Sehnsucht und Einbildung sind die größten Antriebsquellen für große Kunst. Wenn man im verschnarchten Uppsala hockt, sind die Bedingungen also bestens – wie Erik Möller mit seinen beiden Projekten Unai und Spinform beweist.
Text: Hendrik Lakeberg aus De:Bug 103

Uppsala liegt eine Stunde von Stockholm entfernt. Die Provinzstadt ist gerade so groß, dass die Resonanzen urbaner Kultur, die aus Stockholm gesendet werden, nicht vollends verklingen, aber zu klein und bürgerlich, um eine stabile Subkultur hervorzubringen. Das Dilemma von Uppsala ist eines vieler Städte ähnlichen Formats. Jeder, der an solchen Orten lebt und zugleich mit einem Minimum an kulturellem Interesse gesegnet ist, kennt dieses Leiden. Urbaner Lifestyle, Sub- und Clubkultur tropfen nur langsam aus den Magazinen, aus der Musik, den Designs, den Bildern und Texten der Platten und sickern in die Köpfe einiger weniger. Hat man sich mal darin vertieft, ist das subkulturelle Wissen dort besonders kostbar, denn es ist rar, es wird einem nicht hysterisch nachgeworfen und gelangweilt abgenickt wie in den Hot Spots der urbanen Kulturboheme. Das ändert jedoch nichts daran, dass in Uppsala die Versprechungen der Musik besonders schnell und gründlich an der Wirklichkeit zerschellen können. “Es gibt hier wenig Clubs und die Clubs, die es hier gibt, sind meistens unglaublich schlecht. Wenn du ausgehst, erwartest du irgendwie immer wieder, dass alles gut wird, du wolltest ein Mädchen treffen, einen schönen Abend haben und im Endeffekt war es eine Katastrophe. Du hast engstirnige Leute getroffen, der DJ hat die Charts rauf und runter gespielt und dann gehst du im kalten Regen nach Hause. Das ist mir ständig passiert.”
Erik Möller hält Uppsala aber tapfer die Treue: Obwohl sich sein Bruder und Teile seines Freundeskreises peu à peu nach Rom und Berlin verabschiedet haben, lebt er weiterhin dort. Seinen musikalischen Projekten scheint das jedoch nicht geschadet zu haben. Im Gegenteil. Nach einer kreativen Pause, die unter anderem dem Clash von Achim Szepanskis Label-Imperium um Mille Plateaux und Force Tracks geschuldet war, legt Erik Möller nun mit “A love moderne” passend zum Relaunch von Force Tracks das lang angekündigte Unai-Album vor: “Das Album sollte eigentlich auf Achims Label Disco Inc. erscheinen. So um Weihnachten letztes Jahr bekam Achim aber dann die Rechte für Force Tracks, Force inc. und Mille Plateaux zurück. Die Tracks für das Album waren zu diesem Zeitpunkt schon fertig. Wir entschieden aber noch zu warten und das Album auf Force Tracks zu veröffentlichen. Es hat sich also alles etwas verzögert.”
Und damit nicht genug: Parallel zu “A love moderne” erscheint ein neues Album von Eriks Elektronika-Projekt Spinform auf dem dänischen Label Hobby Industries.

Disco vs. Dielenknarzen
So groß die Unterschiede zwischen Spinform und Unai in klanglicher Hinsicht auch sein mögen, es gibt Gemeinsamkeiten: Beide Alben folgen einem minutiös durchdachten Konzept und beide zeigen eine eindeutige Tendenz in Erik Möllers musikalischer Entwicklung: die Hinwendung zu warmen, klar konturierten Melodien. “Früher waren die Spinform-Tracks sehr viel mehr auf reine Atmosphäre angelegt und lebten von einem kühlen Soundgerüst. Bei Unai war ich immer auf die Funkyness aus, die Tracks sollten dich in erster Linie zum Tanzen bringen. Heute sind mir bei beiden Projekten Harmonie oder eine Hookline, die du mitpfeifen kannst, die etwas emotionales transportiert, viel wichtiger.” Erik sucht nach Worten: “Es ist so etwas wie die warme menschliche Seite an Musik, die mich zurzeit wieder stärker interessiert. Wenn ich zurückblicke, liegt etwas Verbindendes in jeder Musik, die ich gehört habe. Schon als Kind Anfang Mitte der Achtziger, als ich anfing Musik erstmals wahrzunehmen, habe ich mich für die harte, düstere elektronische Musik der Achtziger nie wirklich interessiert. Ich mochte immer schon Disko und Italo-Disko-Musik, Kano, auch so cheesiges Zeug wie Ken Laslo. Die Verbindung von den warmen, rhythmischen, afro-amerikanischen Elementen mit der kühlen, strengen Seite elektronischer Musik. Darum geht es auch in meiner Musik, ob bei Unai oder indirekt bei Spinform.”
Das Spinform-Album nennt sich “Bryter tystnaden”. Es entstand im letzten Sommer in einem alten, einsam gelegenen Haus in Schweden. Erik ging dort für ein paar Wochen in Klausur, klimperte auf einem maroden ungestimmten Klavier, arbeitete mit alten Orgeln und bastelte aus dem knarrenden Holzdielen des Fußbodens rhythmische Figuren. “Ich wollte, dass die Tracks etwas Unheimliches und Zeitloses bekommen. Die Basis ist schon ganz klar elektronische Musik, aber gleichzeitig liegt in ihr ein Element, das nicht wirklich datierbar ist, also entweder sehr alt sein oder aus der Zukunft kommen könnte.”

Eine Sache der Liebe
Erik Möller hat sich abgewendet von der formalen, kühlen, futuristischen Strenge, die ihn in seinen früheren Arbeiten interessiert hat. Fasst man seine Entwicklung auf das Wesentliche zusammen, so könnte man sagen, dass er unverkrampfter mit seinen Ideen umgeht, freier assoziiert, sich von klar abgesteckten Grenzen emanzipiert hat. Eine Entwicklung, die auch auf dem Unai-Album “A Love Moderne” deutlich spürbar ist. Von dem funktionalen, gegenwartsbezogenen Minimalismus des deutschen Techno, der Erik Möller ab Mitte der Neunziger entscheident geprägt hat, sind nur noch Überreste geblieben. In seinem konzeptionellen Eifer scheint er vor allem drei Dinge beschlossen zu haben: Genregrenzen, auch die des Minimal-Techno, sind extrem dehnbar, Referenzlosigkeit und selbstzweckhafter Soundfetischismus waren gestern und vor allem: Schluss mit der Bescheidenheit. “A Love Modern” ist glitzernde Neo-Disco, die so klingt, als hätte das Architektur-Büro Coop Himmelblau das Studio 54 restauriert. Und die beiden Vorab-Releases “I like your style” und “Oh you and I” hatten es angekündigt: Erik hat seine Stimme entdeckt. Mittlerweile croont er sich auf fast allen Tracks durch die großen Gefühl-Sujets der Popmusik. Alles dreht sich um die “Problèmes d’amour”, die Liebe, den Verlust und letztendlich um das, was unterm Strich immer irgendwie übrig bleibt, die Melancholie. Zeitlose Themen, beschrieben in wenigen Worten, runtergebrochen auf die Essenz. In gewisser Weise gilt Eriks Faible für die Zeitlosigkeit auch für die musikalischen Belange bei Unai: “Ich mag es mittlerweile mit Einflüssen zu arbeiten, die nicht notwendigerweise hundertprozentig neu sind, aber gute Ideen beinhalten, die immer noch funktionieren.”
Referenzen wie Kano, Alexander Robotnik, Pet Shop Boys, Robert Owens, Frankie Knuckles “Your Love” und die deephousigen Main-Street-Tracks kreisen wie Satelliten um das Album, werden aber respektvoll auf Abstand gehalten, fein säuberlich ausgewertet, zusammengewürfelt und mit dem Unai-typischen, eleganten Sounddesign glasiert. “A Love Moderne” ist Kopfdisko – oder Clubkultur betrachtet durch die Brille eines unschuldigen Romantikers. Würde man die Party-Szene aus La Boum in einen Club transponieren, dann liefe dort Unai auf Heavy Rotation. Eigentlich erzählt das Album in überspitzter Form von all dem, was Erik Möller nicht um sich hat, wenn er im verregneten, mittelgroßen, mittelmäßgen Uppsala seinem Tagesjob als Anchor Man der Nachrichten eines lokalen Radiosenders nachgeht. Ganz nach dem Motto: Je trister die Umstände, desto größer die Projekte, dehnt sich der virtuelle Ort Unai immer weiter aus: “Ich langweile mich sehr schnell. Viele Leute haben zu wenig Ideen und müssen die paar Ideen immer wieder durchdeklinieren, um musikalisches Neuland zu erreichen. Bei mir ist das genau andersrum. Ich muss immer ein starkes Konzept hinter der Musik haben, eine starke Idee. Ich habe mich gerade bei Unai sehr limitiert. Unai soll größer werden. Ich würde gerne mit einem Orchester arbeiten, die Musik noch mehr in eine komponierte Richtung entwickeln.” Gut, dass es Städte wie Uppsala gibt.

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Elektronische Lebensaspekte.