New York hat seine letzte musikalische "Revolution" in den 70ern gesehen. Disco. Und die Wellen der glitzernden Erschütterungen von damals stranden nach wie vor an dem Untergrund der Clubs von heute und werden nicht nur nach Perlen durchsucht, sondern zusammengestampft täglich zu neuen Paillettenhemden verarbeitet. Nicky Siano, die Legende von damals meldet sich jetzt zurück, und pfeift als angehender 50er auf Retro.
Text: Felix Denk aus De:Bug 87

Damals ist Jetzt
Nicky Siano

Tatsächlich ist alles wie damals: Luftballons schweben über den Köpfen, Girlanden schmücken die Wände und die Diskokugel dreht sich fleißig um sich selbst. Ein bisschen Kindergeburtstag, ein wenig Weihnachten bei Oma – aber so sah es eben aus, in der Gallery, dem Club, den Nicky Siano in den 1970er Jahren in New York schmiss. ”In manchen Momenten dachte ich wirklich, ich wäre wieder da”, lobt Siano die liebevoll dekorierte Party, die Soul Jazz Records zur Veröffentlichung seiner ”The Gallery”- Compilation in London steigen ließ.

Die Gallery war eine der heißesten Adressen, wenn man damals in New York tanzen gehen wollte. Ohne persönliche Einladung kam man erst gar nicht rein, denn der Club wurde mangels Lizenz als Privatparty veranstaltet. Hautfarbe und sexuelle Orientierung waren an der Tür dagegen egal, Hauptsache man machte auf der Tanzfläche eine Figur. Dort mischte sich die unbekümmerte Experimentierfreude aus der Hippie-Ära mit dem unbändigen Hedonismus der Discophase. Beschallt wurde das Ganze von Siano, der gerade mal 17 war, als er mit seinem Bruder Joe die Gallery eröffnete. Die Maxi-Single war noch nicht erfunden, da legte er bereits mit drei Plattenspielern auf, baute Soundeffekte in seine Sets ein und schraubte wild an den EQs rum. Das Publikum liebte seine Extravaganzen. Bei großen Hits sangen alle laut mit, so laut, dass Siano manchmal die Musik ganz ausmachte. Auch Frankie Knuckles und Larry Levan hingen immer in der Gallery. Um dem Meister etwas auf die Finger schauen zu können, bliesen sie brav die Luftballons auf und rührten das LSD in die Bowle. Siano verhalf ihnen dafür später ins Musikgeschäft. Heute kennt jeder Knuckles und Levan. Aber Siano?

In ”Love Saves the Day”, Tim Lawrences minutiös recherchierter Geschichte der amerikanischen Clubszene der 1970er Jahre, kommt Siano auf die meisten Einträge im Pesonenindex, sogar auf mehr als David Mancuso, dem Impressario des Loft. Siano brachte zwar vieles auf den Weg, aber trotzdem geriet er für lange Zeit in Vergessenheit – ein klassisches Pionierschicksal. Der Anfang vom Ende für Siano kam 1977. Eigentlich lief alles prächtig: Disko regierte die Charts, Siano war Resident-DJ im gerade eröffneten Studio 54 und auch der Gallery rannten die Leute nach wie vor die Türen ein. Siano war ganz oben – und konnte auf der Welle des Erfolges nicht die Finger von den Drogen lassen. Aus dem Studio 54 wurde er rausgeworfen, weil er sich dem musikalischen Massengeschmack nicht beugen wollte, so die Überlieferung. Dann wurde die Gallery geschlossen, weil Joe Siano die Kokainabhängigkeit seines Bruders nicht mehr mit ansehen konnte. Ein Jahr später landete Siano noch einen Hit, ”Kiss me again”, den er zusammen mit Arthur Russel produzierte. Danach zog sich Siano aus dem Musikgeschäft zurück und kehrte auch der Clubszene den Rücken. Als er Anfang der 1980er Jahre wieder clean war, nahm er an Meditationsgruppen teil und engagierte sich in spirituellen Workshops wie dem Healing Circle. Dort versuchte man Menschen zu helfen, die an einer Krankheit starben, die später unter dem Namen Aids traurige Berühmtheit erfuhr. Fortan widmete sich Siano alternativen Behandlungsmethoden der Immunschwäche-Krankheit. 1993 veröffentlichte er das viel beachtete HIV-Handbuch ”No time to waste”.

”Es ist doch Zeitverschwendung, etwas zu bedauern”, kommentiert Siano seinen damaligen Ausstieg aus dem Musikbusiness, der zu früh kam, um das große Geld zu verdienen und den ihm gebührenden Platz in der Dance-Geschichte zu untermauern. Trotzdem gibt er zu, manchmal nicht ganz frei von Eifersucht zu sein, wenn immer von allen möglichen Leuten die Rede ist, aber nicht von ihm. ”Spirituell kommen die Dinge eben so, wie sie kommen. Wenn man 16 ist, hat man all diese Ziele. Ich hatte meine mit 17 ja schon erreicht. Irgendwann wusste ich nicht mehr weiter. Das Universum hat mir dann gesagt, dass ich eine Weile aufhören muss, weil ich nicht wertschätze, was ich habe. Diese Lektion habe ich jetzt gelernt.” Siano, das hört man gleich, ist eher ein Kind der 1960er Jahre als der 1970er Jahre. Nur manchmal gerät sein hippiemäßiger Gleichmut etwas aus dem Gleichgewicht. Studio 54? ”Total überschätzt! Die haben mir die Lichtanlage aus der Gallery nachgemacht.” Paradise Garage? ”Nicht wirklich originell. Larry war vor allem als Produzent gut.” Überhaupt Disko! ”Das war doch alles recht flach, es ging nur um die große Kohle. Disko weine ich nicht hinterher.” Seine Gallery-Compilation fokussiert deshalb auch Songs, die vor 1974 produziert wurden, also eher auf die Phase vor Disko als die Frühphase von Disko. Damals versuchten die Stücke noch gewisse Inhalte zu vermitteln, waren funky und sozial engagiert. Eine Eigenschaft, die später im allgemeinen Trubel der Diskoära irgendwie untergegangen sein muss.

Während des Gesprächs bekommt Siano manchmal Schweißausbrüche, hin und wieder fällt ihm ein Wort nicht ein. Sein Leben ist nicht spurlos an ihm vorbeigegangen und trotzdem tritt er jetzt wieder als DJ auf. Los ging seine zweite Karriere hinter den Plattenspielern 1997, als er eingeladen wurde, zu Larry Levans Geburtstag im Body&Soul aufzulegen. Die Angst, die Kids auf der Tanzfläche vielleicht nicht mehr zu erreichen, quälte ihn nicht: ”Meine Stärke ist, dass ich so eine Verbindung zu den Tänzern habe. Gestern dachte ich, jetzt spiele ich mal ‘Love is the Message’. Ich suchte gerade nach der Platte, da kommt eine Frau von der Tanzfläche auf mich zu und fragt, ob ich nicht vielleicht ‘Love is the Message’ spielen könnte.” Disko Magie! Auch wenn er über das Auflegen spricht, kommt Sianos Hang zum Esoterischen durch: ”Liebe sollte alle unsere Entscheidungen leiten, nicht Furcht”, so sein Credo, das wohl aus der gleichen Zeit wie die meisten seiner Platten stammt. Die DJs heutzutage sind ihm oft zu ängstlich in ihrer Musikauswahl. Die wollen es zu sehr allen recht machen, statt auf ihre innere Stimme und – noch wichtiger – auf das Universum zu hören.

Mittlerweile spielt der mittlerweile 49-Jährige wieder regelmäßig und veranstaltet mit ”Luv City” eine eigene Clubnacht in New York, die alle zwei Wochen stattfindet. Natürlich verfolgt er das aktuelle Musikgeschehen, schließlich geht er dreimal die Woche in den Plattenladen, wie er stolz anmerkt. Wenn er auflegt, spielt er zu zwei Dritteln neue Stücke, den Rest bestreitet er aus seinem Klassiker-Repertoire. Manchmal bastelt er sich auch eigene Edits von Nummern, die ihm gefallen. In der Housemusic vermisst er generell die Vocals. ”Warum muss es immer um den Beat gehen?”, fragt er und lacht dabei, weil er ahnt, dass er jetzt onkelig klingt. Gerne spielt er Tortured Soul oder Quantic. Metro Area kennt er nicht, dafür aber Dani Wang, den er gerne hört, aber nicht auflegen würde. Housestücke, die sich explizit an Disko anlehnen, schätzt er nur bedingt, ebenso wie Housemixe von Diskoklassikern. ”Das ist wie mit Remakes von alten Filmen. Die sind oft unnötig.”

Genau wie damals in der Gallery bestreitet Nicky Siano auch in London die ganze Nacht. Der Club hat noch nicht geöffnet, da klettert er auf die Bühne und muss sich erstmal seine Brille aufsetzen. Immer diese kleine Schrift auf den Etiketten! Aber sobald er die richtige Platte gefunden hat und sich die richtige Seite auf dem Teller dreht, mutiert der 49-Jährige zum Partylöwen. Die Tanzfläche ist noch leer, da rudert Siano schon wild mit den Armen. Das Barpersonal freut sich, Siano ist wirklich hinreißend. Hinter dem Mischpult merkt man ihm die ereignisreichen Jahre, die hinter ihm liegen, nicht an.

Auch wenn an diesem Abend in London alles so aussieht, es ist trotzdem nicht die Gallery. Nicky Siano weiß das natürlich am besten. Später, als die Party voll im Gange ist, nimmt er das Mikrophon zur Hand – wohl ein DJ-Brauch aus vergangenen Tagen – und dankt allen dafür, dass sie gekommen sind, um die Compilation mit ihm zu feiern. Dann fordert er alle auf, sich doch den Film anzusehen, der gerade im Nebenraum läuft. Der wurde nämlich in der Gallery gedreht und da könnte man mal sehen, wie das damals wirklich war. Damals, als Siano die ganz große Nummer in New York war.

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Elektronische Lebensaspekte.