Most influential people in the Music Industry” zeigt sechs finster dreinblickende Figuren, aufgereiht mit verschränkten Armen in kämpferischer Pose. Ob es unfreiwilliger Trash, ironisches oder eben ironiefreies Statement ist – schwer zu sagen. Auf jeder Seite herrscht hemmungslos das Diktat der Werbung, überbelichtete Fotostrecken irgendwelcher Guinness- und Nescafé-Parties, Ayo im Arm mit 50Cent, viel zu viel unterschiedliche Typo – doch wem es gelingt, auf den verbleibenden Flächen die Artikel zu lesen, wird feststellen, dass hier jemand seine Arbeit sehr ernst nimmt. “You can buy space in the magazine, advertising, but you can’t buy what we tell the public. When we feel it, we report it.” Eine smoothe Vermischung von Anzeige und Meinungsbildung findet hier jedenfalls nicht statt.

Hip-Hop ist in Lagos noch lange nicht Mainstream. Auch wenn Stars wie 2Face an jeder Straßenecke von riesigen Werbetafeln lächeln, einer Biersorte zuliebe. Als Ayo vor zehn Jahren mit seiner Arbeit begann, war HipHop höchstens in Form von miserabel aufgenommenen Tapes verfügbar, keine Plattenfirma wäre auf die Idee gekommen, einen Rapper zu signen. Geändert hat sich das mit dem ersten Hit namens ”Shakomo“ Ende der 90er. Eedris Abdulkarim, Popstar und Enfant terrible der nigerianischen Rapszene, hatte den Song für seine alte Band The Remedies geschrieben. Damit kam der erste Plattenvertrag für Eedris mit dem Major ”Kennies Musik“ und, wie so oft, das Zerwürfnis mit der Band. Aufgewachsen im muslimisch fundamentalistischen Norden, verkörpert Eedris das Aufstiegsmärchen aus dem Ghetto. Er wird nicht müde, seine Mission zu predigen: HipHop als eine Art Abendschule. Zuletzt hatte er eine Aidsstiftung und sein eigenes Plattenlabel, La Kreem, gegründet und mit seinem letzten Album, “Letter to Mr. President” das Staatsoberhaupt Olusegun Obasanjo unmissverständlich aufgefordert: “We want solution! My people die accross the nation.”

Oldschool-Impetus

“The whole HipHop thing has shifted to commercial music. People just make money. All that bling bling, the girls and all that. But that’s not the essence of the culture.” Ayo redet sich gern in Rage. “We inform, we school, we lecture”, so Ayo. Der Oldschool-Impetus scheint unter denen, die derzeit vorne sind in der Szene, Konsens. Stil, Lyrics und Subjects sind allerdings völlig verschieden. Eedris gelingt mit seinen Songs inzwischen medienwirksame Aufmerksamkeit und ”Mr. Lecturer“, ein Stück über sexuelle Nötigung an den Schulen, ist zur rhetorisch ironischen Waffe vieler Schülerinnen geworden. Modenine bedient sich bei Malcolm X, den berühmt berüchtigten SPAM-Mails oder einem Schriftsteller wie William Wordsworth. Aufgeregte Diskussionen fangen an dem Punkt an, wenn es um Sprache und internationale Anerkennung geht. “Wer in Pidgin rappt, verdient mehr”, bringt Modenine die Sache auf den Punkt, auch wenn es nur die halbe Wahrheit ist. Er war acht, als seine Eltern von London nach Lagos umgezogen sind und Pidgin war für ihn eine Fremdsprache wie für andere Englisch. Er wurde von den meisten schlicht und ergreifend nicht verstanden. Modenine hat seine Hausaufgaben gemacht, doch konsequent in Englisch zu rappen, ist für ihn zu einer Frage der Haltung, der Selbstachtung geworden – auch auf die Gefahr hin, nicht oder noch nicht verstanden zu werden.

Bis es irgendwann selbstverständlich wird, einen Hit wie “I am a Nigerian” von Terry the Rapman neben dem von Eminem zu verhandeln, wird es noch eine Weile dauern. Euphorische Foren und Seiten wie http://www.naijajams.com dürften für eine Rezeption, die neue Verbindungen zieht, mehr Bedeutung haben als MTV. Vor einem Jahr wurde MTV Base Africa gegründet, angetreten, afrikanische Popmusik international bekannter zu machen. Doch Ayo bleibt skeptisch: “Nimm 2Face als Beispiel. Er hat den Preis für den besten afrikanischen Künstler bekommen, aber konnte man das Video in Europa sehen? Nein. Nur in Afrika.” Ayos Stimme überschlägt sich fast: “Das Problem ist, die Leute hier wissen das nicht. Sie sehen, ooh, 2Face auf MTV, und denken, cool, das ist in der ganzen Welt, aber das stimmt nicht, das ist dumm. Das wird nur in Afrika ausgestrahlt. Das ist das große Missverständnis, und das ist unglaublich ermüdend.”

Bei out:here records in München erscheint dieser Tage der Sampler: “Lagos stori plenti: Urban sounds from Nigeria”. Im März gehen Eedris Abdulkareem, Mode9, African China, Bantu und Ruggedman auf Deutschlandtournee. 28. 3. München/Zerwirk, 29. 3. Berlin/HAU, 30. 3. Leipzig/Conne Island, 31. 3. Hamburg/tbc, 1. 4. Köln/Stadtgarten. Reise, CD und Tour wurden unterstützt von der bpb.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.