Robot Koch & Kuedo über Emotionen im HipHop
Text: Michael Döringer aus De:Bug 161


Foto: Freehand Profit

Der eine hat sich kürzlich selbst wieder zum Newcomer ernannt und schraubte letztes Jahr mit “Severant” den Bladerunner Soundtrack neu. Der andere steht derweil zu seiner Drei-Alben-Vergangenheit und sucht weiter nach dem perfekten Song, der auch ohne Beat funktioniert. Was beide verbindet, ist HipHop im vocal-freien Raum. Statt die goldenen Regeln des Genres herunterzubeten, setzen die Protagonisten auf Emotionen.

Wer jemals eine leidenschaftliche Beziehung zu HipHop hatte, wird diese Zuneigung niemals ganz verlieren. Man behält sein Gespür für das besondere Etwas, das einem der Sound dieser so einfach konstruierten Musik immer gegeben hat. Aus einem kurzen Drumloop und zwei, drei kleinen Samples erwächst eine Ausdrucksstärke, die für viele wegen ihrer musikalischen Subtilität immer unverständlich bleiben wird, und für andere die Welt bedeutet. Dazu kann man tanzen und die Arme hochreißen, aber auch einfach nur mit dem Kopf nicken, tief in sich hinein. Den Effekt, den ein schwerer, langsamer Beat auslöst, wird man immer erfühlen und seinen HipHop-Stallgeruch erkennen, egal mit was er sich sonst noch schmückt.

Weder Kuedo noch Robot Koch würde man gerecht werden, wenn man ihre Produktionen einfach nur HipHop nennt. Sie klingen nur bedingt ähnlich und positionieren sich auch sehr unterschiedlich zu ihren Einflüssen und der Rolle, die HipHop für sie spielt. Aber da ist dieses Zugehörigkeitsgefühl, dieser grundsätzliche Vibe und HipHop-Gestus ihrer Tracks, auf dem sie aufbauen, andere Elemente hinzufügen und wie früher DJ Shadow oder Rjd2 den simplen Beat weiter ausformulieren: ins Songhafte und episch Melodiöse. Nicht wie vorher genannte durch eine noch stärkere Fusion mit klassischem Soul- oder Jazz-Samplesurium, sondern einen futuristisch-elektronischen Anstrich. Weil die beiden in Berlin lebenden Musiker ihre aktuellen Alben aus ganz unterschiedlichen Antrieben heraus produziert haben, lässt sich ihre Position zum HipHop-Element ihrer Musik allerdings nicht ganz in Einklang bringen.

Zeitlose Soundpaintings
Beginnen wir mit reflektierter Distanziertheit. Robert Koch ist wirklich kein Neuling im Beat-Geschäft. Als Teil der verdubglitchten Hipster-Rap-Combo Jahcoozi betreibt er seit Jahren exzessives Genre-Mashup, wie auch solo als Robot Koch – schon sein drittes Album hat er 2011 hingelegt. Waren seine ersten beiden Longplayer noch voll mit halb-gebrochenen Instrumentals, die ihm Vergleiche mit Flying Lotus einbrachten, wirkt “The Other Side” aus dem letzten Jahr ausgeklügelter, deeper und zugänglicher. HipHop als einen großen Bestandteil seines Sounds will er nicht verneinen, doch sich nie darauf reduzieren lassen: “Viele bezeichnen meine Musik als Collage, als Soundpainting und finden, dass ich eher wie ein Maler an Musik rangehe, der Schichten von Farbe oder andere gefundene Sachen übereinander legt. Wenn man in Genres sprechen möchte, dann schichte ich wohl einen Layer Hiphop über einen Layer Dub. Dazu Reggae und David Bowie, viele Einflüsse sind schon außerhalb von HipHop anzusiedeln. Auch wenn ’36 Chambers’ sicherlich eine wichtige Platte für mich war, bin ich niemand, der die goldenen Regeln des HipHop runterbetet.”

Koch sieht sich nicht nur als schnöden Beatmaker, sondern misst sich an Allround-Produzenten wie Rick Rubin. Er sei zur Zeit eher an richtigen Songs interessiert, Stichwort James Blake: “Sachen, wo coole Sound-Ästhetiken wieder mit wirklich gutem Songwriting zusammengeführt werden. Diesen Ansatz finde ich viel interessanter als HipHop zu machen.” Obwohl Koch das in Erster-Liga-Manier kann: Neben Beats auf den Alben von Materia und Casper hat er 2011 mit John Robinson als MC eine reinrassige, elektronisch aufgeladene Rap-Platte gemacht, die man zwischen Antipop Consortium und die kollaborative Konzepthaftigkeit von Deltron 3030 stecken kann, die klassisch und nach Zukunft zugleich klingt. Nach dem jahrelangen Producer-HipHop-Ding mit FlyLo als Posterboy, das den MC überflüssig machte, sei das wieder ein schlüssiger, frischer Ansatz gewesen. “Gordon von Project:Mooncircle hatte die Idee dazu. Er meinte, es gäbe gerade so viel Beat-Zeug, lass uns mal wieder ‘ne HipHop-Scheibe machen. Da wäre ich selber nicht drauf gekommen, weil ich das nicht mehr so extrem gefeiert habe wie noch vor zehn Jahren, aber es hat mich gereizt. Im Idealfall schafft man zeitlose Musik, die einen Jahre später immer noch flasht!”

Kometenmelodien
Dieses Ideal hat Jamie Teasdale alias Kuedo mit seinem letzten Meisterwerk “Severant” erreicht. Er schlug eine überraschende Wende in seinem Musikerdasein ein, nachdem er als Teil des Londoner Duos Vex‘d schon um 2005 große Experimente zwischen IDM und Dubstep veröffentlicht hatte. Vor ein paar Jahren hatte er genug davon, ging nach Berlin und vollzog als Kuedo einen Neustart. Jamie steht dem HipHop-Bezug viel entspannter gegenüber, weil er als Produzent aus einer ganz anderen Ecke kommt. Für ihn besteht erst gar nicht die Gefahr, auf ein Genre festgenagelt zu werden, im Gegenteil. Die meisten nehmen den eindeutigen Flavour, den sein Album atmet, überhaupt nicht wahr: “Im Gegensatz zu anderen Genres, denen mein Album oft zugerechnet wird, ist HipHop das zutreffendste. Gerade die Rhythmen und die Instrumentierung orientieren sich stark an modernem Rap. Wer mit dieser Musik vertraut ist, hört das auch. Die anderen ordnen es oft Stilen wie Dubstep oder IDM zu. Was ich verstehen kann, weil es Ähnlichkeiten gibt, aber da wurzelt meine Musik nicht. HipHop und Rap-Musik war immer die wichtigste Musik in meinem Leben.”


Foto: The Binh

“Severant” ist ein episches Weltraumabenteuer und klingt wie eine moderne Blade-Runner-Vertonung. Synthesizer-Kompositionen von Vangelis oder Tangerine Dream sind die eine Inspirationsquelle für Kuedo, eine Parallele zum spacigen Neo-New-Age etwa von Oneohtrix Point Never. Er zaubert sentimentale Kometenmelodien aus den Vintage-Kisten, die einen extrem retrofuturistischen Touch haben. Dazu gesellen sich allerdings schwere 808-Beat-Gerüste mit einem Blitzgewitter aus verhallten Snares und Rattlesnake-HiHats (die auch Kollege AraabMUZIK exzessiv in die MPC trommelt), das Markenzeichnen von “Trap-Rap” aus den US-Südstaaten. Und diese wuchtige Kombination klingt genauso irre und mächtig, wie sich das hier liest. Wie kam der schüchterne Schlacks bloß auf die Idee, nach seinen kühlen Vex‘d-Platten ein so emotionales Feuerwerk abzubrennen? “Ich wollte alles frühere ignorieren und fragte mich: Wenn ich jetzt Musik machen würde, ohne je zuvor etwas produziert zu haben, was würde ich dann wirklich schreiben? Was wäre authentisch, basierend darauf, was ich selber höre? Um wirklich inspirierende Dinge zu kreieren, muss man sich selbst gegenüber viel ehrlicher sein.” Das Resultat ist eine Gratwanderung zwischen Heute und Gestern, die genau in diesem Spannungsverhältnis lebt. “Mir war bewusst, dass die romantisch-futuristische Anmutung von progressiver Synthesizer-Musik der 70er und 80er irgendwie retro wirken könnte. Ich wollte auf keinen Fall in die Vergangenheit reisen, deswegen passt die Verbindung mit den Rhythmen von Footwork und aktuellem Rap so gut – um wieder in die Moderne einzusteigen.”

Vocalfreier Raum
Der HipHop-Beat ist die Grundlage dafür, was Jamie mit musikalischem Storytelling und melodischem Leben überzieht, um das Ganze zum perfekten Song werden zu lassen. Der nicht auf den kurzen, hypnotischen Loop setzt, sondern sich entwickelt, erblüht und wieder eingeht. Eine Dichte, die keine Raps oder Vocals braucht und keinen Raum für sie lässt. Auch für zukünftige Robot-Koch-Platten wird diese Kombination gelten: “Der Beat muss cool sein, das kann auch immer nah am HipHop sein, mit einer fetten 808. Aber wenn dann das Songwriting, der Song, der in diesem Gewand verpackt ist, auch noch stark ist – so, dass du ihn am Klavier spielen könntest – das ist next level! Bei vielen Sachen ist da einfach nichts mehr, wenn du die Produktion wegnimmst. Spiel mal ‘ne Flying-Lotus-Nummer am Klavier, da ist nichts mehr, wenn der Beat weg ist. Und das reizt mich persönlich nicht mehr.”

Kuedo, Severant, ist auf Planet Mu erschienen.

Robot Koch, The Other Side, ist auf Project: Mooncircle erschienen.

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