Bianca Heuser stellt das Londoner Labelroster vor
Text: Biance Heuser aus De:Bug 150

Von Großbritannien aus schwappt derzeit eine Welle außergewöhnlich junger Produzenten auf den Kontinent. Der schrägste Sound kommt dabei wohl von Night Slugs, einem Label das aus einer Londoner Partyreihe hervorging. Wie bei ihren Altersgenossen James Blake oder Pariah ist auch hier Dubstep die wichtigste Bezugsgröße, aber Night Slugs scheren dazu mit einer ansehnlichen Ladung quietschender Synthies und gepitchter Vocals ohne Scheu in Richtung Grime, Bassline und Ghetto House aus.

Den bisher größten Erfolg landete das erst seit einem Jahr bestehende Label mit “Wut“, der zweiten Girl Unit-Single nach”I.R.L“, die letzten Oktober erschien und sich mit wuchtigen Bass- und Synthesizerklängen irgendwo zwischen zerbrechlich und prollig weit über die Insel hinaus als Tanzflächenfüller erwies. Nur einen Monat später erschien die erste Ausgabe des Night Slugs Allstar-Samplers und seit diesem gleichermaßen experimentierfreudigen wie eingängig bassaffinen Best Of So Far dürfte es auch außerhalb fanatischer Fankreise eine Ahnung davon geben, dass dem Label sowie seinen Gründern Alex Sushon aka Bok Bok und James Connolly alias L-Vis 1990 einiges – und zwar Großes – bevorsteht.

Bei einem solch fulminanten Start lässt sich auch eine der wenigen Parallelen zu den britischen Gleichaltrigen ziehen: Die erwähnte Partyreihe nämlich haben Alex und James vor gerade einmal drei Jahren Anfang 2008 ins Leben gerufen. Die beiden teilten zunächst ihr obsessives Interesse für alles von Bassline über Grime bis Ghetto House, das sie bereits zuvor in ihren DJ-Sets zueinander gebracht hatten.

Nerds In Disguise
“Wir sahen in diesen Genres von Bassline und US-House bis Baltimore- und Chicago-Ghetto-House die Gemeinsamkeiten, nicht die Unterschiede und wollten ihnen ein zuhause in London geben. Die Verbindung mit unseren Jungle-, Garage- und Grime-Wurzeln entstand dann ganz natürlich”, erzählt Bok Bok: “Und es machte Sinn, das alles unter einen Hut mit der Soundsystem-Kultur von UK-Rave zu bringen, aus der auch wir kommen“, Dieses zuhause in Form der Night Slugs-Partys hat sich mit seinem modernen, cleveren Sound jenseits aller DJ-Konformitäten schnell seine eigene Nische in der Londoner Clubszene geschaffen.

Gerade diese soundästhetische Kompromisslosigkeit war vermutlich auch der Grund, warum eigene Produktionen sowie die von Freunden bei anderen Labels keinen Anklang fanden. Und die Gründung des eigenen Labels nahelegte. Eine kleine Reihe stilsicherer Singles und EPs später bringt es L-Vis 1990s “Forever You“ zwar längst nicht auf die über 2 Millionen YouTube-Aufrufe von James Blakes “Limit To Your Love“, aber der Track rief immerhin Modeselektor auf den Plan, die Bok Boks “Say Stupid Things“ auf der ersten Compilation ihres Labels Monkeytown veröffentlichen.

b2b
Trotz dessen und der freundschaftlichen Verbindung zu Numbers-Chef Jackmaster ist der eigentliche Kreis um Night Slugs ein kleiner:”Die meisten Künstler, die wir veröffentlichen, kennen wir vom gemeinsamen Auflegen. Phil (Gamble, aka Girl Unit) kannte ich zum Beispiel schon vor dem Label. Er war als DJ von Anfang an involviert und das trifft bis zu einem gewissen Grad auf die meisten von uns zu.“ Diese persönliche Nähe ist wohl auch der Grund dafür, dass man bei Night Slugs so gern und in zahlreichen Kombinationen b2b, also back to back, spielt. Denn im ständigen Wechsel zwei Tracks aufzulegen, schaffen wohl die wenigsten DJs eine ganze Nacht lang.

Dazu muss man die Auswahl des anderen, wie Alex sagt, sehr genau kennen: “Die ganze Idee ist, es ständig in verschiedene Richtungen zu ziehen und den Prozess trotzdem zusammenzuhalten. Mit dem einen klappt das besser als mit dem anderen, aber generell muss man dazu unbedingt eine gewisse Vorstellung teilen und sehr aufmerksam sein.“ Und ein Gespür füreinander haben, den Sound des anderen begreifen und bereit sein, dessen Ästhetik ins eigene Set einzubinden. Auch letzteres wird durch die Nähe, die in Night-Slugs-Kreisen herrscht, einfacher. Wen Alex und James signen, der hat immer etwas gemeinsam mit der Soundidee von Night Slugs.

Still Living UnderGround
Was diese Soundidee jedoch genau ausmacht, ist erstmal schwer zu sagen: Es ist weder Dubstep, der sich durch jedes Release zieht, noch sind es die Baile-Funk-artigen Beats, die man beispielsweise bei Lil Silva findet. Trifft man die Akteure, wagt man sich auch kaum noch Worte wie prollig oder tough in den Mund zu nehmen. Die haben zwar ihre Berechtigung, aber wenn Phil trotz Regen und Gästelistenplatz nicht mal daran denkt, sich vor dem Berghain woanders als am Ende der Schlange zu platzieren, hört man “Wut“ plötzlich doch anders.

Da bekommt man erst einmal mit, wie zart dieses gepitchte Stimmchen ist, wie süß es da in den Höhen klimpert und dass die Milli-Vanilli-Referenz im Namen (angefangen hat er als Girl U No It’s True) nicht von ungefähr kommt, selbst wenn im selben Song Sirenen heulen. Es bleibt also kompliziert. Doch während man sich selbst ein Bein ausreißt, um zu erklären,”was die so machen“, halten die Akteure es simpel und verwenden nicht mehr als zwei Worte, um sich selbst zu klassifizieren. Auf den Flyern zu ihrer Partyreihe steht dann einfach: House/Bass.

Erst Jacques Greenes Schmuckstück” (Baby I Don’t Know) What You Want“ bringt ein wenig Licht ins Dunkel: Das Musikvideo dazu ist nämlich die Sequenz aus Stanley Kubricks “2001: Eine Odyssey im Weltraum“, in der es Astronaut Bowman gelingt, HAL 9000 abzuschalten und so sein Leben zu retten. Was hier die Beschreibung des Night Slugs-Klangs vereinfacht, ist die Parallele, die man zur Videoästhetik ziehen kann: Das moderne Setting passt zur Klarheit des Tracks, die Schwerelosigkeit dazu, naja, dass es eben House ist und das rote Licht zur Wärme, die von den flehenden hohen Stimmchen ausgehen.

Fragt man Alex, der auch für den optischen Charakter von Night Slugs verantwortlich ist, nach dessen Look, bekommt man genau diese Erkenntnis serviert: “Der Look kam genauso organisch zustande wie alles andere, aber die Idee, die darüber stand, war, über die Cover und Flyer zu vermitteln, wie die Musik klingt: Sie ist dunkel, aber mit leuchtenden Elementen, synthetisch, monolithisch, manchmal sehr simpel und bausteinartig.“ Damit ist nicht nur die Klassifizierungsproblematik erstmal gelöst, sondern auch noch gezeigt, dass er und seine von Grime großgezogenen Kollegen sich nicht scheuen, ihre Goldketten und fetten Beats auch in aller Öffentlichkeit mit einer Menge Zärtlichkeit und Poesie zu polieren.

http://www.nightslugs.net
http://www.myspace.com/girl_unit
http://www.myspace.com/djbokbok
http://www.myspace.com/lvis1990

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